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Stress um Milieuschutz

Dem Markt entnommen: Wie Proteste die Feinkost retteten und später Kämpfe ausbrachen

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Im Jahr 2004 sollte das Feinkost-Gebäude an der Karl-Liebknecht-Straße abgerissen werden. Dagegen wurde ein Konzept der »sanften Renovierung« entwickelt und Unterschriften gesammelt. Der Slogan der Rettungskampagne, »Milieuschutz«, war überall im Stadtbild zu entdecken.

»Das ist unser Haus, ihr kriegt uns hier nicht raus!« Vor einigen Jahren traten die Feinkost-Genossenschafter mit dem symbolträchtigen Ton-Steine-Scherben-Song beim Neujahrssingen auf. Mit dieser Haltung wehrten sich 2004 Mieter, Interessenten und solidarisierende Bürger gegen den Abriss der Gebäude an der Karl-Liebknecht-Straße und »Kahlschlagsanierung«, wie es hieß.

Ursprünglich diente das zwischen 1853 und 1879 errichtete Gebäude als Brauerei, in den 1920ern erfolgte eine Neunutzung für die Nahrungsmittelproduktion. Dann zog der VEB Feinkost Leipzig ein, die Fassade an der Karl-Liebknecht-Straße erhielt 1972 die bekannte bewegte Leuchtreklame: die Löffelfamilie. Vater, Mutter und zwei Kinder sitzen an einer Tafel und löffeln ihre Suppenteller aus. Im Ensemble mit seinen tiefen Kellern wurden Konserven produziert. Kleingewerbe zog nach der Wende ins Gebäude ein, in dem viele Räume bis heute leer stehen. Darunter befand sich als einer der Ersten der Fahrradladen Rücktritt. Es gab ein Eiscafé, Hinterhof- und Kellerpartys. Als Veranstaltungsort der Freien Szene sowie dank der bunten Gestaltung und ihres abgeranzten Charmes gilt die Feinkost als Markenzeichen der Südvorstadt – auch wenn sie eigentlich im Stadtteil Zentrum-Süd liegt.

Im Jahr 2004 sollte damit Schluss sein. Die Treuhand-Nachfolgerin TLG Immobilien GmbH wollte alles bis auf die denkmalgeschützten Fassaden abreißen. Discounter sollten im hinteren Areal entstehen, in neuem Chic vorn Ladenflächen. Die ansässigen Gewerbetreibenden hätten den Hof verlassen müssen. Wollten sie aber nicht und gründeten die IG Kultur und Gewerbehof Feinkost. Sie entwarfen ein Gegenkonzept, das eine »sanfte Sanierung« vorsah. 

Überzeugen konnte das die TLG als Eigentümerin nicht. Währenddessen wurden mehr als 10.000 Unterschriften gegen die Abrissbirne gesammelt. »Milieuschutz«, der Slogan der Rettungskampagne, war überall im Stadtbild auf T-Shirts und Jutebeuteln zu entdecken. Die Menschen liebten schon damals die morbide Anmutung. Der TLG-Vertreter konnte daran nichts finden: »Da werden Flächen gebaut, die ordentlich aussehen. Das gehört doch zu einem Stadtbild, dass man nicht nur auf Ruinen schaut.« Er sollte sich irren, die Menschen schauen offensichtlich gern auf Unfertiges und Verfallendes. Auch Ruinen haben ihre Ästhetik. Die Proteste endeten nicht. Der vordere Teil wurde der TLG schließlich abgekauft – immerhin 5.000 Quadratmeter Grundfläche. Im hinteren Bereich entstand wie geplant ein Discounter samt Parkplatz.

Doch erfolgte der Kauf nicht reibungslos. Nachdem die Stadtverwaltung überzeugt werden konnte, sich pro Feinkost zu engagieren und bei der TLG zu vermitteln, brach Streit unter den Milieuschützern aus. Die Nato war maßgeblich für das Eingreifen der Stadtverwaltung verantwortlich, sie wollte auf das Gelände umziehen. Sie zerstritt sich mit den Gewerbetreibenden der Kunst- und Gewerbegenossenschaft und warf dieser Unprofessionalität, Nichterfüllung von Vorleistungen und Nichteinhaltung von Vereinbarungen vor. Die Genossenschaft erhob ihrerseits dieselben Vorwürfe an die Nato. Was gemeinsam mit der Idee eines Gewerbe- und Kulturareals begann, zerbrach. Im Kern ging es um verschiedene Vorstellungen von der Entwicklung der Feinkost. Die Nato wollte zusammen mit Cinémathèque und Lofft einen Kulturstandort schaffen, an dem auch Gewerbe möglich ist. Die andere Seite wollte einen sich allmählich entwickelnden Gewerbeort, definierte dessen Endstand nicht. Der Krach war heftig und hässlich. Schließlich siegte die Genossenschaft und erwarb das Gelände für 150.000 Euro. Im Laufe der Jahre konnten sie Fördergelder einwerben, um den Bestand zu sichern. Auch das erklärt das Interesse der Stadt, dass sich in puncto Feinkost etwas tut. Vor allem der Südflügel ist bis heute marode.

Vor zehn Jahren brandete noch einmal Streit in der Feinkost auf. Diesmal intern – Genossenschafter bekriegten sich, die Polizei wurde immer wieder gerufen, Anwälte wurden bestellt. Daraus entwickelte sich sogar eine Abhöraffäre. Erst ging es um Lärm und Dreck der Partygäste im Absturz, der mit seinen Veranstaltungen die Außenwahrnehmung prägte. Dann gerieten Vorstand und Mitglieder aneinander, es folgte eine körperliche Auseinandersetzung. Schließlich wurde ein Funkmikro gefunden, das offenbar zum Abhören der Gegenseite Verwendung fand. Vorstandswechsel und der Austausch von Genossenschaftsmitgliedern brachten die Feinkost schließlich in ruhigere Fahrwasser.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass gar nichts passiert auf dem Gelände. Dieser täuscht, weil das weiterhin verfolgte Konzept der sanften Sanierung nur langsam realisierbar ist. Zuletzt ist eine Töpferei ins ehemalige Infocafé gezogen. Auf dem Hof finden Floh- und Streetfood-Märkte, Sommertheater und -kino statt – Partys feiert der Absturz noch immer wöchentlich.

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