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Der Schock

Was nach der Wende kam

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Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist vieles nicht geklärt. Mit der Wende kam die Währungsunion und die Treuhand. Für manche ist das der Anfang von vielen Problemen gewesen. Ein Essay von Yana Milev mit Fotos von Andreas Rost aus dem kreuzer 10/20.

Während die Montagsdemos in Leipzig über das Datum der Grenzöffnung vom 9. November 1989 hinweg anhielten, waren sie spätestens ab 1990 von einer deutlichen Trendwende in den Losungen und Forderungen bestimmt. Leipzig wurde zur Hochburg der deutsch-nationalen Demonstrationen.

Was damals noch kein schlüssiges Bild ergab, ist inzwischen als Wahlkampf des Bonner Kabinetts in der DDR belegt – vom Historiker Michael Richter als »Wende in der Wende« bezeichnet. Ziel dieses Wahlkampfes waren aber, zunächst einmal, nicht Wahlen in der BRD, sondern eine Wahl im Ausland: die angekündigte erste freie Wahl zur Volkskammer der DDR im März 1990. Die Demonstrationen mit den Losungen »Deutschland, einig Vaterland« gab es sicher auch in Plauen, Gera, Jena, Cottbus oder Suhl, jedoch wurden sie für die neuere deutsche Geschichtsschreibung in Leipzig federführend. Fortan ging es nicht mehr um eine Demokratisierung im eigenen Land, sondern um einen schnellen territorialen Anschluss der DDR an die BRD und einen noch schnelleren Währungsanschluss an die D-Mark. Und ausgerechnet Leipzig spielte im Wahlkampf des Bonner Kabinetts in der DDR eine Schlüsselrolle.

Teilnehmer der DSU-Wahlkampfveranstaltung am 18. Februar 1990 vor der Oper in Leipzig. Die Losung des Abends war: »Freiheit statt Sozialismus« Foto: Andreas Rost

Schmutzige Wahl

Was Egon Bahr, der langjährige Berater Willy Brandts, als die »schmutzigsten Wahlen« bezeichnete, die er je in seinem Leben beobachtet habe, ging als »die ersten freien Wahlen« der DDR in die Geschichte ein.
Doch was war ab 1990 passiert, dass Le…

Yana Milev wurde 1964 in Leipzig geboren und ist habilitierte Soziologin der Universität St. Gallen. 2017 gründete sie die Firma Agio – Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung. Sie ist Initiatorin und Leiterin des Forschungsprojektes »Entkoppelte Gesellschaft. Liberalisierung und Widerstand in Ostdeutschland seit 1989/90. Ein soziologisches Laboratorium«. Zuletzt erschien von ihr »Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme« im Verlag Das Neue Berlin.

Andreas Rost wurde 1966 in Weimar geboren. Er studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, 1989 war Rost Mitglied des Runden Tisches Leipzig. 2019 erschien das preisgekrönte Buch »Das Jahr 1990 freilegen« von Spector Books Leipzig mit Fotos u. a. von Andreas Rost. Am 2. Oktober eröffnet im Kupferstich-Kabinett Dresden die Ausstellung »Andreas Rost. Wiedervereinigung«, zu der ein Begleitband »3. Oktober 90« im Wasmuth-Verlag erschien.

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