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Mit Lego kann man spielen

... zum Beispiel am Montagabend im Noch Besser Leben, weiß die Band Mint Mind

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Das Hamburger Trio Mint Mind um den Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail macht einen gewöhnlichen Montagabend am Jahresanfang zum Montag aller Montage. Und das ist irgendwie als Lob gemeint.

Man hätte es ahnen können, ahnen müssen. Dass der Satz »Am Morgen ein Bier und der Tag gehört dir.« nur hier, im Noch Besser Leben, genauer im Konzertsaal des Noch Besser Leben, eins über der Bar, dass dieser Satz, dass diese alkoholische Weisheit nirgends anders als hier ins Musikalische übertragen werden würde.

Am Montag ein Mint-Mind-Konzert und die Woche gehört dir.

Sicher, das Ganze verliert im Vergleich zum Original etwas an Griffigkeit, und »Konzert/dir« gehört eher ins Feld der unreinen Reime, aber die Botschaft ist dieselbe wie in »Am Morgen ein Bier und der Tag gehört dir.« Nur ist eben eine Droge durch eine andere ersetzt und mit ihr die Rauschwirkung verlängert. Man könnte diesen Satz sogar noch eine Umdrehung weiter drehen, sich noch weiter aus dem Reich der Uhr ins Gebiet des Kalenders vorwagen.

Im Januar ein Mint-Mind-Konzert und das Jahr gehört dir.

Genauso richtig wie die beiden zuvor. Inwiefern »Im Jahr 2020 ein Mint-Mind-Konzert und das Jahrzehnt gehört dir.« trägt, gilt es in näherer Zukunft empirisch zu belegen.

Mit anderen Worten: Mint Mind hat am Montagabend im Noch Besser Leben gespielt. Aber was sind schon Subjekt, Prädikat, Objekt, was Bandname, Auftrittszeit und -ort im Vergleich zu dem, was ein Konzert zu leisten im Stande ist? Zumal ein so dermaßen mind-blowingendes wie das des Hamburger Trios um den Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail an diesem Montag aller Montage? Eben.

Space-Punk hatte auf der handbeschriebenen Tafel auf dem Fußweg draußen gestanden, was auch immer das bedeuten sollte. Drinnen vierzig Hanseln, rauchend, Bier trinkend, erste graue Haare trafen auf letzte und natürlich stellte sich wie immer im Moment des Konzertbeginns ein Zweimeterlulatsch in die erste Reihe. One, two, three und los. Zwei Gitarren, ein Schlagzeug, dazu ein Hall auf dem Gesangsmikro, dass einem ganz schwindelig wird vom Widerspruch des Rick McPhails da zwei Meter vor einem und seiner Stimme weit über allem. Und eben auch – und da möchte man dem besten aller Tocotronic-Songs Recht geben: »Scheiß auf deutsche Texte« (ja, genau, eat this, Dirk von Lowtzow!) –, machen wir uns nichts vor: dieses Wasauchimmer der englischen Sprache, dieses DIY-Amerikanische, das selbst in der größten Druckphase nie breitbeinig, sondern immer schön mit der Gitarre am Regenbogengurt daherkommt. Gern auch mit einer Gitarre aus weißen, schwarzen und vor allem roten Lego-Bausteinen, wie Rick McPhail eine besitzt: »Kennt ihr die Lego-Gitarre? Mit Lego kann man spielen!«

Großartige einfache Songs über, nein gegen Joy-Division-T-Shirts

Jedes einzelne Bild hier möchte man festhalten. Die herrlich gebogenen Rohre und Kabelkanäle direkt unterm Stuck, den mit Gaffa auf dem Boden festgeklebten Teppich und überhaupt: diesen Boden, dieses malträtierte etwas, das mal Parkett war und nun, ja, was eigentlich ist? Die beiden mit Strasssteinen beklebten Boxen, die eine mit MINT, die andere mit MIND. Die auf McPhails rechten Unterarm tätowierte Schlange. Die drei gleichen und doch verschiedenen Ringelshirts der Musiker. Und natürlich den ultimativen Gradmesser für die besten Bühnen jeder Stadt und die besten Konzerte überhaupt: das Fenster hinter der Bühne, durch das man Straßenverkehr sehen kann oder Schiffe und Kräne. Oder eine Katze. Damit man, nur für einen Moment, während eines Konzerts sehen kann, dass die Welt da draußen so tut, als ob sie nicht still stehen würde in diesem Moment, was sie ja aber augenscheinlich tut. Man merkt es ja, hier und jetzt. Im Noch Besser Leben gibt es diesbezüglich die kleine Schwierigkeit, dass die Bühne nicht im Erdgeschoss liegt und dass das Fenster mit schwarzem, blickdichtem Molton verhangen ist – der aber glücklicherweise ein kleines Dreieck Sicht auf das Eckhaus gegenüber zur Merseburger Straße freigibt, wo im dritten Stock noch Licht brennt. Wie gesagt: als ob Zeit und Ort und Welt nicht gerade aufgelöst wären in Schlagzeug und Gitarre, in schlichte, brettartige, großartige einfache Songs über, nein gegen Joy-Division-T-Shirts und Bärte oder übers, nein, fürs Skateboardfahren.

Es könnte alles nicht besser sein, allerhöchstens sind die Songs zu kurz. Aber das ist ja ein grundlegendes Dilemma großer Konzerte, ganz egal welcher Größe: Man möchte jederzeit zugleich, dass ein Lied nicht aufhört und dass das nächste bitte beginnen möge. Und das übernächste und hoffentlich noch der eine Song vom ersten Album, der, du weißt schon.
Hier an diesem Abend fehlt nichts, zur zweiten, ebenfalls mehrliedrigen Zugabe gibt es sogar Ungeübtes und Gecovertes, Zweiteres wie zum Beweis, dass die eigenen Songs die besseren sind. Sogar die Bandvorstellung ist grandios: McPhail stellt seine beiden Mitmusiker (und sich selbst) vor, mit Namen, Instrument und Lieblings-Spice-Girl. Ja, genau. Christian Klindworth, Gitarre, Scary Spice; Tim Wenzlick, Schlagzeug, Sporty Spice und Richard Arthur McPhail, Gitarre, Keyboards, »Blabla«, Baby Spice. Man versteht bei Bandvorstellungen nie (nie!) die Namen der Musiker, auch hier nicht (nachgegooglet) und es klatschen eh immer alle am lautesten beim Drummer, warum auch immer. Aber sowas wie das hier mit den Spice Girls vergisst man nicht. Und deren Namen ja sowieso nie.*

*Falls doch: Melanie »Mel B« Brown, Emma Bunton und Melanie »Mel C« Chisholm sowie, ohne Mint-Mind-Patenonkel: Geraldine »Geri« Halliwell und Victoria Adams, ihres Zeichens Ginger bzw. Posh Spice.

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