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Shoppingmall mit Bahngleisen

Kein Grund zum Feiern: Leipziger Hauptbahnhof ausgezeichnet

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Der Leipziger Hauptbahnhof landet in einem europaweiten Ranking auf Platz drei. Die Gründe dafür: Viele Konsummöglichkeiten, wenige Streiktage. Ein Kommentar

Was für eine Nachricht: Leipzigs Hauptbahnhof steht auf Platz drei der besten europäischen Bahnhöfe. Europaweit auf Platz 3! Direkt hinter Londons St Pancras und dem Züricher Hauptbahnhof. Dieser Befund der Non-Profit-Organisation Consumers Choice Center (CCC) ist Balsam für die Leipziger Seele. So feiert der MDR: »Hauptbahnhof Leipzig ist Deutschlands bester Bahnhof«. Nicht abzusehen ist aktuell, ob sich nun Oberbürgermeister Burkhard Jung oder Verkehrsminister Andreas Scheuer den Orden hierfür anheftet – oder ob der selbsterklärte Bahnliebhaber Sebastian Gemkow noch dazwischen grätscht.

Die zunächst positive Nachricht beginnt zu stinken, wenn man sich die Kriterien anschaut, nach denen das CCC die Bahnhöfe bewertet hat. Sicher, der »European Railway Station Index« mit möglichen 139 Punkten enthielt Fragen zu Barrierefreiheit und Fahrstühlen, zur Sauberkeit und der Übersichtlichkeit der Anzeigen und sogar zur Anzahl der bedienten Ziele und Bahngleise. Hier erreichte der Leipziger Hauptbahnhof zurecht gute Werte. Entscheidend für den Sieg Leipzigs waren jedoch: eine eigene Punktwertung für die Menge an Restaurants und Shops – und wenige Streiktage. Das lässt aufhorchen und fragen, wer das Consumers Choice Center eigentlich ist.

Die US-Organisation versteht sich als Lobby für Konsumenten. Und die haben nach dem CCC-Weltbild stets das Verlangen nach größtmöglicher Wahlmöglichkeit und Bequemlichkeit. Diese Freiheit sieht das CCC – hinter dem die marktradikale, global agierende Studierendenorganisation Students for Liberty steht – vor allem durch staatliche Eingriffe eingeschränkt. Gewerkschaften machen eben nur Ärger und Arbeitskampf stört den Konsumentenfluss. Dementsprechend fragt der CCC-Index auch, ob mehr als ein Unternehmen den jeweilen Bahnhof bedient. Schließlich verbessert dieser Marktlogik nach Konkurrenz automatisch das Angebot.

Hier hat sich anscheinend sogar ein Fehler in die Bewertung geschlichen – und Leipzig um den zweiten Platz gebracht. Bei der Konkurrentenanzahl erzielt Leipzig keine Punkte, weil laut Liste nur ein Transportunternehmen den Hauptbahnhof anfährt. Anbieter wie Abellio, Flixtrain & Co. sind nicht vermerkt. Demnach könnte Leipzig (derzeitiger Punktestand: 110) den aktuellen zweitplatzierten Bahnhof in Zürich (111) locker übertrumpfen und würde knapp hinter London St Pancras (116) landen.

Aber wer will das schon feiern, wenn Streik-Punkte und Shop-Punkte – in Summe 30 – mehr zählen als internationale Ziele, Barrierefreiheit und eine gute Verbindung ins lokale Verkehrsnetz?

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