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»Vulven sind überall«

Die Leipziger Tätowiererin Ewa Marcelli über Vulvalippen, fehlende Diversität und die Leipziger Tattoo-Szene

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Ewa Marcelli öffnet die Tür ihrer WG im vierten Stock eines Leipziger Altbaus. Ganz oben unterm Dach nehmen wir Platz in einem gemütlichen Zimmer voller Tattoo-Entwürfe, Hüte und Vulven – gezeichnet, fotografiert, modelliert. Mit The Vulva Tattoo Project setzt Marcelli ein Zeichen für mangelnde Sichtbarkeit des weiblichen Geschlechtsteils außerhalb sexueller Kontexte: Unter dem Motto 
»Tattoos vs. Designervagina« tätowiert sie die inneren Vulvalippen mit einem Muster aus geometrisch angeordneten Punkten.

kreuzer: Frau Marcelli, Sie tätowieren eine ungewöhnliche Körperstelle, die inneren Vulvalippen. Die Ergebnisse haben Sie fotografiert und ausgestellt. Im Booklet zur Ausstellung schreiben Sie, dass Sie bei Tätowierungen immer »einen draufsetzen« wollen. Waren also ein Experiment und die Lust auf ein weiteres ungewöhnliches Tattoo die Geburtsstunde Ihres Projekts? 

Ewa Marcelli: Ganz genau so ist es. Wenn ich mal Zeit hab, mich ein bisschen zu langweilen, was fast nie der Fall ist, dann hab ich meistens Lust, beim Tätowieren zu experimentieren. Das mache ich dann immer zu Hause, da zeichne und organisiere ich alles und hier habe ich auch die Privatsphäre, um neue Sachen auszuprobieren. Und als ich eines Abends hier Ruhe hatte und kreativ werden konnte, habe ich mit Stick and Poke (eine Technik, bei der ohne Tätowiermaschine, sondern nur mit einer Tattoonadel tätowiert wird, d. Red.) herumprobiert. Erst habe ich die Knöchel, die Zehenzwischenräume tätowiert. Dann habe ich am Zahnfleisch herumprobiert und bin von dort auf die Labien gekommen, sind ja beides Schleimhäute. Es muss halt immer ein bisschen krasser sein, da sind andere Stellen wie die Handinnenflächen oder das Gesicht nicht mehr ausreichend. Und weil man ja letztendlich alles tätowieren kann, will ich es eben auch ausprobieren. Da habe ich einen großen Forschungsdrang.

kreuzer: Warum wird die Vulva als Körperteil in der Tätowierkunst so vernachlässigt? Tätowierte Penisse sind ja keine Seltenheit.

Marcelli: Im Vergleich zu anderen Körperstellen, wie Armen und Beinen, ist auch der Penis kein Körperteil, was häufig tätowiert wird. Aber im Kontrast zu tätowierten Vulven sind Penisse auf jeden Fall populärer. Selbst eine oberflächliche Recherche ergibt ein deutliches Ergebnis. Gibt man Penis-Tattoo bei Google ein, bekommt man eine stattliche Reihe an tätowierten Schwänzen und Hoden. Andersherum fällt auf, dass Tätowierungen, die unter die Kategorie Vulva oder Vagina fallen, meistens nur den Venushügel betreffen. Der gehört zwar auch zur Anatomie der Vulva, aber es ist nicht das, was ich mir unter einem Vulva-Tattoo vorstelle. Das hat bestätigt, was ich schon gedacht hatte: dass Vulven nur in einem reproduktiven, pornografischen oder sexualisierten Kontext Platz in unserer Gesellschaft haben und in anderen Bereichen unsichtbar sind oder ignoriert werden. 

kreuzer: Sogar in einer Szene, in der auch das Tätowieren der Augäpfel kein Problem darstellt?

Marcelli: Das merkt man auch in der Tattoo-Szene, in der ich unterwegs bin, also der Underground-Tattoo-Szene – es gibt ja auch noch viele andere. Ich bin da noch nie auf jemanden gestoßen, der oder die Vulva-Tattoos anbietet oder darüber spricht. Wenn es zum Thema gemacht wird, dann meistens so, dass die Vulva das Motiv darstellt, und nicht den tätowierten Körperteil. Was auch spannend ist, aber schwer zu platzieren. Bei dem Begriff Penis-Tattoo geht es wiederum fast immer um den Penis als Stelle für ein Tattoo und nicht um ein Penis-Motiv. Dafür habe ich auch noch nie eine Anfrage bekommen – offensichtlich sind Vulven doch das schönere Geschlecht. (lacht)

kreuzer: Würden Sie Penisse tätowieren? Also das Körperteil?

Marcelli: Mich interessiert schon sehr, wie man das macht. Generell wünsche ich mir für unsere Gesellschaft einen gesünderen Umgang mit Geschlechtsorganen. Darum würde ich auch Penis-Tattoos anbieten.

kreuzer: Sie haben im Rahmen des Projektes 13 Vulven inklusive Ihrer eigenen tätowiert. Wie muss man sich das vorstellen, wie lief das ab?

Marcelli: Ich habe öffentlich gemacht, dass ich Menschen mit Vulva suche, die sich kostenlos ein Tattoo machen lassen wollen, und dass ich eine Ausstellung plane, bei der ich anonymisierte Fotos der Tattoos zeigen will. Die meisten Personen, die sich meldeten, hatten nicht viele oder keine Tätowierungen – das war schon Wahnsinn. Wir haben uns dann hier bei mir zu Hause oder, in zwei Fällen, bei den Kundinnen zu Hause, getroffen und ich habe versucht, durch die Lieblingsmusik der Kundinnen und durch Gespräche die Stimmung zu entspannen. Ich wollte auf jeden Fall, dass die Situation unter den gegebenen Umständen so angenehm wie möglich ist. Und nach einigen Minuten des Nacktseins tritt auch ein Gewöhnungseffekt ein und es fühlt sich weniger komisch an. Eine Session hat durchschnittlich drei Stunden gedauert, wobei ungefähr eine Stunde tätowiert wird. Vorher ist viel Zeit zum Kennenlernen und am Ende Zeit für Rückmeldungen und Austausch. 

kreuzer: Sie arbeiten sonst im Studio 394 – kam es nicht in Frage, die Tätowierungen dort vorzunehmen?

Marcelli: Unser Studio ist relativ offen. Also abgesehen davon, dass prinzipiell immer jemand reinkommen kann, gibt es auch keinen Raum, den man als Safe Space anbieten könnte. Das ist definitiv ein Problem der meisten Studios, die ich kenne. Klar, ich habe einen Schlüssel und könnte Tattoos an intimen Stellen auch außerhalb der Öffnungszeiten anbieten – aber das sollte so nicht sein. Auch ein Underboob-Tattoo oder ein Motiv am Oberschenkel kann ja etwas Intimes sein für den Kunden oder die Kundin. Da wäre es notwendig, einen sicheren Raum anbieten zu können. Zumal eine gute Atmosphäre auch dafür sorgen kann, dass die Schmerzen besser auszuhalten sind. 

kreuzer: Wie haben Sie es denn empfunden, Menschen an einer so privaten Stelle zu tätowieren?

Marcelli: Erst mal ist es ja auch nur eine Körperstelle mit Haut. Und Motive in die Haut zu stechen, ist mein Job. So konnte ich Abstand gewinnen und habe festgestellt, dass es guttut, die Vulva außerhalb von Begehren oder Bewertung zu sehen. Ich habe die Vulven berührt, die Haut musste gehalten und gestrecht werden – am Ende sollte diese Körperpartie genauso wenig problematisiert werden wie ein Unterarm. Es war spannend, die Fotos zu machen, weil man sich dabei schlecht inszenieren kann. Die Vulva ist eben die Vulva. Außer sie mit den Fingern aufzuhalten, kann man das Bild kaum beeinflussen.

kreuzer: Nach dem Betrachten der Bilder hatte ich den Eindruck, dass Vulven viel diverser sind als Penisse. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Waren Sie überrascht von der Unterschiedlichkeit der Vulven? 

Marcelli: Es geht in meinem Projekt natürlich um Tätowierungen, weil das meine Passion ist. Das war mein Zugang zu Geschlechtsorganen. Als ich dann so viele verschiedene Vulven gesehen habe, war ich fast beschämt darüber, dass ich von dieser Vielfalt nichts gewusst habe. Ich meine, wir sehen alle komplett unterschiedlich aus, haben unterschiedliche Gesichter, Körperbauten – eigentlich sollte klar sein, dass unsere Vulven auch extrem unterschiedlich ausschauen. Und ich war schockiert darüber, was für eine stilisierte Form der Vulva ich für die Norm gehalten habe. Die Vulva-Tattoos, die ich bis jetzt gemacht habe, waren darum auch extrem heilsam für mich, weil ich Frieden gefunden habe in Bezug auf meine eigene Vulva. Am Ende kann man sie nämlich einfach nicht vergleichen, auch wenn es gemeinsame Merkmale gibt, die alle Vulven verbinden, wie die Klitoris, die Klitoriskapuze, die Labien. Da haben wir schon alle die gleichen Features, aber wir sehen eben so verschieden aus, dass ich jetzt nicht mehr das Gefühl habe, selbst auf eine bestimmte Art aussehen zu müssen.

kreuzer: Dabei ist die normschöne Vulva ja sehr genau definiert.

Marcelli: Ja, das Schönheitsideal imitiert im Prinzip die Vulva eines kleinen Mädchens. Vielleicht sehen die ja auch bis zu einem gewissen Alter ähnlich aus. Da sieht man häufig nur die äußeren Labien, den kleinen Schlitz und keine Intimbehaarung. Das hat aber mit einer ausgewachsenen Frauenvulva absolut nichts mehr zu tun. Doch genau dieses Bild wird zum Beispiel im Rahmen von Schönheitsoperationen angestrebt. 

kreuzer: Und wie haben die Leute auf das Projekt reagiert? 

Marcelli: Anfeindungen oder Kritik gab es so gut wie gar nicht. Eine Tätowiererin aus Österreich hatte gefragt, warum man sich die Vulva tätowieren lassen müsse, um sie wertzuschätzen. Das ist aber nicht meine Aussage oder mein Anliegen – sie hatte sich einfach nicht richtig mit den Informationen zu meinem Projekt auseinandergesetzt. Ich bewege mich zwar schon sehr in einer Blase, in der die Leute mein Projekt unterstützen und toll finden, aber auch Personen außerhalb haben mir positive Rückmeldungen gegeben. Mein Vater und mein Bruder zum Beispiel würden sich jetzt nicht als Feministen bezeichnen, aber die waren auch bei meiner Ausstellung und haben mich da sehr unterstützt. 

kreuzer: Denken Sie, dass die Leipziger Tattoo-Szene sich grundsätzlich unterscheidet von der in anderen Städten? 

Marcelli: In Leipzig gibt es verschiedene Tattoostile, verschiedene Tattoo-Szenen und Studios. Vom alteingesessenen Studio aus den Neunzigern bis hin zu jede Woche neu eröffnenden Homestudios im Leipziger Osten. Außerdem gibt es auch eine sehr ausgeprägte Underground-Tattoo-Szene, ich würde auch sagen, dass sie außergewöhnlich groß ist im Vergleich zur Größe der Stadt und kaum vergleichbar mit dem Angebot in anderen Städten. Wenn ich jetzt eine Gast-Arbeit in einem anderen Tattoo-Studio zum Beispiel in Frankfurt machen wollen würde, wüsste ich erst mal nicht, wo. Sicher gibt es dort auch kleine Homestudios, in denen ich arbeiten könnte, aber so eine richtig große Auswahl gibt es meines Wissens nicht. Die Studios, die man zum Beispiel auch auf Instagram finden kann, bieten schon eher traditionelle oder kommerzielle Sachen an. In Leipzig gibt es schon für jedes Bedürfnis das passende Tattoo – ob das jetzt das superprofessionelle Neo-Traditional-Tattoo ist oder eine kleine Ignorant-Handpoke-Tätowierung.

kreuzer: Wo haben Sie denn gearbeitet, bevor Sie nach Leipzig gekommen sind? 

Marcelli: Ich war einige Zeit in München und habe dort auch in Studios tätowiert. Allerdings war es dort nicht möglich, etwas Eigenes aufzuziehen. Entweder waren die Konditionen zu schlecht oder die Vermieter hatten Berührungsängste und wollten uns nicht in ihren Immobilien haben. Das ist in Leipzig ganz anders, hier sind die Konditionen wirklich super. Es gibt viel freien Raum, die Mieten sind günstig und man bekommt als junger kreativer Mensch auch die Möglichkeit, sich dort einzumieten. 

kreuzer: Ist es üblich, außerhalb von Studios zu tätowieren? 

Marcelli: Ich denke, das ist generell erst mal nicht so üblich, aber ein Merkmal der Underground-Tattoo-Szene ist schon, dass sie sehr viele Autodidakten hervorgebracht hat, dass die meisten Leute aus dieser Szene sich das Tätowieren selbst beigebracht und an sich selbst geübt haben. Erst werden Leute aus dem Freundeskreis tätowiert, dann professionalisiert man sich immer mehr, bekommt vielleicht Lust, sich in einem Kollektiv zu organisieren. Dazu gehört für mich in Bezug auf die Underground-Tattoo-Szene auch, dass gängige Normen hinterfragt werden und dass es alternative Räume gibt, um Awareness als Konzept auch in die Tattoo-Szene zu bringen. Und es passiert in dem Rahmen auch, auf Events zu tätowieren, die keine Tattoo-Conventions sind, sondern vielleicht im Club oder bei kleinen Independent-Expos oder auf einem Festival.

kreuzer: Sie konnten die Fotografien der Vulven einen Abend lang ausstellen. Planen Sie, die Bilder auch woanders zu zeigen oder längerfristig auszustellen? 

Marcelli: Auf jeden Fall würde ich die Bilder gern noch mal zeigen und mir auch wünschen, dass sie dann länger hängen dürften – also eine Ausstellung mit Vernissage und Finissage und einem Schaufenster, wo man außerhalb der Öffnungszeiten die Fotos betrachten könnte. Ich fände es richtig cool, wenn sie auch in einer Galerie ausgestellt würden. Generell würde ich die Fotos überall da zeigen, wo Menschen Interesse daran haben, die Fotos zu zeigen. Ich finde, das ist auch ein wichtiger Punkt, um die Sichtbarmachung von Vulven zu unterstützen. Es würde mich extrem freuen, wenn Leute mich dafür auch anfragen würden. Das kann ein Café, ein Club oder eine Bar genauso wie ein Museum sein. Vulven befinden sich ja auch überall, einfach weil Frauen und Personen mit Vulven überall zu finden sind auf dieser Erde. Tatsächlich hatte ich auch mal geplant, die Fotos als Sticker zu produzieren und sie als eine Form von Street-Art in der Stadt zu verteilen. Vielleicht mache ich das auch irgendwann einfach mal.

kreuzer: Wollen Sie das Projekt weiterführen? Wird es eine größere Auswahl an Motiven geben? 

Marcelli: Ich weiß, dass es eine freiverkäufliche Creme aus der Apotheke gibt, die die Hautoberfläche betäubt und auch für Schleimhäute im Intimbereich geeignet ist. Die würde ich gerne ausprobieren, um den Schmerz beim Tätowieren dieser empfindsamen Stelle zu lindern. Wenn sich das bewährt, könnte man auf jeden Fall auch größere Motive gestalten. Damit tue ich mich aktuell schwer, weil die Schmerzen einfach zu extrem sind. Und bis jetzt waren wirklich alle sehr froh, dass die Motive so klein sind und der Prozess so kurz ist. Und ich brauche einen Gynäkologenstuhl oder so was, damit ich besser rankomme und die Teilnehmerinnen es auch bequemer haben.

kreuzer: Bei Penis-Tattoos denke ich da direkt an einen Elefanten. Was könnten Sie sich für eine Vulva vorstellen? 

Marcelli: Na, zum Beispiel so eine Dämonenfratze, bei der der obere Teil des Gesichts auf dem Venushügel liegt und der Mund eben da, wo die Vagina in den Körper führt!

Ewa Marcelli wurde am 16.12.1992 in Kaufbeuren im Allgäu geboren. Nach ihrem Abitur machte sie im Westallgäu eine Ausbildung als Hutmacherin, bevor sie in München Kunstgeschichte studierte. Seit anderthalb Jahren lebt sie in Leipzig und arbeitet als selbstständige Tätowiererin.

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Ein Kommentar

  1. Naima Y. | 10. März 2020 | um 19:08 Uhr

    Ganz großen Respekt, kreuzer!

    Das sind die Themen, die die Brot und Spiele Gesellschaft braucht dieser Tage.. Noch ein paar Wochen hin und kein Leipziger wird sich mehr irgendwas tätowieren, weil es nicht nur schön sondern auch angesagt sein wird, einfach zuhause zu bleiben.

    Die, die nicht zum Fußball gehen in eine 40Tausender Arena, wird alternatiov angeboten sich Penis oder Vulva zu tätowieren?

    Die Sensibilsierung bleibt lange aus.
    Alles Gute dem Kreuzer in der Übersetzung der zeitgemäßen Anliegen.