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Das Einkaufsnetz stärken

Lokal unglücklich? Zwei Händlerinnen beklagten fehlende Unterstützung in der Krise. Der kreuzer hakte nach

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Der Ärger im Einzelhandel ist groß. Denn anders als in anderen Bundesländern dürfen die Händlerinnen in Sachsen keinen Abholservice einrichten. Eine Alternative sollte ein digitales Händlerportal bieten – doch das lässt auf sich warten. Der kreuzer fragte bei den Verantwortlichen nach.

Verärgerung und Aufatmen: Mit gemischten Gefühlen hat Romy Gottschalk den kreuzer-Artikel gelesen, in dem sich zwei Leipziger Einzelhändlerinnen über mangelnde Unterstützung beklagten. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern sei in Sachsen kein Abholservice erlaubt und beim von der Stadt angekündigten digitalen Händlerportal tue sich auch nichts, war der Kern ihrer Kritik. Unternehmerin Gottschalk ist für die unter dem Namen »locally happy« firmierende Plattform verantwortlich.

Ein bisschen hätte sie sich schon geärgert, denn sie sei ja nicht untätig gewesen. Das Konzept, eine im ersten »Lockdown« erstellte Seite zu einer Handelsplattform auszubauen, hatte die Betreiberin einer Marketingagentur bereits im Oktober bei der Stadt eingereicht. »Die Mühlen mahlen leider langsam, aber so ist das, wenn viele bei der Entscheidung beteiligt sind.« Sobald dort einer Förderung zugestimmt werde, könnte der digitale Handelsplatz relativ schnell online gehen, sagt Gottschalk. Daher habe sie sich eben auch darüber gefreut, dass der kreuzer-Text das Thema an die Öffentlichkeit brachte und damit den Druck erhöhte. »Daher kommt jetzt zur rechten Zeit mehr Bewegung in die Sache.« Natürlich wäre es besser gewesen, hätten die Geschäfte schon ab Mitte Dezember Zugriff auf einen zuverlässigen Handelsplatz gehabt, aber so schnell laufen die Entscheidungsprozesse nicht ab.

Not zu Handeln besteht, sagt der Präsident der Leipziger Industrie- und Handelskammer (IHK) Kristian Kirpal: »Die Situation der Händler ist äußerst angespannt. Unsere aktuelle Konjunkturbefragung zu Jahresbeginn 2021 macht dies sehr deutlich: 44 Prozent der Einzelhändler bewerten ihre derzeitige Lage als schlecht, im ersten Lockdown waren dies 28 Prozent.« Bei zwei Dritteln sind die Umsätze gesunken, ein Drittel der Einzelhändler ist mit Liquiditätsengpässen konfrontiert. »Zwölf Prozent können eine drohende Insolvenz derzeit nicht ausschließen. Das dürfte die Handelslandschaft merklich verändern. Und es ist spürbar, dass Frust, Wut und Resignation unter den Unternehmen zunehmen.«

Kirpal erhofft sich von der Politik eine Wiederöffnungsperspektive für die Ladengeschäfte – natürlich bei Einhaltung aller Hygiene- und Einlasskonzepte. Der Handel erhalte zu wenig Hilfe. Unterstützungsleistungen kommen zum Beispiel mit Verzögerung. »Es ist enttäuschend, dass Sachsen als nunmehr einziges Bundesland Einzelhändlern weiterhin die Möglichkeit verwehrt, Click & Collect zu nutzen. Die Abholung von Produkten aller Art an der Ladentür – auf Vorbestellung unter Einhaltung der Hygienebestimmungen – muss umgehend ermöglicht werden.« Dass der Handel die Digitalisierung verschlafen hätte, weist der IHK als unfairen Vorwurf zurück. Die Hälfte aller Leipziger Händler nutze 2020 Online-Plattformen, noch 2017 waren es 34 Prozent. »Vielmehr bekommen wir jetzt die Bedeutung des stationären Handels eindrucksvoll für das öffentliche Leben insgesamt vor Augen geführt, das nicht zuletzt auch durch das Schließen der Läden fast völlig zum Erliegen kam.« Eine Vernetzung der lokalen Händler hält Kirpal daher für wichtig.

Die Lage des Einzelhandels beunruhigt auch die Stadtspitze, erklärt ein Sprecher des Leipziger Dezernats Wirtschaft, Arbeit und Digitales. Die staatliche Unterstützung sei zu niedrig. Allerdings »können wir keine Prognose abgeben, wie lange Kaufhäuser und Händler diese Konsenspause durchhalten werden.« Auch die Stadt hofft auf Signale, gerade was den derzeit unerlaubten Abholservice angeht: »Mit der Aufnahme der Verpflichtung zum Tragen von FFP2-Masken oder vergleichbarem Standard, befürwortet die Stadt Leipzig demnächst einen solchen Abholservice. Dies wäre ein wichtiges Zeichen.« Weil es der öffentlichen Verwaltung rechtlich nicht gestattet ist, »aktiv in den freien Markt einzugreifen, kann die Stadt selbst keinen digitalen Marktplatz etablieren. Dennoch haben wir während der Corona-Krise finanzielle Mittel zur Krisenbewältigung an privatwirtschaftliche Leipziger Plattformen dieser Art ausgereicht, auch an Locally Happy.«

Deren Entwicklerin Romy Gottschalk ist nun optimistisch. Bei den Gesprächen mit der Stadt »sind wir schon viele Ebenen weiter und ich bin zuversichtlich, dass in den nächsten zwei Wochen eine Entscheidung erfolgt.« Die Plattform kann dann schnell realisiert werden. Sie soll nicht allein als Notmaßnahme in der Pandemie dienen, sondern als langfristiges und nachhaltiges Modell. Sie wird einen zusätzlichen Vertriebskanal darstellen, bei dem die Auslieferung via Lastenrad noch am Bestelltag erfolgt. »Stell Dir eine Stadt vor, in der es völlig egal ist, ob du im Laden oder im Online-Laden bestellst. Auf diese Weise können alle wieder lokal einkaufen, egal ob online oder offline. Locallyhappy.de ist nicht gewinnorientiert, was die Voraussetzung für den Aufbau eines nachhaltigen Einkaufsökosystem ist. Wenn in einer Stadt ein modernes und lokales Einkaufs-Ökosystem funktionieren kann, dann in Leipzig.«

Dazu müssen auch die Händler mitmachen. Kontakt zu Ladeninhaberin Sabine Kühnhäuser, die im eingangs erwähnten kreuzer-Beitrag äußerte, allein gelassen zu sein, hat Gottschalk schon aufgenommen. Sie wünscht sich, dass viele mitmachen. Dazu sollten sie sich am besten per Mail melden. »Wir wollen alle erreichen, von denen, die bisher zu den digitalen Einsteigern zählen, bis zu den Profis. Wir lassen keinen Händler allein.«

> https://locallyhappy.de
> Weitere Möglichkeiten, den lokalen Handel zu unterstützen: http://http://www.leipzig.de/lokal-unterstuetzen

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