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Hygge

Schauspielintendant Enrico Lübbe macht seinem Publikum mit »Mein Freund Harvey« einen hübschen Abend

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Ein Abend zwischen Wohlfühlmagazinen, einer zigfach verfilmten Broadway-Komödie und dem pausbäckigem Charme der Fünzigerjahre: Die Premiere von »Mein Freund Harvey« am Schauspiel Leipzig.

»Ist doch ganz hübsch«, meint der Zuschauer in Reihe vier zu seiner Bekannten. Gut unterhalten fühlt sich auch die Besucherin, der an der Garderobe ihr Beutel ausgehändigt wird, aus dem ein Hygge-Magazin ragt. »Hygge« ist Dänisch für »angenehm« und »nett«, das Magazin-Motto lautet: »Einfach glücklich sein.« Der Premierenabend am Schauspiel Leipzig nimmt es beim Wort.

Der Hausherr Enrico Lübbe legte selbst Hand an die Regie der zigfach verfilmten Broadway-Komödie. »Mein Freund Harvey« brachte der Autorin Mary Chase 1945 den Pulitzerpreis ein. Der Stoff um den unsichtbaren Hasen und eine rabiate Nervenheilanstalt wirkt aus der Zeit gefallen. Genauso inszeniert es der Schauspielintendant auch: als Museum. Das Bühnenbild hätte Carl Spitzweg malen können. Eine Eingangshalle ist zu sehen, hohe Türbögen, offener Raum, das Dach ist eine Eisen-Glas-Konstruktion. Hier spielt das gesamte Geschehen. Der Raum ist zuerst das Zuhause von Elwood und Veta. Mit wenigen Handgriffen wird er zum Sanatorium umgebaut. Ein paar Stühle und Neonlicht, ein Porträt von Siegmund Freud.

Der Plot um Sonderling Elwood P. Dowd ist schnell erzählt. Sein Freund Harvey ist ein riesiger unsichtbarer Hase. Als er ihn auf der Party seiner Schwester Veta den Gästen vorstellt, platzt ihr der Kragen. Sie fürchtet um ihr gesellschaftliches Ansehen und lässt ihn in ein Sanatorium einweisen. Wegen einer Verwechslung wird stattdessen sie weggesperrt, bevor das Happyend folgt.

Das Schauspiel selbst wirkt dank seines pausbäckigen Charmes so, als ob es einem Fünfzigerjahre-Film entsprungen ist. Übersteigert sind die Gesten und Mimiken. Die Spieler geben die Figuren als Klischeedarstellungen aus Jahrzehnte alten Streifen wie »Drei Männer im Schnee« oder »Arsen und Spitzenhäubchen«. Der kauzige, ständig im Hintergrund an Alltagsarbeiten scheiternde bucklige Butler könnte eine Referenz auf »Dinner for One« sein – seine Schrullen ernten Zwischenapplaus.
Alle Personen sind ein bisschen drüber, aber nur dezent. Ins Groteske übertreiben, um durch alle Schonungslosigkeit zu überzeichnen, verwehrt der Abend. Die Schauspieler meistern ihre Rollen gut, jeder für sich ist ein stimmiges Abziehbild. Veta wird von Annett Sawallisch als Matrone mit Walkürentouch gegeben. Michael Pempelforth‘ Elwood ist ein naiv-melancholischer Pan-Tau. Die Dialoge sind gedehnt, was die Flachwitzpointen überbetont. Sie zünden nicht richtig: »Ich wusste gar nicht, dass der Doktor einen Bruder hat.« »Kenne sie den Doktor denn?« »Nein.«

Insgesamt sieht sich die Inszenierung so an, als ob sie auf Zeitlupe gestellt ist. Das Stück ist eine Tür-auf-Tür-zu-Komödie, lebt eigentlich vom schnellen Erscheinen und Verschwinden des Personals. Das geht beim Leipziger Ansatz verloren. Auch das abgeschabte Interieur, verdorrte Blätter, bröckelnder Putz und der greise Butler suggerieren, Hinweise auf die Dimension Zeit und Vergänglichkeit zu sein. Sie bleiben nebulös.

Dabei kündigte sich Anderes an. Zu Beginn erklingt Paul Gerharts Kirchenlied »Geh aus, mein Herz, und suche Freud«. Die Anspielung auf den Psychiater verspricht eine Auseinandersetzung mit dem Thema Wahnsinn oder wenigstens lustige Regieeinfälle. Beides löst Lübbe nicht ein. Er hat dem Abend ein festes Korsett verpasst, das bis ins kleinste Detail stimmt. Nur weiß man nicht, warum. Inhaltlich hat die Komödie nichts Aktuelles zu sagen. Oder soll man heute noch Versuche lustig finden, Menschen mit Stromstößen »normal« zu machen – was auch immer das heißt? Mit dem Konzept von Normalität findet auch keine Auseinandersetzung statt. Man wohnt einem Museum bei, das sehr anschaulich zeigt, wie man vor Jahrzehnten inszeniert beziehungsweise gedreht hat. Das ist handwerklich beachtlich. Aber der Abend mit bloßem Willen zur Unterhaltung bleibt emotional leer. Harm- und reibungslos gehen gut zwei Stunden dahin. Man wartet auf einen Bruch, auf eine Wendung, auf Relevanz. Doch mit solchen Herausforderungen wollte Intendant Enrico Lübbe seinem Publikum nicht den gemütlichen Abend verderben. Hygge.

> Schauspielhaus 6.2., 22.2., 19.30

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