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Druck auf der Flasche

Nachdem die Durstexpress-Mitarbeiter in Leipzig gekündigt werden sollen, organisieren sie sich

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Die Zukunft der Mitarbeiter des Getränkelieferanten Durstexpress in Leipzig bleibt unsicher. Erst vor Kurzem wurde verkündet, dass alle Mitarbeiter des Leipziger Lagers zum 28. Februar 2021 gekündigt werden sollen. Grund dafür ist die Fusionierung mit dem Konkurrenten Flaschenpost. Nun kämpfen die Mitarbeiter gemeinsam mit Gewerkschaften und Politik darum, Druck auf das Unternehmen Flaschenpost aufzubauen.

Über eine Woche ist es her, dass allen Leipziger Mitarbeitern von Durstexpress die Kündigung ausgesprochen wurde. In Leipzig betrifft das laut der Gewerkschaft Nahrungsmittel-Genuss-Gastronomie (NGG) etwa 450 Mitarbeiter. Grund dafür ist die Fusionierung mit dem Konkurrenten Flaschenpost. Bundesweit werden neben den Leipziger Durstexpress-Angestellten auch Mitarbeiter in Bochum und Berlin gekündigt. An den übrigen Standorten werden alle Durstexpress-Mitarbeiter von Flaschenpost übernommen.

In einer Information an die Angestellten in Leipzig begründete das Unternehmen Flaschenpost seinen Schritt damit, dass das Lager in der Zschortauer Straße »im Vergleich zum Nachbarlager der flaschenpost schlechter abschneidet«. In Bezug auf den Verbleib der Angestellten hieß es, dem Unternehmen sei sehr daran gelegen, möglichst viele Mitarbeiter von Durstexpress bei Flaschenpost weiter zu beschäftigen. Das Personal könnte sich bei Flaschenpost bewerben und würde priorisiert behandelt.

Die NGG kritisiert das Vorgehen des Unternehmens. Sie fordern, die Mitarbeiter zu Konditionen von Durstexpress weiter zu beschäftigten. Gerade in Anbetracht des Liefer-Booms in Zeiten der Pandemie sei eine Kündigung nicht hinnehmbar, teile Jörg Most, Geschäftsführer der Region, in einer Pressemitteilung mit. Um den Interessen der Beschäftigten Gehör zu verschaffen, lud die Gewerkschaft am 23. Januar 2021 die Angestellten ein, um eine Betriebsratswahl einzuleiten.

Am Tag der Wahl war das gesamte Betriebsgelände von Sicherheitspersonal umstellt. Eintritt erhielten nur Beschäftigte und Gewerkschaftsmitglieder. Etwa 150 Mitarbeiter versammelten sich insgesamt, um den Wahlvorstand zu wählen. Vor dem Eingang des Geländes zeigten Menschen ihre Solidarität mit den Beschäftigten – darunter mehrheitlich Mitglieder von SPD und Linke, auch Grünen-Stadtrat Jürgen Kasek war anwesend.

In einem offenen Brief an die Geschäftsführung der Oetker-Gruppe, zu der Flaschenpost und Durstexpress gehören, forderten SPD-Abgeordnete schon im Vorhinein der Wahl, »einen geordneten Betriebsübergang zu organisieren und damit den Beschäftigten in einer schwierigen Zeit die Sicherheit zu geben, die sie verdienen.« Sören Pellmann von der Linken kritisierte, dass es bisher keinen Betriebsrat gab und versprach, den Einsatz der Beschäftigten für den Erhalt und die Verbesserung ihrer Stellen in den kommenden Wochen zu unterstützen. Aber auch Jens Lehmann von der CDU hatte sich im Vorfeld kritisch geäußert und forderte, die Beschäftigten zu den bisherigen Konditionen zu übernehmen.

Wie reagiert das Unternehmen Flaschenpost auf die eingeleiteten Betriebsratswahlen? Gegenüber dem kreuzer heißt es aus dem Unternehmen: »Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Betriebsrat gründen möchten, stehen wir dem selbstverständlich offen gegenüber. Ein Betriebsrat ist aber Sache der Kolleginnen und Kollegen.« Trotz der Kündigungen sei es weiterhin Ziel des Unternehmens, möglichst viele der Leipziger Durstexpress-Mitarbeiter zu beschäftigen und ihnen nach Möglichkeit neue Beschäftigungsangebote zu unterbreiten.

Dass es doch noch zu einer geordneten Übernahme aller Leipziger Durstexpress-Beschäftigten durch Flaschenpost kommt, scheint momentan eher unwahrscheinlich. Laut der Gewerkschaft NGG erfolgten bereits in der letzten Januar-Woche die Kündigungsschreiben an die Beschäftigten. »Abgefedert« werden sollen die Kündigungen laut Unternehmen durch die Möglichkeit, sich bei Flaschenpost zu bewerben. Bewerber aus dem Leipziger Durstexpress-Betrieb sollen dabei priorisiert behandelt werde.

Rund 450 Mitarbeiter werden gekündigt. Selbst wenn sich alle beim neuen Unternehmen Flaschenpost bewerben, stellt sich die Frage: Wie viele Arbeitsplätze stehen überhaupt zur Verfügung? Auf Anfrage des Unternehmens heißt es dazu lediglich, dass man im Leipziger Flaschenpost-Lager aktuell 313 Mitarbeiter beschäftige. »Dabei gehen wir davon aus, dass eine gemeinsame erweiterte Mannschaft aufgrund des positiven Auftragsvolumens auch in Zukunft gebraucht wird und somit eine Verstärkung des bisherigen Flaschenpost-Teams durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Durstexpress Sinn ergibt.«

Nachtrag 02. Februar 2021:

Mittlerweile hat der Oetker-Konzern auf den offenen Brief der Leipziger SPD reagiert. Darin forderte sie, einen geordneten Betriebsübergang nach Paragraf 613a des Bürgerlichen Gesetzbuches für alle Durstexpress-Mitarbeiter zu organisieren.

In der Antwort des Konzerns heißt es, das Unternehmen gehe »streng in Übereinstimmung mit geltendem Recht und fairem Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen vor.« Ein Betriebsübergang für das Leipziger Lager liege allerdings nicht vor.

»Die Absicht zur Wiederanstellung«bei Flaschenpost zu betonen«, heißt es bei der Leipziger SPD »weckt aus unserer Sicht Zweifel daran, ob ein ausreichender Grund für betriebsbedingte Kündigungen vorliegt und wirft auch die Frage auf, inwiefern das Agieren des Unternehmens nicht doch der Umgehung des 613a BGB dient.«

Die SPD hat deshalb mit Forderungen nachgelegt. Dazu gehört ein runder Tisch mit Arbeitnehmenden der Gewerkschaft NGG sowie der Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig und dem sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit.

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