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»Keine traurige Gedenkveranstaltung«

Demonstration gegen sexualisierte Gewalt am Valentinstag

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Es ist kalt und regnerisch am 14. Februar, trotzdem stehen im Lene-Voigt-Park laut Orga-Team rund 300 Menschen, um gegen sexualisierte Gewalt zu demonstrieren. Es ist zugleich ein Kiezfest, auf dem es warme Suppe zu essen gibt. Am 7. Januar wurde auf der Website funk.net eine Reportage über sogenannte »Spannervideos« veröffentlicht, die heimlich auf den Toiletten des linken Kulturfestivals »Monis Rache« aufgenommen wurden. Diese Videos landeten teilweise gegen Bezahlung im Netz – allerdings nur jene, auf denen Menschen als Frauen gelesen wurden. Der Mann, der die Videos aufnahm und zum Verkauf stellte, war in dem Organisationsteam des Festivals. Auf der Demonstration am Freitag in Leipzig mit dem Motto »My body is not your porn« (Mein Körper ist nicht dein Porno, d. Red.) möchten Demonstrierende klar machen, dass es sich bei den Videos, in denen Betroffene gegen ihr Wissen und ihren Willen zu Protagonistinnen von Pornos gemacht wurden, um sexualisierte Gewalt handelt. Wir haben mit Leila und Malin, die ihre echten Namen nicht im Netz lesen möchten, gesprochen. Sie gehören zum Organisationsteam der Demonstration.

kreuzer: Warum eine Demonstration gegen sexualisierte Gewalt gerade am Valentinstag?

MALIN: Valentinstag ist eine Institution, an der ganz viel dranhängt, was vor allem mit heterosexuellen romantischen Beziehungen zu tun hat. Das ist nicht völlig losgelöst von unserem Thema.

kreuzer: Inwiefern ist es nicht losgelöst von dem Thema?

LEILA: Es gibt eine große Gefahr, eine Liebe zu feiern, in der viel Gewalt passiert. Liebe kann vor allem in heterosexuellen Verhältnissen vieles verschleiern, in der eh viel Ausbeutung vor allem von Frauen passiert, sowie Reproduktionsarbeit, weil die Geschlechterverhältnisse festgeschrieben sind. Damit wird auch die Unterdrückung von FLINT* (Frauen, Lesben, Intersex, Nicht-binär, trans und weiteres, d. Red.) festgeschrieben.

MALIN: In vielen Formen von romantischen Beziehungen findet Sexualität statt und Sexualität ist nicht loszulösen von sexualisierter Gewalt in dieser Gesellschaft.

kreuzer: Was ist Ihr Ziel?

MALIN: Wir wollen keine traurige Gedenkveranstaltung organisieren, sondern ganz im Gegenteil sagen: »Auf keinen Fall werde ich unglücklich.«

LEILA: In Bezug auf sexualisierte Gewalt taucht ganz häufig ein Mythos auf von dem unbekannten Täter, der auch oft rassifiziert ist, der lauert und eine Frau im Dunkeln im Park überfällt. Uns geht es auch darum, die Diskussion aus diesem Mythos herauszuholen und zu zeigen, dass die meisten sexualisierten Übergriffe in Nahbeziehungen passieren: In Partnerschaften, Freundschaften oder eigenen Communitys. Auch der Mann, der auf dem Festival »Monis Rache« die heimlichen Aufnahmen auf den Toiletten machte, war einer aus der linken Szene.

kreuzer: Von wem möchten Sie gehört werden?

MALIN: Sexualisierte Gewalt ist ein universelles Thema, daher ist es wahrscheinlich für jede Person, die heute hier lang geht, gut zu sehen, dass wir uns dagegen einsetzen. Unsere Kritik richtet sich aber nicht nur an eine bestimmte Gruppe, das hat eine wichtige Rolle bei der Auswahl dieser Gegend am Lene-Voigt-Park gespielt, gerade weil es aktuell einen Bezug zu der Szene gibt von jungen und linken Menschen in Leipzig. Diesen Bezug wollten wir räumlich herstellen.

kreuzer: Lernten Sie sich erst kennen, nachdem die Aufnahmen auf »Monis Rache« öffentlich wurden?

LEILA: Ja. Das einzig Gute bei diesem Skandal ist, dass es bereits organisierte, politisierte Menschen betroffen hat.

MALIN: Die Zahl der potenziell betroffenen Personen ist außergewöhnlich groß. Es wurde jetzt bekannt, dass auch auf anderen Festivals solche Videos aufgenommen wurden. Viele von uns erlebten auf diesen Festivals einen gemeinsamen Übergriff. Da steckt viel Potenzial, dass dadurch neue Strukturen entstehen. Genau das passiert hier heute.

kreuzer: Wie entstand die Gruppe, nachdem die Videos enthüllt wurden?

LEILA: Nachdem wir die Funk.net-Reportage gesehen haben, gründete sich relativ schnell eine überregionale Telegram-Gruppe. Da tauschten wir uns aus. Aus dieser Gruppe bildeten sich regionale Gruppen aus praktischen Gründen.

kreuzer: Können wir mit weiteren Demonstrationen oder Aktionen Ihrer Gruppe rechnen?

MALIN: Ja.

kreuzer: Was haben Sie vor?

LEILA: Das möchten wir noch nicht verraten. Einfach weiter Ausschau halten. (beide lachen)

https://de.indymedia.org/node/63893

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