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Überdimensionales und die Frage nach den Besitztümern

Neue Kunst-Ausstellungen in Leipziger Museen

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Nach dem hü und hott um die Schließung der Museen steht nun fest, dass sie wieder in das kulturelle Tagesgeschehen einsteigen. Während das Stadtgeschichtliche Museum, das Naturkundemuseum und das Schulmuseum bereits seit 7. April wieder geöffnet sind, bereitet das Museum für bildende Künste seine Öffnung ab 9. April vor. Neben gebuchten Zeitfenstern muss ein negativer Corona-Test vorgewiesen werden. Der kreuzer gibt eine kleine Auswahl an Ausstellungen, die derzeit zu sehen sind.

Der Sowohl-als-auch-Künstler: Andreas Gursky im Museum der bildenden Künste

Kein Jahr war Andreas Grusky 1955 alt, als er mit seinen Eltern Leipzig gen Westen verließ. Sein Vater Willy Gursky setzte in Düsseldorf seine Tätigkeit als Fotograf fort und lichtete vor allem Industrieobjekte zu Werbezwecken ab. Bereits dessen Vater Hans Gursky besaß in Taucha ein »Photo-Fach-Geschäft« und so gilt das Ablichten fast schon als Familientradition.

Nun zeigt das Museum der bildenden Künste die Arbeiten des Fotokünstlers. 60 an der Zahl, in der Mehrzahl auf sehr großer Fläche, verteilt im dritten Obergeschoss. Gursky selbst ordnete sie an – eine Geste, die einem öffentlichen Haus wohl zur Ehre reichen kann. Geschmeidig reihen sich die Themenfelder in einfachen Assoziationsketten aneinander, eigene Kataloge und Ausstellungskarten sind in Schauvitrinen ausgestellt. Das wirkt sehr pittoresk. Schwieriger wirken allerdings schwarz-weiße Fotografien aus dem Familienarchiv von Ansichten des Fotostudios bis zu Hochzeitsfotos in einer Vitrine, denen die Datierungen und Erklärungen sowie Einordnungen fehlen.

Die Werke von Gursky selbst zeigen ihn als einen idealen Sowohl-als-auch-Künstler. Ob Boxenstopp bei der Formel 1, Kreuzfahrtschiff, May Day 2000 – die Arbeiten eignen sich hervorragend, um sowohl von den Licht- und als auch den Schattenseiten des Turbokapitalismus zu erzählen. Sie können Kritikern als auch Befürwortern als Stichwortgeber und Wandgestaltung dienen. Wenn auf der einen Seite ein nordkoreanisches Großspektakel in einen riesigen Rahmen hineingequetscht wird, dann hängt genau gegenüber eine Arbeit, die westliche Politikerinnen in einer großen Weite zeigen.

Letztlich leben die Arbeiten von einem sehr privilegierten Aufnahmeort, der ungewohnte Blickachsen – nahe an Politik und Kapital – in einer materialintensiven Art und Weise präsentiert. So zeigt Gursky beispielweise die Neo Rauch Skulptur »Nachhut« im Lehmbruck Museum mit dramatischer Beleuchtung. Die Spargellandschaft in Beelitz deutet auf Landschaftsausbeutung hin, die Menschen auf den Feldern verschwinden dagegen. Ein kleines, aber doch sehr wichtiges Detail, was hier zur Debatte stehen sollte.

»Im Flutlicht«

Im Kellergeschoss des Museums finden sich zwei Ausstellungen aus den Beständen des Museums, welche die Akteure der neuen Leipziger Schule zeigt, von Neo Rauch bis zu seiner Schülerschaft. Dabei wird traditionellerweise vor allem auf Malerei gesetzt. Eine andere Sammlungsausstellung konzentriert sich auf Arbeiten, die größtenteils aus der DDR-Zeit stammen.

Ein Korridor in der zentralen Halle gehört zur Schau »Im Flutlicht – Historische Fotografien und zeitgenössische Kunst« initiiert vom Sportverein BSG Chemie Leipzig aus Leipzig-Leutzsch und ist in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Museum entstanden. Die Fotografien im Inneren des Flurs erzählen von der 100-jährigen Geschichte des Leutzscher Sportparks und der verschiedenen Vereine. Eine Soundinstallation bringt Klänge aus dem Alfred-Kunze-Sportpark, in dem am 1. November das letzte Regionalligaspiel der Saison mit einem Sieg gegen den Chemnitzer FC zu Ende ging, in das Museum.

Von Künstlerinnen und Künstlern geschaffene Werke unterstützen den Verein, der für die nächsten Spielzeiten in der Regionalliga laut Verband ein Flutlicht benötigt. Die dafür entstehenden Kosten belaufen sich auf ungefähr 500.000 Euro. Mit der Aktion »Flutlicht für Leutzsch« sammelt der Verein schon seit einigen Jahren mit Auktionen und Freundschaftsspielen Geld ein. Um die 400.000 Euro sind bereits zusammengekommen. Die hier ausgestellten Werke werden in einer Auktion im Alfred-Kunze-Sportpark versteigert. Aufgrund der aktuellen Lage steht der Termin noch nicht fest. Allerdings kann im Museum bis zum 2. Mai schon einmal ein besonderes Augenmerk auf die Werke gelenkt werden: ob die Fußballspieler in Sprühtechnik aus dem Jahr 2021 von Christoph Ruckhäberle, der Siebdruck »Die Tribüne« von David Schnell oder eine Fotografie aus der Begegnung der BSG Chemie gegen BSG Wismut Aue aus dem Jahr 1969 von Harald Kirschner. Patrick Franke liefert eine über einstündige Soundcollage aus dem Alfred-Kunze-Sportpark, die die Geräusche aus dem Leutzscher Holz auch während der letzten Monate außerhalb des Ligamodus einfängt. Das künstlerische Spektrum ist sehr groß – von klassischer Ölmalerei bis zur Holzskulptur. Wer es nicht in das Museum schafft, kann sich auf Instagram unter dem Hashtag #Im.Flutlicht über alles informieren.

»Vom Haben und Teilen«: neue Sammlungsausstellung in der GfZK

Die Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) meldet sich mit einer neuen Sammlungsausstellung aus dem zweiten Lockdown zurück, die den Titel »Vom Haben und Teilen« trägt. Es geht um die Sammlung und ihren Wert. Darunter fällt laut GfZK unter anderem die Frage: »Wem gehören die Bestände einer öffentlichen Sammlung?«

Direktorin Franciska Zólyom setzte Sammeln in einem Radiointerview fast mit Raub gleich – was sicherlich im Hinblick auf Sammlungen wie die der Stiftung Preußischer Kunstbesitz in Berlin im Zusammenhang mit den Beduinen-Plastiken eher zu diskutieren wäre als in den Beständen des nach 1990 gegründeten Förderkreises der Galerie für zeitgenössische Kunst. Oder vielleicht doch? Warum fehlen beispielsweise auf den Beschriftungstafeln der neuen Ausstellung die Angaben, wann der Ankauf erfolgte und wie viel Geld dabei floss? Außerdem geht es um Wertsteigerung auf dem Kunstmarkt. Das ist ein weiterer Punkt, der zum Nachdenken anregt. Höchst prominent und in fast allen Räumen ist die österreichische Malerin Johanna Kandl samt Lebenspartner Helmut Kandl vertreten.

Wer hier nicht die Ausstellungstafeln liest, könnte rein visuell zur Annahme gelangen, dass sie mit so vielen Arbeiten in der Sammlung vertreten sei. Das ist allerdings nicht der Fall – ein Großteil der ausgestellten Werke stellt Leihgaben der Künstlerin dar. Wenn hier Haben und Teilen in einer Sammlung verhandelt werden soll, wäre es dann nicht fair gewesen, dass alle Beteiligten identische Räume zur Präsentation erhalten? So zeigt die mit viel Text herbei geschriebene Schau, die vielen Fallgruben auf. Das stimmt die GfZK aber nicht böse, denn sie versteht ihre Präsentation als ein Angebot und wünscht sich viel Partizipation.

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