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»Kein Humor in Deutschland«

Ein Gespräch mit dem Neu-Leipziger Schriftsteller Yamen Hussein

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Noch ist es nicht zu kalt, um an diesem kühlen Herbsttag in einem Leipziger Café draußen zu sitzen – außerdem kann man dabei rauchen. Yamen Hussein dreht sich eine Zigarette, bestellt einen großen Kaffee und redet über Humor in Deutschland, Bewegung und was er mal werden will.

kreuzer: Sie sind in Homs geboren – einer Stadt, mit der hier hauptsächlich brutale Kriegsbilder assoziiert werden. Wie ist Ihr Homs gewesen?

YAMEN HUSSEIN: Jede Stadt in Syrien hat etwas Besonderes – und Homs steht für den Humor. Der Mittwoch gilt dort als der Tag der Verrückten. Es werden Witze erzählt, über die anderen, aber vor allem über sich selbst. Denn in der Vergangenheit hat der Humor den Homserinnen das Leben gerettet. Bei einem Angriff der Mongolen haben sie sich eine List überlegt, um die Eroberung der Stadt zu verhindern. Sie setzten das Gerücht in die Welt, das Wasser in der Stadt sei vergiftet und wer von diesem Wasser trinkt, würde verrückt werden. Um das zu zeigen, haben sie sich als Verrückte verkleidet, sich klappernde Holzschuhe um den Hals gebunden und damit die Angreifer verschreckt – die haben die Stadt sofort verlassen.

kreuzer: Und wie ist es mit dem Humor in Deutschland?

HUSSEIN: Der Humor ist hier weniger geworden, was aber nicht an Deutschland liegt, sondern eher an der Situation in Syrien. Außerdem traue ich mich auf Deutsch nicht so oft, Witze zu machen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich verstanden werde. Aber in Deutschland haben die Menschen sowieso weniger Humor. (lacht) Das gehört für mich zum Charakter der Sprache: Deutsch ist gut für die Philosophie, für die Lyrik, es kann auch romantisch sein, aber Humor, nein, kein Humor in Deutschland.

kreuzer: In einem Text haben Sie geschrieben, dass Sie Ihre Seele trainieren, damit sie die Schönheit nicht vergisst. Wie funktioniert das?

HUSSEIN: Als ich nach München gekommen bin, suchte ich Gewürze, damit ich mir den Geruch der syrischen Küche herzaubern konnte. Doch ich will auch nicht in der Nostalgie nach Syrien schwelgen, ich versuche immer meine Augen und auch die Nase offen zu halten für neue Bilder und Gerüche, meine Seele ist offen für Neues. Dazu gehört auch die deutsche Sprache und Literatur. Ich fahre zum Beispiel sehr gern Zug in Deutschland. Da beobachte ich andere Menschen und habe das Gefühl, wir treffen uns, obwohl wir uns fremd bleiben.

kreuzer: Sie haben einen Gedichtband mit dem programmatischen Titel »3439 km« veröffentlicht, in dem Sie Ihre Flucht beschreiben.

HUSSEIN: Ich habe nicht alle Texte unterwegs geschrieben, aber die Sprache und die Literatur sind für mich eine Bewegung. Ich schreibe nicht immer, wenn ich mich bewege, aber ich muss mich bewegen, damit ich denken kann. Letztlich ist Lyrik für mich ja auch eine Art Reise. Die Freiheit, das ist auch mein Leben, meine Lebensgeschichte. Ich habe viele Freunde im Gefängnis verloren, die sind unter Folter gestorben. Deswegen sehe ich das auch als meine Aufgabe, über die Freiheit zu schreiben, für sie zu kämpfen, mit meinen Worten. Denn ohne Freiheit sind wir wie Tiere – wir essen und schlafen, sonst nichts. Und das ist kein Leben, auch wenn da keine Bomben fallen.

kreuzer: Laufen Sie mit Ihrer Biografie Gefahr, als »syrischer Flüchtlingsautor« abgestempelt zu werden, von dem erwartet wird, dass er über Krieg, Flucht und Migration schreibt? Wie entkommt man diesem Klischee?

HUSSEIN: Das ist schwierig. Ich möchte gern über Syrien, über meine Erinnerung an Syrien schreiben, gleichzeitig will ich aber nicht in einer Kategorie bleiben. Und ich schreibe ja nicht nur über Syrien. Wenn ich zum Beispiel über die Isar schreibe, benutze ich in meinem Kopf auch einige Bilder aus Syrien oder von anderen Orten. Es gibt hier auch ein orientalisches Klischee über Syrien. Die Menschen erwarten immer noch so etwas wie »Tausendundeine Nacht«. Oder aber Kamele und unterdrückte Frauen. Doch die Lyrik ist anders und das Leben auch. Leider gibt es nicht so viele Übersetzungen der arabischen Lyrik und Literatur insgesamt ins Deutsche. Nur wenige Namen sind hier bekannt, und das ist auch ein Problem, das zu dem Klischee beiträgt. Man braucht eben Übersetzungen, um die arabische Welt kennenzulernen und um mit den Klischees zu brechen. 

kreuzer: Im Isar-Gedicht gibt es eine Zeile, die lautet: »Was willst du werden, wenn du groß bist?«

HUSSEIN: Vielleicht ein Fluss in Leipzig. Denn Wasser bedeutet für mich Bewegung, immer etwas Neues. Meine Eltern kommen aus einem Dorf in der Wüste, es war alles sehr trocken, wenig Bäume, und ich hatte schon immer Hunger – nicht Durst, sondern Hunger – meine Augen hatten Hunger nach Wasser. Vielleicht also ein Ufer eines Flusses – da bin ich der Stabilitätspunkt inmitten ständiger Bewegung, die ich beobachten kann. So ähnlich wie ein Vogel, der am Himmel fliegt, aber alles auf dem Boden sehen kann. Ein Vogel könnte ich auch werden. Es ist noch nicht ganz entschieden.

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