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Verschwörungstheorie ohne Aluhut

Ian McEwans bitterleichter kleiner Roman »Die Kakerlake« über Brexit und Weltpolitik

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest Micklitz’ derzeitiger Vertreter Benjamin Heine »Die Kakerlake« und bewundert Ian McEwans gewitztes Verweben von Weltpolitik und Literaturgeschichte.

Wenn ein Roman nur 133 Seiten hat, darf man keine Zeit verlieren. Und so beginnen die Glocken auch schon zu läuten, ehe der erste Satz überhaupt begonnen hat, Fahrt aufzunehmen. Aufs Wörtchen »Als« folgt direkt der Name des Hauptprotagonisten: Jim Sams, und wer hier noch nicht an Gregor Samsa denkt, darf ihn auf Zeile 2 »aus unruhigen Träumen« erwachen und schon eine Zeile später »in eine ungeheure Kreatur verwandelt« sehen. Und weil Ian McEwan ja keine Zeit verlieren darf, beginnt er uns den säuberlich hingelegten Franzkafkateppich auch schon auf Zeile 6 wieder unter den Füßen wegzuziehen: Denn der hier Verwandelte betrachtet »verwundert die fernen Füße, die wenigen Gliedmaßen«, den blau gestreiften Körper. Ja, genau, er sieht bunt! Und er liegt auf dem Rücken! Eine Kakerlake im Körper eines Menschen!

Als ob das nicht schon erheiternd und zugleich besorgniserregend genug wäre, lässt McEwan das Viech, dessen erster Wortlaut ein sehr intelligentes »Okidoki.« ist, im Körper des englischen Premierministers aufwachen. Sowie ein paar andere in ein paar anderen Körpern des Kabinetts. Das Land ist gespalten, Menschen demonstrieren, schwenken Union-Jacks oder blaue Flaggen mit gelben Sternen drauf. Es hat ein Referendum gegeben, dessen Ergebnis einem allgemeinen »Jetzt macht endlich!« gewichen ist, Großbritannien will den Alleingang wagen – und wieder kommt einem da was bekannt vor.

Dann sinkt ein englisches Fischerboot kurz vor der französischen Küste, Menschen sterben. Ein kleines Unglück mitten im ach-so-zivilisierten Westeuropa des 21. Jahrhunderts, könnte man meinen. Aber es ist, natürlich, kompliziert. Von wegen Hoheitsgewässern und Schuld. Steine fliegen auf die französische Botschaft, Staatsbegräbnisse werden gefordert, an die Ehre wird appelliert. Der US-Präsident reagiert so angemessen differenziert, wie man es von einem Staatsmann seines Ranges erwarten darf: »Die kleine Sylvie Larousse versenkt englische Schiffe. SCHLIMM!«, twittert er. Dabei verwandelt er gleich den französischen Präsidenten in ein kleines Mädchen, das Fischerboot in englische Schiffe, einen komplexen Sachverhalt in eine von jedem Kind zu verstehende Daumen-hoch-Daumen-runter-Angelegenheit. Jim Sams hat so ein Gefühl, das auch uns außerhalb des Romans einiges erklären könnte: Was, wenn da im Oval-Office auch ein verwandelter Sechsbeiner sitzt?

Bei all dem schlägt man, sich am eigenen Lachen verschluckend, immer wieder die Hände überm Kopf zusammen, über das unfassbare Geschehen und wie wenig unfassbar es einem vorkommt. Ian McEwan, dieser große englische Schriftsteller, hat mit »Die Kakerlake« einen großen Roman geschrieben, der als kleine, gewitzte Fingerübung daherkommt und uns »zwischen gesundem Menschenverstand und dem Willen des Volkes hin- und hergerissen« so interessante wie bittere Erkenntnisse über Phänomene wie Reversalismus und Pairing schenkt. Dass Diogenes das Buch noch in dunkelblauem Leinen einschlägt, macht die Lektüre vollends zum Genuss – auch weil er so bitter nachschmeckt.

Ian McEwan: Die Kakerlake. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Zürich: Diogenes 2019. 133 S., 19 €

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