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»Aus Neugier geboren«

Festivalleiter Knut Geißler über die Verlegung von »Off Europa« und das Besondere der freien Theaterszene

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Das Theaterfestival »Off Europa« ist vom Mai in den Herbst verschoben worden – im 30. Jahr seines Bestehens. Künstlerischer Leipziger Knut Geißler spricht über die offensichtlichen Gründe, die Geschichte des Festivals, seine besondere Art des Suchens und die Zukunft der freien Szene.

kreuzer: Off Europa findet im Mai nicht statt: Hatten Sie bis zuletzt die Hoffnung, es doch realisieren zu können?
KNUT GEISSLER: Das Programm war ja seit Wochen fertig. Wie im letzten Jahr haben wir mit der endgültigen Entscheidung gewartet, so lange es ging. Es war schlicht keine Entspannung der Situation in Sicht – und bei drei Städten, sieben Spielstätten und Ensembles aus acht Ländern fanden wir ein weiteres Abwarten nicht vertretbar. Am Ende war kaum jemand überrascht von diesem Schritt. Am allerwenigsten die Künstlerinnen und Künstler, die in ihren Ländern ja auch Beschränkungen erleben und zum Teil gar nicht reisen können.

kreuzer: Worauf liegen Ihre Hoffnungen für den Herbst?
GEISSLER: Weitere Mutationen könnten auch den Oktober gefährden. Natürlich hoffen wir auf eine Entspannung im Sommer. Und eine zunehmende Immunisierung durch die Impfungen.

kreuzer: Was hatten Sie geplant?
GEISSLER: Das ist ja unsere 30. Ausgabe, die durchaus eine besondere werden soll. Seit 2009 hatten wir ununterbrochen einzelne Länder im Fokus. Diesmal haben wir bemerkenswerte Beispiele der Sichtungen unserer letzten Jahre versammelt. Kein wirkliches Best-of, eher eine Zusammenstellung von bestimmten Themenfeldern, bemerkenswerten Konstellationen und Handschriften, einem hohen Maß an Eigenständigkeit, ja an künstlerischen Freiheitsgraden. Wie der Untertitel schon sagt: »Meisterstücke­«. Andererseits haben wir wegen der Verlegung auch zwei der elf Aufführungen verloren.

kreuzer: Wie haben Sie das Programm zusammengestellt unter Corona-Bedingungen?
GEISSLER: Meine letzte Theaterreise war vor etwas mehr als einem Jahr. Zum Glück war dieser spezielle Jahrgang lange geplant, es gab eine größere Liste an Ideen, die nur noch arrangiert werden mussten.

kreuzer: Welcher Idee oder Impuls folgte »Manöver«? Und wie wurde Off Europa daraus?
GEISSLER: »Manöver« wurde aus einem gewissen Mangel und viel Neugier geboren. Wenn dir niemand Gastspiele in die Stadt holt, die dir als Theaterschaffenden Impulse verschaffen können, musst du das selbst organisieren. Das ließ sich zehn, zwölf Jahre fast nebenbei leisten, dann kam es an seine Grenzen. »Off Europa« war einige Zeit noch ein Low-Budget-Vorhaben, 2006 und 2007 zum Beispiel hatten wir fast kein Geld, ist aber in seiner Entwicklung Spiegelbild einer allumfassenden Professionalisierung. Nicht zuletzt auch der Partner. Die Spielstätten in der Stadt wurden besser, wir schafften es, »Off Europa« nach Dresden auszudehnen. Die Sichtungen wurden intensiver, breiter angelegt, ernsthafter.

kreuzer: Sie gehen als künstlerischer Leiter ganz anders vor als die meisten anderen Festivalkuratoren, Sie lassen sich auf die Region ein, hangeln sich auch mal von Empfehlung zu Empfehlung, um vieles zu sehen. Warum ist Ihnen das wichtig?
GEISSLER: Ich mag diese Art der Annäherung, der Einfühlung, des Sammelns von Wissen und Erfahrungen. Mich interessieren nicht allein die Wahl von Themen oder Ästhetiken, sondern auch Lebensweisen und Arbeitszusammenhänge. So ein Jahrgang ist schlicht nicht fertig, bevor ich keine halbwegs solide Kenntnis von einem Länderkosmos erreicht habe.

kreuzer: In welchen Regionen Europas ist die freie Szene besonders stark, wo kaum vertreten?
GEISSLER: Das freie Arbeiten gedeiht am besten in Freiräumen und in Krisen- oder Umbruchsituationen. Da gibt es überall ständigen Wandel. Es entstehen Spielstätten, es gibt mal mehr Geld, mal weniger, ein Ensemble schafft es, sich eine Zeit lang zu etablieren, ein anderes stirbt oder gibt auf. In vielen Ländern lässt sich – trotz großem Aufwand und professioneller Arbeitsweise – davon kein (Über-)Leben finanzieren. Aber kann das nur im konkreten Fall beleuchten, kaum miteinander vergleichen. Und falls ich mich tatsächlich vor fünf Jahren in Griechenland auskannte, ist heute dort alles schon wieder völlig anders.

kreuzer: Gibt es einen gemeinsamen Nenner der freien Szene?
GEISSLER: Das freie Arbeiten ist weniger abgelöst von äußeren, auch gesellschaftlichen Umständen als das in einem städtischen Betrieb. Deshalb interessiert es mich mehr. Es ist persönlicher, hat oft einen subjektiveren, direkteren Zugang zu seinen Sujets. Die wiederum können völlig unterschiedlich sein. Das selbstbestimmte Produzieren scheint mir der größte gemeinsame Nenner zu sein. Eine gewisse Autonomie in den Entscheidungsprozessen und oft auch der Wunsch nach eher kollektiven Strukturen.

kreuzer: Wie planen Sie das nächste Jahr?
GEISSLER: Einen Länderfokus basierend auf größeren Sichtungen wird es wohl nicht geben können. Vielleicht werden wir einige Vorstellungen weniger haben und ein paar Begegnungen, Hintergrundveranstaltungen mehr. Um Netzwerke zu halten und um diese Corona-Sache etwas aufzuarbeiten. Auch hinsichtlich digitaler Alternativen. Digitale Formate können und sollten für ein Festival wie »Off Europa« maximal eine Ergänzung sein.

kreuzer: Die freie Szene hat sich als besonders vulnerabel gezeigt in der Corona-Krise. Welche Konsequenzen müsste man als Lehre daraus ergreifen?
GEISSLER: Vor allem die fehlende Absicherung von selbstständigem und sonstig prekärem Arbeiten wurde durch die Pandemie nochmals überdeutlich. Auch innerhalb der Künstlerschaft und zwischen Produzierenden und Produzenten wird das eine oder andere Netz anders zu spannen sein. Hinsichtlich Solidarität und Planungssicherheit. Auch wenn ich denke, dass sich in der jetzigen Ausnahmesituation viele Partnerschaften bewährt haben, hilfreich waren.

kreuzer: Die Pandemie verunmöglicht nicht nur Theaterbesuche an sich, sie unterbricht auch die wichtige Vernetzung. Welche Auswirkungen befürchten Sie?
GEISSLER: Die Auswirkungen der Pandemie sind heute natürlich noch nicht absehbar. Ich möchte nicht zu skeptisch klingen, aber – Vorsicht, Plattheit – was jetzt verschwindet, wird nur sehr schwer und sehr langsam wieder aufgebaut werden können.

http://www.bfot.de

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