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Kolumne: Eine Saison mit Rasenballsport Leipzig

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Im elften und letzten Teil ihrer Kolumne lässt das Blogkollektiv Zwangsbeglückt die Saison der Betriebssportgemeinschaft Revue passieren

Geschafft. Die urplötzlich vor selbstkasteiender Demut triefende Bundesliga hat ihre denkwürdige Saison doch noch glimpflich zu Ende gebracht. Und was gab es wieder für marktübliche Überraschungen. Bayern Meister! Paderborn steigt ab! Auch die BVB AG ganz vorn dabei, dazu Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg im UEFA-Cup. (Nebenher: In der Haut von RTL wollen wir jetzt nicht stecken. Die müssen jetzt überlegen, welche ihrer Sendungen noch weniger Zuschauer als Sinsheim vor den TV lockt, damit sich die Ersetzung durch den Fußballkrimi rechtfertigen lässt.).

Alles veritable Sensationen, und auch mit dem bronzenen Rang der Bausparer unseres Hip-City-Clubs aus Fuschl am See war keinesfalls zu rechnen. Zu bescheiden die Ansprüche, zu gering das Budget. Völlig zu Recht betonte Club-Chef Mintzlaff wieder über die gesamte Saison, wie ernsthaft man auf die Ausgaben achte, man keineswegs nur eine abhängige Filiale von Red Bull sei und überhaupt der normalste Verein der Welt. Man muss es sich als schockartiges Erlebnis vorstellen, als Mintzlaff davon Kenntnis erhielt, dass Red Bull 100 Millionen Euro, die eigentlich ein Darlehen waren, dem Club im Grunde erlasse, oder wie es in Fachkreisen heißt: in Eigenkapital umgewandelt wurden.

Eine Welt muss für ihn zusammengestürzt sein. Hatte Mintzlaff doch erst im Januar davon gesprochen, dass immer alles zurückgezahlt werden müsse: »Unsere Darlehen kommen nicht von der Sparkasse Leipzig, sondern zu martktüblichen Konditionen von Red Bull. Das Geld wurde uns nicht geschenkt, das sind Darlehen, die getilgt werden müssen.« Stimmte ja auch. Nur, dass der Geldgeber gleich selbst die Tilgung übernimmt, hatte Mintzlaff eben kurz vergessen.

Zum Glück fanden sich aber rechtzeitig genügend Fachmänner, um dem ganzen Vorgang die völlige Legalität zu bescheinigen. Das war auch für uns beruhigend, denn natürlich interessieren uns bei RB nur die formalrechtlichen Fragen. Was es bedeutet, dass dieser ganz normale Verein sieben Jahre nach seiner Gründung in die erste Liga aufstieg und dort nie unter Platz 6 eine Saison beendete, dass hier möglicherweise sehr viel Geld, viel Interesse an Taurinmarketing und städtischen Grundstücken, wenig Interesse dagegen an wirklichem Wettbewerb auf Augenhöhe oder lebendig-demokratischer Vereinskultur eine Rolle spielen, das alles hat uns noch nie gejuckt.

Und so waren zwar schon die bisherigen Monate dieser Saison großartig: Die unverhohlenen OBM-Wahlempfehlungen für Hip-City-Vollbartwissenschaftsminister Gemkow, weil die Stadt am Beispiel des Stadionvorplatzgrundstücks nun doch nicht so willig wie erhofft dem eigenen Ausverkauf zustimmt; die verlässlich bescheidene Selbstdarstellung bei im Grunde jeder Wortmeldung vom Cottaweg; und nicht zuletzt die Weltsensation, dass erstmals im eigenen Nachwuchs ausgebildete Blue Chips noch am letzten Spieltag der längst entschiedenen Saison ihre Bundesliga-Tauglichkeit ab der 82. (Dennis Borkowski) bzw. 87. Minute (Tom Krauß) eindrucksvoll unter Beweis stellen durften. Mit dem bereits erwähnten marktüblichen Cinderella-Darlehen hatte die Saison aus unserer Sicht aber ihren Höhepunkt erreicht; alles danach wäre nur noch Zugabe gewesen.

Nur gut, dass dann auch nichts mehr kam. Sicherlich veränderten die Corona-Wochen für alle die Lage. Doch nun wurde umso deutlicher, was für ein Null-Ereignis dieses RB im städtischen Leben ist, wenn nicht eines der eventisierten Heimspiele stattfindet. Wie clean und steril diese Filiale ihren Dienst versieht, wie wenig sie dabei auf Publikum angewiesen ist (»Stay away so we can play«), und wie begrenzt ihr Horizont über den Spielplan hinaus ist.

Dies wird, das können wir Ihnen versichern, auch so bleiben. Selbst wenn diese Kolumne heute ihr Ende findet. Es war uns ein Vergnügen. Danke, RB.

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