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Kultur

Urlaub fürs Gehirn

Das Highfield Festival fand vorerst das letzte Mal am Störmthaler See statt

  Urlaub fürs Gehirn | Das Highfield Festival fand vorerst das letzte Mal am Störmthaler See statt  Foto: Julia Schwendner

»Lasst euch krankschreiben«, rufen die maskierten Musiker von PA69 zur Abmoderation ihres Songs »Arbeitslos auf Afterwork« in die Menge. Zum Malle-Sound tanzen Tausende im Staubnebel, der das Highfield Festival wie die sächsische Ausgabe des Burning Man anmuten lässt. Passend zur Alkohol-Hommage aus den Boxen sind die meisten Menschen mit einem alkoholischen Getränk auf dem Gelände am Störmthaler See unterwegs. Trotz sengender Hitze sind viele am Tanzen. Es ist schließlich nur einmal Highfield im Jahr. War es: Am Wochenende fand die letzte Ausgabe von Sachsens größtem Indy-Pop-Rock-Event statt. Nach 18 Jahren legen die Veranstalter die Sause auf Eis. Grund sind steigende Kosten und ein Besucherrückgang.

Seinen Namen hat das Festival für gemischte Alternativ-Musik von Hohenfelden. Der Ort bei Erfurt war sein ursprünglicher Austragungsort. 1998 kamen 10.000 Fans am Stausee zusammen, um Iggy Pop und Santana, Subway to Sally und Bell, Book & Candle zu feiern. Der Autor dieser Zeilen fing einen Drumstick, den die Guano Apes von der Bühne warfen. Schon damals zeigte sich, dass gute Stimmung eine bunte Menge zusammenhalten kann. Und dass genau das die Achillesferse bedeutet, denn das gemixte Booking strahlt auch Beliebigkeit aus.

Das 2010 von Thüringen an den Störmthaler See gewanderte Festival ist das wichtigste seiner Art in Ostdeutschland. Und darüber hinaus, muss man mit Blick auf die Angereisten sagen. Nicht nur BNA, TO und GRM zeigen die Kennzeichen auf dem Parkplatz, sondern auch HH, WB, K und S. Auf die Frage einer Band ans Publikum, wer aus Leipzig ist, hebt nur ein Drittel die Hand.

Bei der Stippvisite am Freitagabend ist die Stimmung im Staubnebel ausgelassen. Rund 25 Minuten läuft man vom Einlass, wohin die Fahrradtour von Leipzig aus führt, bis aufs Konzertareal. Wer per PKW anreist, hat einen weiteren Fußweg. Vorbei läuft man am mit Bauzäunen abgegrenztem Camping-Gelände, wo Verschiedenes aus den Soundboxen hämmert. Ein Remix von Galas »Freed from desire« trifft auf Hexen-Lyrics: »Ich mach’s wie Bibi Blocksberg und steig’ auf meinen Besen / Und fliege dann nach Malle zum Saufen an den Tresen«. Taylor Swift weht herüber, vor einem Igluzelt steht ein Weihnachtsbaum. Unter Regenbogen- und Deutschlandflaggen spielt man Bier-Pong und Flunky-Ball.

Die Besucherzahlen lassen sich schwer schätzen, mehr als 20.000 dürften es gewesen sein. In der Spitzenzeit 2024 machten 35.000 Menschen hier »Urlaub fürs Gehirn«, wie ein Karaoke-Duo dieses Jahr unter Applaus von einer Wagenbühne brüllt. Derweil verabschieden sich Indy-Rocker Giant Rooks auf der Hauptstage. Jetzt gegen 20 Uhr ist es voll auf dem Konzertareal. Auch hinter den Wellenbrechern, die auf Soundturmhöhe für Sicherheit sorgen, tanzen Tausende und singen textsicher mit. Man sieht wenig, Details werden per Videoleinwand eingeblendet. Das scheint keinen zu stören. Das sei ihr schönster Highfield-Auftritt gewesen, erklärt der Sänger von Giant Rooks.

In Besuchergesprächen hört man unisono, wie gut das Booking auf dem Highfield sei, fallen »geil« und »cool« häufig. Stammgäste sprechen vom besten Festival überhaupt. Einige sind das erste Mal da, um wenigstens das letzte Highfield zu erleben. Alles wirkt gefällig. Das Highfield serviert Pop und Rock mit punkigen Spurenelementen seit vielen Jahren souverän. Ein Rollstuhlfahrerpodest schafft Barrierefreiheit, Recyclingaktionen und Food-Sharing unterstreichen bewussten Ressourcenumgang. Ein aufgestelltes Riesenrad, eine Lounge-Terrasse, auf der man durch Zusatzzahlung Platz mit Prosecco nimmt und andere Gimmicks widersprechen dem Indy-Charakter. Klar, die Veranstalter und Platzhirsche im Geschäft, Semmel Concerts und FKP Scorpio, müssen Geld verdienen. Das gemischte Angebot – Materia, Feine Sahne Fischfilet, Kraftclub sind unter den Headlinern – scheint aber nicht mehr so lukrativ wie noch vor wenigen Jahren.

Im letzten Jahr sind laut Veranstalterangaben 28.000 Menschen gekommen, was unter der wirtschaftlichen Tragbarkeit liege. Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit seien die Kosten für Personal, Material, Gagen oder Energie um rund 45 Prozent gestiegen. Für Unmut unter den potentiellen Besuchenden könnte eine Preispraxis liegen, die an Ryanair erinnert. Das Highfield ist damit nicht allein, im Netz wird das kontrovers diskutiert. Man kauft häppchenweise. Nach dem Buchen des Festival-Tickets (159 Euro) klickt man sich zur Campinggebühr in Höhe von 64 Euro durch. Es gibt etliche Upgrades bis hin zum VIP-Platin-Zusatz (699 Euro).

Dabei wollen die meisten Festivalgäste – hier wie anderswo – doch nur Urlaub fürs Gehirn statt Chichi. Während nicht nur das Highfield in der Besuchendengunst sinkt erweisen sich spezialisierte Open Airs in ihren Besuchendenzahlen als stabiler. Zudem fühlt sich die Staubwüste am Störmthaler See besonders absurd an, wenn man weiß, dass nur wenige Meter hinter den Absperrungen kühles Wasser lockt. Man darf dort aber nicht hin – aus Sicherheitsgründen. Aber warum man ein Festival an einem See veranstaltet, in dem man nur mit Zusatzticket plantschen darf, war schon die Gretchenfrage auf dem ersten Highfield 1998 am Stausee Hohenfelden.


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