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Lübbe forever

Ein Kommentar zur Intendanzverlängerung von Enrico Lübbe

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Enrico Lübbes Intendanzverlängerung sollte nicht übers Knie gebrochen werden – gebt ihm vorher noch eine Chance, findet Tobias Prüwer.

Eine Vertragsverlängerung mitten in der Pandemie schafft Absicherung. Aber als Qualitätsnachweis taugt das weniger. Besonders dann nicht, wenn es sich um den Bereich Stadttheater handelt, der 2020 weitgehend stillstand. Doch genau das ist in Leipzig angedacht – am Schauspiel soll nämlich alles beim Alten bleiben.

Jedenfalls, wenn es nach Oberbürgermeister Burkhard Jung geht. Er verkündete, Enrico Lübbes Intendanz bis 2027 verlängern zu wollen und das dem Stadtrat vorzuschlagen. Es wäre Lübbes dritte Amtszeit, 15 Jahre insgesamt, womit Leipzig in sein altes Muster in Schauspieldingen zurückfallen würde: Die von vielen schlussendlich als bleierne Zeit empfundene Intendanz Wolfgang Engels dauerte sogar nur 13 Jahre. 
Eigentlich wollte Leipzig danach abwechslungsreicher agieren.

Denn es war der Ausgang der Ära Engel, in der sich die Stadtspitze recht einig zeigte, dass Leipzig Neues und vor allem Wechselndes braucht. Gibt es inzwischen einen Grund, von dieser Haltung abzuweichen? Der Oberbürgermeister nannte ihn nicht, begründete den Schritt aber mit soliden Besucherzahlen und »positiven Ergebnissen« in allen Wirtschaftsjahren. Enrico Lübbe habe es folglich ökonomisch verdient. Ästhetische Argumente führte Jung nicht an – man hat ihn auch schon lange nicht mehr auf Schauspielpremieren erspähen können; auch nicht vor Corona.

Die einen sagen, Lübbe ist angekommen in der Stadt, hat seine Handschrift gefestigt, sein Publikum gefunden. Man kann aber auch sagen, dass das nur ein Teil der Theaterbegeisterten ist und die anderen einfach wegbleiben. Weil sie wissen, was sie erwartet. Das Schauspiel bietet eher Biederes auf großer Bühne, wo man stets mit angezogener Bremse auf Sicherheit fährt. Etwas mehr Varianz spricht aus kleineren Formaten, aber auch hier gehen der Intendant und sein Chefdramaturg Torsten Buß kein Risiko ein. Allein, dass sie regelmäßig Uraufführungen junger Dramatik zeigen, ist Fluch und Segen zugleich. Damit ziehen sie ohne ästhetisches Experiment überregionale Aufmerksamkeit auf sich – aber Uraufführungen zwingen zur Zurückhaltung vor Eingriffen in Stoff und Gestaltung.

Das Schauspiel hat sich nicht weiterentwickelt, die Stadtgesellschaft aber schon. Das gilt es zu berücksichtigen, bevor der Vertrag verlängert wird. Bildet das Theater Themen, Diskussionen und Begehren ab, die Leipzigs Bevölkerung umtreiben? Dass das gar nicht überprüft wird, ist kritikwürdig.

Der Zeitpunkt einer angedachten Verlängerung ist auch für Enrico Lübbe selbst misslich. Denn er konnte im vergangenen Jahr so gut wie kein Theater zeigen. Er hatte also nicht die Möglichkeit, sich ästhetisch noch einmal zu beweisen. Wäre es daher nicht ein bedenkenswerter Vorschlag, ihm zunächst ein zusätzliches Jahr zu geben, um ihm die corona-bedingte Schließung nicht negativ anzulasten? In dieser Zeit kann sich auch der Stadtrat besser darauf verständigen, welches Theater man eigentlich möchte und ob Lübbe der geeignete Intendant dafür ist.

Falls nicht, stünde so noch genügend Zeit zur Verfügung, eine neue Intendanz auszuschreiben, anstatt jetzt voreilig etwas übers Knie zu brechen. Denn der Eindruck, dass man Enrico Lübbe schnell durchwinken will, um keine Ausschreibung machen zu müssen, drängt sich auf. Auch das wirft ein negatives Licht aufs Schauspiel.

»Jede Stadt behält das Theater, das sie verdient«, fasste eine Leipziger Theatergängerin auf Facebook die angekündigte Verlängerung zusammen. Das kann man als Resignation oder als Handlungsaufforderung lesen.

Der Kommentar erschien zuerst in der Februar-Ausgabe des kreuzer 02/21.

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