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Katerstimmung

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Zum Jahrestag der Wende widmet sich eine Reihe in der Stadt dem filmischen Gedenken an die Wende. Und mit »Milla meets Moses« startet ein Film, in dem Liebe, Krankheit, Tod und Sucht immer ganz nah beieinander sind.

Was bleibt von der Wende? Eine filmische Spurensuche in den frühen Neunziger Jahren. In Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut Andreas Kötzing sechs Spiel- und Dokumentarfilme für den Leipziger Arm der Reihe »Nach dem Jubel« ausgewählt. Fünf weitere sind im Programmkino Ost in Dresden zu sehen. Gemeinsam werfen sie einen facettenreichen Blick auf die Zeit unmittelbar nach der Wende. »Der Gedanke zur Reihe kam auf, als ich angefangen habe, mich etwas intensiver mit den Filmen der frühen neunziger Jahre zu beschäftigen«, sagt Kötzing. »Es geht dabei nicht um Werke, die rückblickend die Wiedervereinigungszeit aus heutiger Perspektive fiktionalisieren. Vielmehr entstanden die Filme damals unter dem Eindruck der Ereignisse. Einige Filmemacher begleiten die Reihe in der Cinémathèque. Ergänzend zur Reihe hat Andreas Kötzing einen lesenswerten Beitrag im Blog des Hannah-Arendt-Instituts veröffentlicht. 

»Nach dem Jubel«: 9.–13.10., Cinémathèque in der Nato

Film der Woche: Als die 15-jährige, schwer an Krebs erkrankte Milla bei einem Schwächeanfall am Bahnsteig unsanft von Moses aufgefangen wird, nimmt der Rest ihres vermutlich nicht mehr allzu langen Lebens einen unerwarteten Verlauf. Zwar will der dealende Junkie von ihr Geld für seine Hilfe haben, dennoch verliebt Milla sich in ihn und schockt genüsslich ihre Eltern, als sie ihn mit nach Hause nimmt. Obwohl sich einige Zwischenfälle ereignen, entwickelt sich eine mehr als ungewöhnliche Beziehung zwischen den beiden. Kompliziert ist auch die Ehe von Millas Eltern, dem Psychiater Henry und der tablettenabhängigen Mutter Anna, die nicht wissen, wie sie mit der Krankheit ihrer Tochter und deren Entscheidungen umgehen sollen. Die Australierin Shannon Murphy erzählt in ihrem herausragenden Spielfilmdebüt, das auf einem Theaterstück ihrer Landsmännin Rita Kalnejais basiert, eine bekannte Geschichte auf höchst originelle Weise. Zwar sind die Themen Krankheit, Tod und Sucht stets präsent, letzten Endes aber nur Triebfedern, um die zutiefst menschlichen Verfehlungen, Ängste, Wünsche und Bemühungen der vier Protagonisten offenzulegen. Dabei geht es trotz einiger emotionaler Momente erfreulicherweise nicht bleischwer, sondern oft überraschend ironisch, ambivalent und warmherzig zu, woran auch das perfekte Hauptdarstellerensemble mit Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis und Ben Mendelsohn großen Anteil hat.

PETER HOCH

»Milla meets Moses«: ab 8.10., Passage Kinos

Robert Bilott (Mark Ruffalo) hat etwas Manisches. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es durch – egal, wie groß die Widerstände sind. In der Anwaltskanzlei hat er es weit gebracht. Er ist die rechte Hand von Kanzleichef Tom Terp (Tim Robbins), der sein volles Vertrauen in ihn setzt. Einer seiner vertrauten Klienten ist das Chemieunternehmen DuPont, einer der größten Wirtschaftsmotoren in West Virginia, der sein Hauptgeschäft mit der Herstellung von Teflon macht. Der Gigant wird zum Gegner als Robert in der Provinz auf den Fall des Rinderzüchters Wilbur Tennant (Bill Camp) aufmerksam wird. Nahezu 200 seiner Tiere sind auf rätselhafte Weise gestorben. Als Ursache hat er die toxischen Abfälle von DuPont auf dem Nebengrundstück ausgemacht und alles penibel auf Video dokumentiert. Doch niemand will ihm glauben. Bis auf Robert, der den langen und zehrenden Kampf gegen den Multimilliarden-Dollar-Konzern antritt und bald feststellen muss, dass er damit sein Familienglück mit Sarah (Anne Hathaway) aufs Spiel setzt.

Regiemeister Todd Haynes erweist sich als kämpferischer Geist für das Gute. Er schildert den unbeirrbaren Weg eines Mannes, der überzeugt ist, das Richtige zu tun. Mark Ruffalo, der den Film auch koproduzierte, spielt ihn meisterhaft zurückhaltend in einem ruhigen, versierten Charakterdrama, basierend auf dem New York Times-Artikel von Nathaniel Rich. Die Nebenrollen sind mit Anna Hathaway, Tim Robbins, Bill Pullman und Victor Garber (»Argo«) als Bilotts skrupellosem Gegenspieler glänzend besetzt. Kameraveteran Ed Lachmann, der bereits Haynes »Carol« und »Dem Himmel so fern« in stilvolle Bilder tauchte, unterstützt die zurückhaltende Inszenierung mit dem Zeitkolorit der Neunziger Jahre. Dazu beschwört John Denvers »Take me home, country roads« den Lokalpatriotismus und ist Soundtrack für den langen, zermürbenden Kampf einer Gemeinde in West Virginia.

»Vergiftete Wahrheit«: ab 8.10., Schauburg, Cinplex, CineStar

Die Lösung vieler Klimaprobleme liegt unter unseren Füßen und wir merken es nicht einmal: Schon eine durchgängige Schicht aus zwanzig Zentimetern Humus könnte unsere Luft reinigen, Wasser speichern und uns ernähren. 0,1 Prozent Humus pro Hektar binden drei bis fünf Tonnen CO2. Deshalb sind Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität so wichtig, werden aber nach wie vor vielerorts vernachlässigt. Marc Uhlig hat mit „Unser Boden, unser Erbe“ einen wichtigen Film gedreht, der auf den Wert der Erde hinweist. Er spricht mit Agrarökonomen, Demeter-Landwirten und Wissenschaftlern. Sie zeigen auf, was getan werden muss. Jene, die es umsetzen, schildern die Mühsal des Anbaus, die unmittelbaren Auswirkungen des Klimawandels, die eine solide Ernte mit jedem Jahr schwerer machen. Die Stimmen der Entscheidungsträger in der Politik, der Verantwortlichen in der Landwirtschaft – sie fehlen. Dadurch wirkt Uhligs Film ein wenig unausgeglichen. Aber er bietet gute Ansätze, denen Taten folgen müssen.

»Unser Boden, unser Erbe«: ab 1.10., Passage Kinos, Kinobar Prager Frühling

Weitere Filmtermine der Woche

Die Wiese – Ein Paradies nebenan


Der Mikrokosmos einer Sommerwiese in der Nahaufnahme. – Filmvorführung inklusive eines einführenden Vortrags
8.10., 20 Uhr, Cineding

Ende der Vertretung
Der Film dokumentiert die sich drastisch verschlechternden Bedingungen der Angestellten. Während die Arbeitsbelastung immer näher an die Grenze des körperlich Erträglichen geht, bleiben die Löhne immer weiter hinter den steigenden Lebenshaltungskosten zurück. – (Globale)
8.10., 20 Uhr, Heizhaus

Nur eine Frau


Ein biografischer Film über die Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters (1819 – 1895). – mit anschließendem Filmgespräch
8.10., 16 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Stalker


Philosophische Dystopie nach dem Roman »Picknick am Wegesrand« der Strugatsky-Brüder. Expedition ins Sperrgebiet
9.10., 20.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Train to Busan + Peninsula


Horrorkino aus Südkorea im Doppelpack…
9.10., 21 Uhr, Regina Palast

newsoundKino: Das Cabinet des Dr. Caligari


Expressionistisches Meisterwerk der Stummfilm-Ära über den Hypnotiseur Caligari und seine Schöpfung. – zum hundertsten Geburtstag des Films, musikalische Begleitung durch Matthias Hirth (Electronic & Keys)
10.10., 20 Uhr, Kulturhof Gohlis


Streltsov



Sportdrama um einen Fußballer – Russisches Kino im Original
11.10., 17.30 Uhr, Cineplex


Wir Beide


Starkes Schauspielkino über zwei Rentnerinnen, die ein Leben lang eine geheime Beziehung miteinander führen und dann beschließen sich gegenüber ihren Familien zu offenbaren.
11.10., 17 Uhr, Regina Palast

Nach dem Jubel, 9.–13.10., Cinémathèque in der Nato:


Herzsprung


Das Spielfilmdebüt von Helke Misselwitz war einer der ersten Filme, die in Ostdeutschland nach der Abwicklung der DEFA entstanden sind. In ihm verschmelzen symbolträchtige Bilder und Märchenmotive in einer Zustandsbeschreibung, die dokumentarisch anmutet und bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Im Anschluss Regiegespräch – Nach dem Jubel
9.10., 19 Uhr


Ostkreuz


Berlin, 1989. Die Mauer ist weg, doch an ihrer Stelle zieht sich eine Narbe durch die Stadt. Neubauruinen, Brachen, ein Niemandsland zwischen Ost und West. Hier lebt die 15-jährige Elfie mit ihrer Mutter in einem Containerlager. – mit Einführung – Nach dem Jubel
9.10., 22 Uhr

Nie wieder schlafen


Sommer 1991 in Berlin: Die Freundinnen Rita, Lilian und Roberta lassen Sie durch die Stadt treiben und lernen Orte, Menschen und einander besser oder ganz neu kennen. Das Porträt dreier Frauen und einer Stadt, die es so nicht mehr gibt. – mit Regiegespräch – Nach dem Jubel
12.10., 19 Uhr

Wir können auch anders…


Die Brüder Kipp und Most, Analphabeten und eingeschränkt intelligent, haben im Osten Deutschlands geerbt und machen sich frohgemut auf in die neuen Länder. Skurriles, hinreißend komisches Roadmovie von Detlev Buck. – mit Einführung – Nach dem Jubel
12.10., 22 Uhr


Das deutsche Kettensägenmassaker


Seit Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 haben Hunderttausende von DDR-Bürgern ihre alte Heimat verlassen. Viele von ihnen leben heute unerkannt unter uns, aber über vier Prozent kamen niemals an – die Ossis werden geschlachtet! Christoph Schlingensiefs Antwort auf deutsche Laubsägenpolitik: die Wiederzerstückelung Deutschlands. – mit Einführung – Nach dem Jubel
13.10., 22 Uhr


Grauguß


Ein spontan entstandener Kurzdokumentarfilm über die »GISAG AG« in Leipzig, einst eine der größten Eisengießereien in der DDR. – mit Regiegespräch – Nach dem Jubel
13.10., 19 Uhr


Ein Teil von uns


Eine junge Frau kämpft mit ihrer familiären Verantwortung gegenüber ihrer psychisch kranken Mutter. Mit Filmgespräch im Anschluss
14.10., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

But Beautiful


Erwin Wagenhofer (»We feed the world«) zeigt weltweite Wege aus der Krise, umrahmt von der schöpferischen Kraft der Musik. – (Globale)
14.10., 20 Uhr, Black Box der HMT

»Lateinamerikanische Tage«: 11.–25.10., Cineding, Schaubühne Lindenfels, Mühlstraße 14

Amazônia Sociedade Anônima


Als Konsequenz aus der Untätigkeit der brasilianischen Regierung hinsichtlich des Schutzes des Amazonasgebietes haben sich dort lebende traditionelle Völker und indigene Gruppen in beispielloser Weise zusammengetan, um gegen den Landraub und die illegale Abholzung des Urwaldes und für ihre Rechte zu kämpfen. Der Film des Regisseurs Estevao Ciavatta zeigt die Auswirkungen dieser Situation auf die Menschenrechte der dort lebenden Menschen und auf das Ökosystem der gesamten Erde.
11.10., 19 Uhr, Mühlstraße 14

Isla de Plástico


José Maria Cabral und Nasha Bogaert nähern sich dem globalen Abfallproblem aus einer lokalen Perspektive. In ihrem Dokumentarfilm porträtieren sie einige der vielen Recycling-Projekte in der Dominikanischen Republik.
14.10., 19 Uhr, Mühlstraße 14

Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela
Doku über einen mutmaßlichen Terroristen, der sich in Venezuela versteckt hält – 11. Lateinamerikanische Tage
14.10., 20 Uhr, Cineding


Die Kordillere der Träume


Regisseur Patricio Guzmán lebt seit 1973 im Pariser Exil. Von dort aus wirft er in dieser Dokumentation einen Blick auf sein Heimatland Chile, zwischen spektakulärer Natur und der brutalen Vergangenheit unter der Diktatur von Pinochet. – 11. Lateinamerikanische Filmtage
14.10., 22 Uhr, Cineding



Uferfrauen


Die Leipzigerin Barbara Wallbraun erzählt berührend vom lesbischen L(i)eben in der DDR – 27. Leipziger Lesben Treffen
14.10., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

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