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Wundts Gespenster

Geist gegen Geisterseher: Vor 100 Jahren starb der Psychologe Wilhelm Wundt

Lange vorm Hype der Psychologie als Plauder-Wissenschaft zum Mit-sich-selbst-befreundet-Sein und zur Couch-Therapie gründete Wilhelm Wundt das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie – in Leipzig. Vor hundert Jahren starb der Wissenschaftspionier, der es auch mit Geistersehern aufnahm.

Wundt war ein Spätzünder, was die wissenschaftliche Arbeit angeht. Er war eher in sich gekehrt, geistesabwesend; der Forscherdrang regte sich erst allmählich. In Mannheim 1832 geboren, hörte er in Heidelberg und Tübingen Vorlesungen über dies und das, promovierte schließlich zum Mediziner. Als Arzt zeigte er dann grenzschreitendes Denken: Für physische Probleme untersuchter er auch psychische Ursachen. Das stand entgegen damaliger Lehrmeinung. Aber Körper und Geist gehörten für Wundt zusammen. So gelangte er über den wissenschaftlichen Weg zur Psychologie, die damals oft Objekt theoretischer Spekulationen war.

Schließlich zog Wundt 1875 nach Leipzig, wo er 45 Jahre lang forschte und lehrte. Der Mediziner, der auch als Philosoph wirkte, rief hier das erste Institut für experimentelle Psychologie ins Leben. Das 1879 zunächst als private Einrichtung organisierte Institut wird nach vier Jahren in die Universität integriert. Die Arbeit dort folgte Wundts Credo: »Sobald man einmal die Seele als ein Naturphänomen und die Seelenlehre als eine Naturwissenschaft auffaßt, muß auch die experimentelle Methode auf diese Wissenschaft ihre volle Anwendung finden können.« Mit naturwissenschaftlichen Methoden sollte demzufolge das Bewusstsein erforscht werden. In Experimenten nach Reaktionszeit oder Reizreaktionen versuchte Wundt, das Feld der Psyche zu durchmessen.

Wundt im Labor mit Assistenten und Institutsgehilfen; Foto: Institut für Psychologie der Universität Leipzig

Dabei zeigte er sich in vielerlei Hinsicht neugierig, arbeitete auf den Feldern der Kultur- und Religionspsychologie, aber auch Erkenntnistheorie und Ethik. In seinen jungen Jahren gründete er den Vereinstag deutscher Arbeitervereine mit – den Vorläufer der SPD –, engagierte sich politisch in liberalen und setzte sich für Studienreformen ein. Im Alter scheint er konservativer geworden zu sein, unterschrieb die dem Ersten Weltkrieg zustimmende »Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches«. Er und viele andere bewiesen damit, dass Intellekt vor Fehlurteil nicht schützt, wenn gefühliger Patriotismus das Herz höher schlagen lässt.

Von anderen Gespenstern ließ sich Wundt nicht blenden. So mischte er aktiv im Spiritismusstreit mit, der Leipzig zum internationalen Zentrum okkulter Debatten machte. Der hier wirkende Physiker Karl Friedrich Zöllner lud mit dem bekannten Medium Henry Slade zu Séancen ein, an denen auch Wundt und andere Wissenschaftler teilnahmen. Doch anders als Zöllner war Wundt nicht überzeugt, übernatürliche Kräfte aus der vierten Dimension am Werk zu sehen. Beide lieferten sich eine derbe schriftlich-öffentliche Debatte. Wundt bezeichnete das Medium als einen Taschenspieler. Tatsächlich entlarvte einige Jahr später ein Zauberkünstler Slade als Betrüger.

Wundts Leipziger Wohnorte sind zerstört, aber sein Sommerhaus in Großboten steht noch – dort ist er 1920 auch verstorben. Das Haus befindet sich seit 2018 im Besitz einer dem Förderverein nahestehenden Denkmalpflegerin. Erste Arbeiten haben begonnen. Auch wenn er selbst später außerhalb von Fachkreisen in Vergessenheit geriet, scharte der Pionier eine Gründergeneration der Psychologie um sich. Mit Edward Bradford Titchener studierte der Vater des Strukturalismus bei Wundt. James McKeen Cattell wurde der erste Psychologieprofessor der USA und lernte in Leipzig genauso wie Granville Stanley Hall, der Begründer der Kinderpsychologie.

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