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Doppelte Marktverdrängung

Der Wochenmarkt droht langfristig vom Markt verbannt zu werden

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Die Lobby für den Wochenmarkt scheint schwach und das obwohl man hier leichter Hand lokale und regionale Akteure stärken kann. Ein Kommentar von Tobias Prüwer aus der kreuzer-Ausgabe 09/20.

Der Wochenmarkt muss wegen der Leipziger Markttage vom Markt verlegt werden. Klingt komisch, ist aber so. Wenn die Stadt zum Herbstfest ruft, muss der Wochenmarkt auf den Augustusplatz weichen. Zuvor wird das Treiben wegen des Weinfestes nicht vorm Alten Rathaus stattfinden können. Hinter dieser Marktverdrängung steckt einerseits ein schiefes Verständnis vom Nutzen der Innenstadtflächen: Was ist besser geeignet, einen Marktplatz zu füllen, als ein Markt? Und es berührt außerdem die alte Baustelle Markthalle.

Wenn wirklich eine Markthalle ins Neubauensemble auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz integriert wird – wie geplant –, ist der innerstädtische Wochenmarkt als Standort passé. Ziehen aber dessen Stände alle in die Halle? Gute Frage. Es bleibt offen, ob man dann weiterhin Frau Müllers beste Erdbeeren aus Pegau, süßsaure Äpfel aus Lommatzsch, die Bennewitzer Buttermilch und Wurzner Wildfleisch in der City erstehen kann. Ohne sie und viele andere lokale Händler und Produzenten, die ihre Waren vorm Alten Rathaus feilbieten, wäre die Idee der Markthalle reichlich sinnlos.

Das aber ist zu befürchten. Investitionen erfordern die Refinanzierung, also fällt die Miete im Neubau entsprechend hoch aus. Eine solche übersteigt das Budget der regionalen Händler – das ist simple Marktlogik. Und das würde neben der temporären Verlegung durch städtische Veranstaltungen zur doppelten Marktverdrängung führen. Schließlich fällt der Wochenmarkt dann weg, weil er in direkter Konkurrenz zur Markthalle stünde, die ordentlich Gewinne einspielen muss. Und diesen Verlust köstlicher Regionalität werden die kleinen Stadtteilwochenmärkte nicht auffangen können.

Das dämmerte eventuell bereits der Verwaltung, immerhin agierte sie in Bezug auf die Markthalle bisher sehr zögerlich, obwohl der Stadtratsbeschluss zu deren Bau eindeutig ist. So hat das Wirtschaftsdezernat im Juni eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Dafür sollen »Umfangreiche Markterkundungen« eingeholt werden und »Abfragen bei Akteuren und potenziellen Nachfragern« gemacht werden. Es soll also ermittelt werden, ob die Markthalle finanziell überhaupt tragfähig ist, von den Kundinnen angenommen würde und sich genügend Händler fänden. Das ist ein kluger Schritt, denn eine zusätzliche Markthalle, die nur mit dem üblichen Lebensmittelhandel gefüllt ist, braucht es nicht.

Vielleicht also gibt es noch ein Einsehen auch beim Stadtrat, der seinen Beschluss abändert. Es ist befremdlich, dass der Wochenmarkt in der Politik so eine schwache Lobby hat, wo man doch gerade hier leichter Hand lokale und regionale Akteure stärken kann. Diese ständige Verlegung durch Bevölkerungs- und Belustigungsfeste ist schon störend genug. Warum können nicht diese auf dem Leuschner- und Augustusplatz stattfinden? Schließlich dient der Wochenmarkt nicht allein der Versorgung, sondern stellt eine hübsche Belebung der Stadtmitte dar. Er besticht gerade durch seine Alltäglichkeit und veranschaulicht, was Stadt ausmacht; nicht nur historisch. Hier kommen verschiedenste Menschen zusammen, ja: Das ist die Idee von Stadt. Daher sollte man das Markttreiben feiern, statt es zu verdrängen.

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Ein Kommentar

  1. gh | 29. September 2020 | um 20:26 Uhr

    Die Partnerstadt Hannover zeigt, daß eine Markthalle UND ein Wochenmarkt funktionieren können.
    Ich finde einen Neubau auf dem Leuschnerplatz begrüßenswert. Allerdings sollte der Wochenmarkt vor dem Rathaus dafür NICHT gestrichen werden. Meiner Meinung nach werden da unterschiedliche Ziel-(Käufer-)Gruppen angesprochen.