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Gibts dor gorni!

Wie Sächsisch geht, können selbst die Sächsinnen schon lange nicht mehr sagen

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»So geht sächsisch«: Mit dieser Dachmarke wirbt Sachsen für sich, kittet eine sächsische Identität zusammen. Diese zeigt sich besonders exklusiv, wirkt als Mischung aus Stolz und Schmach verstärkend aus aufs Bild vom »hellen Sachsen«, der sich nichts sagen lässt. Weil Aufklärung und Kritik der erste Weg zur Besserung sein können, soll die sächsische Identitätsbildung hier in loser Folge beleuchtet und diskutiert werden. Warum fühlt man sich in Sachsen so besonders und bildet das nicht genau auch den Boden für besonders eklige Phänomene der Gegenwart? Was also sind die sächsischen Verhältnisse? Wie geht sächsisch – und warum?

Wer Identität im sächsischen Dialekt sucht, kann schon seit Jahrzehnten nur noch eine lautlich eingefärbte Umgangssprache finden, die auch in anderen Bundesländern zu Hause ist. Entgegen aller Legenden hat Sächsisch keine Geschichte geschrieben: Weder hat Martin Luther die Bibel auf Sächsisch übersetzt, noch hat Sächsisch das Hochdeutsche erfunden. Der Reformator konnte zu einer Zeit ohne Massenmedien und als nur sehr wenige Leute sich überregional verständigen mussten, nicht einfach drauflos schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Er musste eine Sprache finden, welche die vielen regionalen Dialektunterschiede ausgleicht. Dafür orientierte er sich an der Kanzleisprache am Meißner Hof. Einen Duden gab es noch nicht und auch kein Hochdeutsch, das überregional gültig war. Die meißnische Amtssprache war schriftlich und hatte als fürstliche Mischsprache für Verkehrs- und Geschäftszwecke nicht viel mit dem zu tun, was die Leute im Alltag sprachen. Auch anderswo bildeten sich solche Kanzleisprachen aus, mit Unterschieden je nach Region, Kanzlei und Schreiber. Luther ergänzte die Amtssprache um gut verständliche volksnahe Ausdrücke. Seine Popularität und der Buchdruck sorgten für die Verbreitung dieser modifizierten sächsischen Kanzleisprache. Das heißt allerdings nicht, dass Luther auf Sächsisch schrieb.

Sachsens Scham und Preußens Gloria
Die Dialekte im ostmitteldeutschen Sprachgebiet, in dem Luther sich bewegte, waren Kompromisse gewöhnt. Das Gebiet wurde erst recht spät mit deutscher Zunge besiedelt. Dabei ließen sich sprachliche Merkmale aus dem Nordbairischen und Fränkischen, dem Westmitteldeutschen sowie dem Niederdeutschen nieder, die in einer gesprochenen Mischsprache zusammenfanden. Die unterschied sich in gewissen Dingen von anderen Dialekten, darunter Been für Bein, Boom für Baum oder Hitte für Hütte. Als sich später nicht nur in Sachsen Schriftsprachen entwickelten, bildeten sie einen Kontrast zu den lokalen Dialekten und ein Vorbild für die gesprochene Standardsprache. Die sächsisch-meißnische Oberschicht wollte sich ohnehin von der gesprochenen Sprache der Mehrheit abgrenzen. Deren an der Schrift orientiertes und künstlich aufgepepptes »Sächsisch« hatte hohes Ansehen. Das Kurfürstentum stand zu Beginn des 18. Jahrhunderts in vollem Saft, und sein Glanz verknüpfte sich mit der in manchen Kreisen als nacheifernswert geltenden Sprache. Nicht gemeint ist damit der regionale Dialekt der anderen Schichten. Der Mythos vom Sächsischen als dem Vorläufer des Hochdeutschen war dennoch in der Welt.

Nach 1763 und der Niederlage im Siebenjährigen Krieg griff das angekratzte sächsische Selbstbewusstsein auf diesen Mythos zurück. Nun war Preußen politisch wie kulturell ganz groß, man schaute nach Berlin, nicht mehr nach Dresden und Leipzig, und man belustigte sich immer unverhohlener über die Eigenheiten der sächsischen Mundart. Sächsisch war nun für eine einheitliche deutsche Hochsprache endgültig aus dem Rennen und galt wie andere Dialekte auch als Ausdruck von Primitivität und mangelnder Bildung. Die früheren sächsischen Dialekte hatten jedoch durch den regionalen Ausgleich und die Einflussnahmen im Lauf der Zeit mehr Federn gelassen. Das Ergebnis war eine sächsische Umgangssprache, die einfach Dialekt genannt wurde, aber nicht sehr viel mit den früheren sächsischen Dialekten zu tun hatte.

Der Sachse ist nicht fischelant
Für die Dialekte insgesamt wurde es nun eng, denn die Hochsprache auf Brandenburgisch und Niedersächsisch legte an Prestige zu, während Mundart als Sprache des vermeintlich einfachen bis dummen Volkes zu vermeiden war. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden Mundarten wieder in, waren aber weiterhin mit den einfachen Leuten und deren Stereotypisierung verknüpft. In Sachsen wurde sie auch für Parodien auf den Spießbürger benutzt, was andere wiederum als Darstellung des tatsächlichen Sachsen ansahen. Das Sächsische – oder genauer: die für die Literatur aufbereitete sächsische Umgangssprache – zog mal wieder die Arschkarte: Es wurde zum Inbegriff des einfältigen Spießers, der als einziger nicht bemerkt hat, dass er weder helle noch fischelant ist. Dieses Bild wurde im Nationalsozialismus durch Abwehrreflexe verstärkt. Der selber mit einem deutlichen Akzent ausgestattete Reichsstatthalter und Ministerpräsident Martin Mutschmann versuchte, entsprechende Darstellungen zu verbieten, und mühte sich um die Streuung der Legende, dass Hochdeutsch in Sachsen erfunden wurde. Gleichzeitig liefen Kampagnen für Hochdeutsch statt Sächsisch. Man schämte sich also, die Schmach von Preußens Gloria wirkte ebenso nach wie der sächselnde Hanswurst auf der Lustspielbühne und der täppisch-loyale Biedermann mit Hang zur Doppelmoral. In der Elite der DDR wiederum war Sächsisch verbreitet – keine Voraussetzung, dem Dialekt zu neuem Ansehen zu verhelfen. Viele Westdeutsche hatten wohl bis zum Mauerfall kaum eine andere Gelegenheit, ostdeutsche Sprache zu hören als die von Parteioberen der SED. Bis heute gilt Sächsisch als unbeliebt, auch unter den Sprecherinnen selbst.

Sächsisch in Sachsen und im Fernsehen
Sächsisch wird nicht nur in Sachsen gesprochen, sondern auch in Teilen Sachsen-Anhalts und Thüringens. Und in Sachsen gibt es nicht nur Sächsisch, sondern auch Fränkisch und Nordbairisch (und natürlich Sorbisch, aber das ist kein deutscher Dialekt, sondern eine westslawische Sprache). Im Gebiet zwischen Leipzig, Chemnitz und Dresden wurden die Mundarten immer mehr eingeebnet, es gibt nur noch eine obersächsische Umgangssprache, die sehr eng am Standard ist, in der Fläche kaum Variation zeigt und wenige dialektale Eigenheiten besitzt. Auch das, was man heute als tiefstes Sächsisch bezeichnen möchte, unterscheidet sich nur in der Aussprache vom Standard und selbst das nicht besonders gravierend. Es fehlt eine eigene Grammatik und die Liste der eigenen Wörter ist nicht sehr lang. Klar, da wäre das anekdotische Modschegiebchn: »Or gugge ma, ’n Marienkäfer, dazu saren mir Modschegiebchn.« Voll meta. Sächsische Sprachbeispiele lassen sich kaum noch regional zuordnen, auch wenn sie in Dresden nu sagen, in Leipzig heye und es in den östlichen und südöstlichen Bezirken ni heißt statt nicht. Eiforbibsch gibt es hingegen nur im Fernsehen.

Der Abbau der sächsischen Dialekte bedeutet, dass sie nicht mehr systematisch vorkommen, sondern nur in bestimmten Situationen. Sobald es etwas »tiefer« Sächsisch wird, mehr droff und iwwermorchen und schweeßnie und saufne (statt saufen) gesagt wird, von kleechen und Demmse, rummehren und Plempe die Rede ist, stehen die Zeichen auf Spaß und auf Typisierung in sozialer wie regionaler Hinsicht. Damit ist Sächsisch ein Substandard mit unsystematischen Dialekt-Elementen. Über den deutschen Dialekt, der sich am wenigsten vom Standard unterscheidet, lässt sich sagen: Sächsisch ist längst kein Dialekt mehr.

Wie geht denn Sächsisch?
Der Stolz auf die Mundart kann nur mühsam die Scham darüber verdecken, und der Dialekt selbst ist schon lange auf dem absteigenden Ast. Ein Trost: Sächsisch ist sicher eine der bekanntesten unter den deutschen Mundarten (auch wenn manchmal schwäbische, moselfränkische oder hessische Sprachproben für Sächsisch gehalten werden). Leute aus Westdeutschland stellen sich teilweise sehr große Gebiete als sächsische Dialektregion vor, manche sogar das gesamte Gebiet der DDR, von Kap Arkona bis zum Fichtelberg, oder – noch besser – auch einen Bereich von Rügen bis hinter Nürnberg und bis weit nach Niedersachsen und Hessen hinein. Wie Sächsisch geht, weiß aber kaum jemand, nicht einmal die Sprecher des Sächsischen selbst (auch wenn sie etwas anderes sagen). Mit Dialekt-Brille betrachtet hat »So geht Sächsisch« als Kampagne des sächsischen Freistaats also eigentlich keinen Kern, denn wie Sächsisch geht, lernt man in Sachsen nicht wirklich.

Franziska Reif ist Linguistin und kreuzer-Redakteurin.

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