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Kultur

Film statt Scheidung

Jede Beziehung muss ihre eigenen Konflikte verhandeln: familiäre, emotionale, gesellschaftliche – 
in »Becoming Kim« liegen 8.000 Kilometer dazwischen

  Film statt Scheidung | Jede Beziehung muss ihre eigenen Konflikte verhandeln: familiäre, emotionale, gesellschaftliche –    
in »Becoming Kim« liegen 8.000 Kilometer dazwischen  Foto: Neufilm

Seit wir uns kennen, war Jeong Rae die Hälfte der Zeit nicht bei uns in Deutschland«, beginnt Susanne Kim den Dokumentarfilm, in dem sie die Geschichte ihrer binationalen Familie und ihre eigene Rolle darin erzählt. 2020, mitten im Corona-Lockdown, eröffnet Jeong Rae in seiner Heimat Korea einen Hähnchen-Grill, ohne Absprache mit Susanne, die in Deutschland die gemeinsame Tochter erzieht. »Wenn du einen Grill eröffnest, dann drehe ich meinen nächsten Film über uns«, verkündet sie, halb ernst. »Oder wir können uns auch scheiden lassen.« Sie entscheidet sich für den Film.

Im Juli 2026 sitzt Kim im Kulturgarten West in Leipzig; es regnet in Strömen, unter dem großen Sonnenschirm bleibt sie trocken. »Vielleicht habe ich mich selber in diesen Film reingetrickst«, sagt die Regisseurin. »Es gab schon Momente, wo ich gedacht habe, jetzt reicht es eigentlich. Aber da hab ich ja dann den Film gedreht.«

In »Becoming Kim« zeigt sie, was das bedeutet, dieses Aufeinandertreffen zweier Kulturen. Einmal will sie von ihrer Schwiegermutter Sun Ja wissen, wie diese ihre eigene Ehe erlebt hat. Anstatt die Frage zu übersetzen, lenkt Jeong Rae ein: »Wenn du das so fragst, ist das eine sehr dumme Frage. Erwarte nicht, dass sie aus der Perspektive deiner Kultur antwortet.« Über die eigene kulturelle Prägung und gesellschaftliche Wertevorstellungen hat Kim sich schon immer Gedanken gemacht. »In dem Film war es dann für mich noch offensichtlicher, auch in Hinsicht auf die Dramaturgie.« Zum Beispiel wenn es darum ging, wie Sun Ja dargestellt wird: eine alte, koreanische Frau, die kocht, putzt und sich für die Familie aufopfert. »Sie hat schon diese klassische Rolle und auch ein sehr traditionelles Denken – aber das ist sie halt auch!«, erklärt Kim. »Was aber nicht heißt, dass sie nicht auch ein sehr offener Mensch ist.«

Um diesen Blick zu schärfen, hat Kim für den Film mit der koreanischen Editorin Jin Ju Lee zusammengearbeitet. Gemeinsam verweben sie die Handlung, meist gefilmt von Kim selbst, mit künstlerischen Sequenzen: Bilder, die ein Diaprojektor wie ein übergroßes Fotoalbum an Zimmerwände wirft, inszenierte Szenen, in denen Kim sich in Schürze zwischen das dreckige Geschirr auf der Küchenzeile legt. Einmal, erzählt sie im Film, träumt sie von Hühnern. Und dann läuft Kim in einem überdimensionalen Huhn-Kostüm über ein Feld.

»Für mich sind Dokumentarfilme oft gewollt zu ernst«, sagt sie im Gespräch. »Manche finden das vielleicht total blöd, aber man muss schon über sich selbst lachen können.« Und außerdem, sagt sie, sei das »so schön frauenkunstmäßig«. Sie habe viele Sujets aufgreifen wollen, die so richtig »Frauenfilm« sind: Aufnahmen im Spiegel, voluminöse, weiche Kostüme, Materialien, die mit Weiblichkeit assoziiert werden. »Das hab ich extra gemacht, für all diejenigen, die eben immer so gerne finden: Ach, das ist ja Frauenkunst.« Denn auch darum gehe es ihr in »Becoming Kim«: Solidarität unter Frauen.

Die Patt-Situation, in der Susanne Kim mit Jeong Rae steckt, löst sich dadurch jedoch nicht auf. Denn ihre Einsamkeit steht immer etwas Größerem gegenüber: Jeong Raes Rassismuserfahrungen, die er in Deutschland erlebt. Kim erzählt: »Es gibt total berechtigte Wünsche und auch Erwartungen – von seiner Mutter, meinen Eltern, von ihm, von mir. Aber es ist nicht auflösbar.«

Dass sich diese Art der Freiheit, die Susanne und Jeong Rae über die Distanz einander lassen, in dem Moment trübt, in dem sie allein die gemeinsame Tochter erziehen muss, betont Kim auch: »Ich glaube, dass gerade die Generation meines Mannes immer noch nicht hinterfragt, was es bedeutet, Sorgearbeit zu machen.« Es ist nicht der einzige Frust, den sie in ihrer Beziehung aushält. Jeong Rae hat den Film, den Kim über sie beide gemacht hat, bis heute nicht gesehen. Er könne sich selber nicht gegenübertreten. Kim hält das für symptomatisch. Und fände es wichtig, dass ihr Mann den Dokumentarfilm auch als Anlass nähme, Familientraumata aufzuarbeiten. Aber keine Chance. »Ich habe schon das Gefühl, dass diese Männergeneration ein bisschen lost ist. Viel stärker lost als die Frauen.«

»Becoming Kim« hat kein Happy End. Aber auch kein Sad End. Susanne Kim schafft ein berührend ehrliches und gleichzeitig humorvolles Porträt über eine Beziehung, die in all ihrer Besonderheit eine große Allgemeingültigkeit in sich trägt.


> »Becoming Kim«: D/ROK 2026, R: Susanne Kim, 89 min, ab 27.8., Premiere und Gespräch mit der Regisseurin: 22.8., 20.30 Uhr, Open-Air-Kino in der Spinnerei, 27.8., 17.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling, www.eksystent.com/becoming-kim 


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