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»Waffenverbotszone ist reine Symbolpolitik«

Zeitung mit Interviews aus der Waffenverbotszone

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Frieder Bickhardt und Rafael Brix von »Unofficial.Pictures« gaben die Zeitung »Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße« aus. Nach eigenen Aussagen möchten sie der rassistischen Berichterstattung über die Eisenbahnstraße entgegenwirken. Jetzt starteten sie eine Crowdfunding-Kampagne und sammeln für die zweite Ausgabe.

kreuzer: Wann kam die erste Ausgabe von » Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße« raus?

FRIEDER BICKHARDT: Im August 2019.

RAFAEL BRIX: Nach der Veröffentlichung stellten wir die Zeitung zusammen mit anderen Leipziger Künstler*innen durch eine Wanderaustellung vor der sächsischen Landtagswahl aus. Wir starteten in Döbeln und gingen später nach Weißwasser/Oberlausitz, Annaberg-Buchholz und Hoyerswerda.

BICKHARDT: Die Idee war, in öffentlichen Plätzen Menschen zu erreichen, die wir sonst nicht erreichen. Wir wollten dort Diskurse anstoßen.

kreuzer: Was für Diskurse?

BRIX: Wir führten Gespräche mit den Einwohnern, die da gerade zufällig langliefen und neugierig waren.

BICKHARDT: Ja, und da ging es um Metafragen, zum Beispiel: »Wie wollen wir zusammenleben?«

BRIX: Wir wollten die Leute dazu bringen, darüber nachzudenken, was das bedeutet, wenn sie wollen, dass ihre Städte Deutsch bleiben. Die NSU suchte sich gezielt multikulturelle Viertel aus, und sie nutzten auch das Narrativ, dass es im Westen ganz schlimm sei, dass wir unsere Städte Deutsch halten müssen. Auch in Leipzig wurde dasselbe Narrativ von der AfD befeuert.

kreuzer: Was möchten Sie mit der Zeitung erreichen?

BRIX: Wir wollten unterschiedliche Realitäten abbilden, deshalb haben wir auch nicht jene interviewt, von denen wir bereits wussten, dass sie die Waffenverbotszone aus denselben Gründen kritisch betrachten wie wir.

BICKHARDT: Sie löst keine Probleme, sondern verdrängt sie. Nehmen wir Drogenhandel als Beispiel. Ich denke nicht, dass die Zone dazu führt, dass auf der Eisenbahnstraße weniger gedealt wird – und selbst wenn werden die meisten Dealer einfach in andere Viertel gegangen sein. Das Grundproblem bleibt also bestehen. Zudem werden in der Regel migrantische oder nicht-weiße Menschen verdachtsunabhängig von der Polizei kontrolliert. Das macht was mit den Menschen, in ihrem eigenen Viertel ständig kontrolliert zu werden. Es ist reine Symbolpolitik von der CDU. Sie haben Angst vor der AfD und sammeln Wählerstimmen am rechten Rand.

kreuzer: Wie sähe eine lösungsorientierte Politik in Bezug auf die Eisenbahnstraße aus?

BICKHARDT: Zum Beispiel Konsumräume. Oder, Cannabis zu legalisieren. Das würde den größten Teil des illegalen Geschäfts vernichten. Begegnungsorte für unterschiedliche Gruppen im Viertel, mehr Sozialarbeiter*innen, die Jugendliche auffangen…

BRIX: Es gibt zum Beispiel das Haus Tante E mit Beratungsangeboten in unterschiedlichen Bereichen wie Suchterkrankungen oder Jobsuche. Weitere solcher Strukturen wären hilfreich. Ich denke, dass diese Waffenverbotsschilder auch überhaupt nicht dazu beitragen, dass sich Menschen sicherer fühlen. Ganz im Gegenteil.

kreuzer: Herr Brix, Sie wohnen seit 2012 in der Nähe der Eisenbahnstraße. Wie haben Sie die Veränderung seit der Gründung der Waffenverbotszone persönlich erlebt?

BRIX: Es gab früher schon die Markierung als »gefährlicher Ort«, seit der Einführung der Waffenverbotszone finden die verdachtsunabhängigen Personenkontrollen häufiger statt. Durch die Diskussion, die durch die Einrichtung der Waffenverbotszone losgelöst wurde, entstand mehr Bewusstsein dafür, was passiert, wenn ein ganzer Viertel von außen markiert wird, wie diese staatliche Repression funktioniert.

kreuzer: Was kommt in die zweite Ausgabe?

BICKHARDT: Mindestens nochmal fünf Gespräche. Diesmal wollen wir einen Schwerpunkt legen auf den Zusammenhang zwischen gefährlichem Gebiet und Verdrängung vor allem durch Entmietung.

kreuzer: In der ersten Ausgabe haben Sie nicht nur eigene Bilder, sondern auch Screenshots von anderen Dokumentationen über die Eisenbahnstraße genutzt.

BICKHARDT: Ja. Wir wollten zuerst die allgemeine Berichterstattung darstellen und unsere Gespräche mit den Einwohnern sollten einen Kontrast abbilden.

kreuzer: Wie kam die erste Ausgabe an?

BICKHARDT: Bisher waren viele überzeugt und fühlten sich wahrgenommen. Wir haben die Zeitung auch an alle Stadtratsabgeordneten geschickt. Außer Jule Nagel meldete sich niemand zurück.

BRIX: Sie meinte die Zeitung sei so was wie eine Evaluierung der Waffenverbotszone.

kreuzer: Gab es auch negative Reaktionen?

BICKHARDT: Nur wenige. Einmal in Döbeln kam ein Mann vorbei und schaute sich unsere Ausstellung an. Und dann ging er an mir vorbei und sagte: »Ihr zeigt ja nur noch Kanaken. Ist euch Deutschland gar nichts mehr wert?«

kreuzer: Wie fanden Sie das?

BICKHARDT: So unverhohlener, offener Rassismus ist schon schwer zu ertragen. Aber ja. Wir provozieren auch mit unserer Arbeit. Wir wollen ja nicht etwas machen, was allen gefällt.

Crowdfunding-Kampagne: https://http://www.startnext.com/de/zweite-ausgabe

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