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Osterstreik bei Amazon in Leipzig

Mitarbeiter in Leipzig kämpfen für Tarifverträge

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Kurz vor dem Osterfest streikten die Amazon-Beschäftigten in Leipzig vier Tage lang. Sie fordern bessere Vertragsbedingungen, doch das Unternehmen hält dagegen.

Am Donnerstag ging ein ungewöhnlicher Streik im Leipziger Logistikzentrum des Großkonzerns Amazon zu Ende. Wenig deutete darauf hin, dass vier Tage lang Teile des Betriebes stillgelegt worden waren. Es gab keine Streikposten, keine Banner und keine der üblichen Versammlungen. Die Gewerkschaft Verdi will das Unternehmen an den Verhandlungstisch zwingen, um Flächentarifverträge abzuschließen.

Bislang entzieht sich das Unternehmen mit Milliardenumsätzen solchen Verträgen. In einer Mitteilung des Konzerns heißt es, dass er exzellente Arbeitsbedingungen, hohe Löhne und gute Karrierechancen auch ohne Tarifverträge böte. Überdies arbeite das Management eng mit dem Betriebsrat zusammen.

Dieser Darstellung widerspricht der Streikleiter Thomas Schneider von Verdi vehement: »Immer wieder kommt es zu Konflikten, die vor Gericht ausgefochten werden müssen«. Er verweist auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts beim Thema Sonntagsarbeit zugunsten der Belegschaft (kreuzer 03/21).

Schneider zufolge habe dieses Urteil nur wenig verbessert, die Nachtschicht am Sonntag beginnt beispielsweise um neun Uhr Abends. »Ein Tarifvertrag würde hier entsprechend hohe Zuschläge garantieren«, sagt er. Arbeiterinnen klagten zudem über »Zukunftsängste durch befristete Arbeitsverträge«, immer wieder sei es zu »krankheitsbedingten Kündigungen« gekommen. Es geht bei dem Konflikt auch um die »Härte, mit der Amazon den Betrieb leitet«, erklärt Evgenij, ein langjähriger Arbeiter.

Hart wird auch um die öffentliche Deutungshoheit gerungen. Während Amazon erklärte, dass nur knapp zehn Prozent der Belegschaft sich am Streik beteiligten und der Betrieb normal weiter laufen konnte, klang das bei Verdi ganz anders: Laut Streikleiter Schneider legten vierhundert Beschäftigte und damit gut ein Drittel der Belegschaft die Arbeit nieder.

Die Pandemie zwang die Gewerkschaft zu ungewöhnlichen Streikmethoden. Da sie auf die sonst üblichen Versammlungen verzichten mussten, hatte Verdi zu einem sogenannten »Streikfrühstück« geladen. Dennoch fehlen »den Kolleginnen und Kollegen wichtige Erfahrungen an den Streikposten, wo sie sich austauschen können«, meint Schneider. Diese fallen pandemiebedingt weg, ebenso wie die Möglichkeit Arbeiterinnen anzusprechen, die sich nicht am Streik beteiligten.

Dafür, sich nicht zu beteiligen, gaben Kolleginnen verschiedene Gründe an, erzählt Evgenij: »Einige haben schlicht Angst, am Streik teil zu nehmen«. Das Management schikaniere Gewerkschaftsmitglieder, setze Unentschlossene unter Druck. »Ein Teil der Belegschaft »ist auch einfach resigniert«, sagt Evgenij. In seinen Augen befeuert die Betriebsleitung das, indem sie die Gewerkschaft in Misskredit bringt.

Darüber hinaus hat das Unternehmen gelernt mit Streiks umzugehen. »Es kann relativ schnell die verarbeiteten Volumen von Leipzig auf andere Standorte verteilen«, erklärt Schneider. Er betont: »Das kostet dem Unternehmen Millionen«. Aber so könne die Leitung dennoch einen Totalausfall verhindern. Notfalls würden Standorte in anderen Ländern angesteuert – der Vorteil eines international operierenden Konzerns.

Verdi setzt dagegen auf grenzüberschreitende Solidarität. Laut Schneider wissen »die Streikenden, dass der Kampf internationalistisch ist«. Der Streik war Teil einer koordinierten Kampagne, an der sich europaweit über zehntausende Arbeiterinnen beteiligten. Den Auftakt bildete ein Streik in der italienischen Stadt Piacenza. Von Leipzig aus wurden Fotos mit Solidaritätsgrüßen verschickt.

Zudem ist Verdi über die internationale Gewerkschaft Global UNI gut vernetzt mit Kolleginnen und Kollegen in Polen, Frankreich und Spanien. Und nicht zuletzt beobachten sie genau, was gerade in den USA passiert. Dort kämpft eine Partnergewerkschaft von Verdi einen vielbeachteten Kampf gegen Amazon in Bessemer im Bundesstaat Alabama.

Doch, dass sie es mit einer globalen Streikbewegung zu tun haben, komme bei vielen Arbeiterinnen nicht an. Evgenij betont, dass einige den Streiks sogar »kritisch gegenüber« stünden, vor allem diejenigen, die »gewerkschaftsfeindlich« seien. »Sie wollen ihre Ruhe« haben und »nach Feierabend Netflix schauen«.

Der Streik endete zunächst ohne Einigung. Wann der Kampf um den Tarifvertrag bei Amazon in die nächste Runde geht, ist noch ungewiss. Sicher ist aber, dass er kommen wird.

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