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Die Buchstadt rappelt sich langsam auf

Der Leipziger Literaturbetrieb ist hoffnungsvoll und setzt auf Live-Veranstaltungen im Sommer

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Die letzten Monate haben den Literaturbetrieb in Leipzig vor Herausforderungen gestellt. Der kreuzer hat sich bei Veranstaltern, Bibliothekaren und Autorinnen umgehört. Wie gehen Sie mit der Situation um und was bedeutet Corona für sie? Ein Überblick.

»Wann es weitergeht? Keine Ahnung, für Juni und die erste Julihälfte stehen die Planungen lange fest. Ich hoffe, dass das meiste davon stattfinden kann«, sagt Thorsten Ahrend, Programmleiter und Geschäftsführer des Literaturhauses Leipzig. Immer wieder musste er in den letzten Wochen Lesungen ausfallen lassen oder verschieben. In den nächsten Wochen muss er sich immer wieder ähnliche Entscheidungen treffen. »Ich frage mich, wie es mit ausländischen Gästen sein wird, wir haben welche aus Schweden, Österreich, Dänemark für die nächsten Monate eingeladen. Ob die kommen können, hängt ja nicht zuletzt von den Grenz- und Quarantäneregelungen ab«, sagt er und fügt hinzu: »Also wir stellen uns alle auf die neue Weltlage ein«. Das bedeutet auch, dass er und sein Team einige Veranstaltungen des Literaturhauses ins Freie verlegt haben. Im Garten des Literaturhauses oder im Hof des Grassi-Museums lassen sich Abstandsregeln leichter einhalten.

Diese Möglichkeit haben die Veranstalter des Literarischen Herbstes nicht. Ihr Literaturfestival findet erst im Oktober statt, wenn das Wetter deutlich schlechter ist. Programmkoordinatorin Anja Kösler möchte dennoch kein Online-Festival auf die Beine stellen. »Die Leute wollen doch keine Streams sehen. Notfalls kommen sie lieber mit Maske und haben drei freie Stühle um sich rum«, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Team plant sie aktuell neue Leseformate. Auf den Lesungen werden dann auch einige Frühjahrstitel ihren Platz finden, die durch die Corona-Krise kaum Aufmerksamkeit gefunden haben.

Auch im »Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen« musste man in den letzten Monaten die meisten Veranstaltungen ausfallen lassen. Doch da Ausleihen weiter stattfinden konnten, läuft der Betrieb im Zentrum auf Hochtouren. »Die Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice sind mit Laptops ausgestattet, sie nutzen unter anderem Software um Bücher in Brailleschrift zu übertragen und stehen via Mail und Telefonkonferenzen im Kontakt miteinander«, erzählt Ronald Krause, Pressemitarbeiter des Zentrums. Bei den Ausleihen verzeichnet seine Bibliothek sogar eine größere Nachfrage als vorher. »Wir freuen uns, wenn die Zeit fürs Lesen guter und barrierefreier Bücher genutzt wird«, sagt Krause.

Vor einer ähnlichen Situation steht die Deutsche Nationalbibliothek. Dort hat man den Publikumsverkehr relativ früh wieder aufgenommen. Unter strengen Hygieneauflagen versteht sich. »Dass die Lesesäle sehr viel leerer aussehen als sonst, liegt daran, dass wir sämtliche nicht freigegebenen Stühle entfernt haben, damit alle den Mindestabstand einhalten können«, berichtet Ruprecht Langer, der in der Bibliothek das deutsche Musikarchiv leitet. Bücher die in seiner Arbeitsstätte ausgeliehen werden, kommen nach der Rückgabe erst einmal in eine kurze »Quarantäne«, ehe sie wieder verwendet werden. Ansonsten hat man bei der Nationalbibliothek die letzten Wochen dazu genutzt, die digitalen Angebote und Kommunikationswege weiter auszubauen. Das war wichtig, weil die Zusammenarbeit der Nationalbibliothek an den beiden Standorten Leipzig und Frankfurt auch in der Corona-Zeit funktionieren musste.

»Inspiration und Ruhe sind meine Grundbedingungen, um arbeiten zu können. Beides fehlt«, sagt die Schriftstellerin Daniela Krien. Sie hat Glück: Ihr Roman »Die Liebe im Ernstfall« hat sich im letzten Jahr gut verkauft, weswegen sie sich zumindest um Geld aktuell weniger Sorgen machen muss. Anders geht es da Katharina Bendixen. Die Autorin ist Vorstandsmitglied des Sächsischen Literaturrates. Über die aktuelle Situation sagt sie: »Wenn ich Nachrichten lese, wird meistens die Angst übermächtig: Angst um vieles – um die kulturelle Vielfalt beispielsweise, nicht zuletzt auch um die eigene Existenz. Angst lähmt das Schreiben, künstlerisches Potential werde ich also erst später finden – oder gar nicht. Denn eigentlich finde ich eine solche Perspektive auf die Corona-Krise angesichts der Todeszahlen zynisch.«

Franziska Wilhelm und Julius Fischer, beide Mitglieder der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz, die in diesem Jahr ihren zwölften Geburtstag feierte, wollen etwas Positives in die Zeit der Beschränkungen tragen. »Ich versuche, nicht verrückt zu werden. Und den Blick nach vorne zu richten«, sagt Fischer. »Vielleicht werde ich etwas genügsamer. Und ich achte mehr auf mich. Gestern habe ich mir eine Meditationsapp runtergeladen. Und dann habe ich fest gestellt, dass die Scheiße 50 Euro pro Jahr kostet.« Franziska Wilhelm führt auf ihrer Website ein Fototagebuch, dass sie die ›Corona-Chroniken‹ genannt hat. »Obwohl so viel heruntergefahren wurde, gibt es ja immer noch jede Menge zu beobachten. Als Schriftstellerin interessieren mich die Abgründe des Alltags«, sagt sie und fügt hinzu: »In Corona-Zeiten ist dieser Alltag so abgründig wie nie.«

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