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Slow-Fashion-Tour per Smartphone

Ein digitaler Plagwitz-Rundgang präsentiert die Bandbreite nachhaltiger Läden, die der Leipziger Westen zu bieten hat

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Einkaufen ohne schlechtes Gewissen – geht das überhaupt? Die Fashion Revolution Week in Leipzig will anregen, bewusster zu konsumieren. Auf der Spur von Slow Fashion, lassen sich in Plagwitz einige Alternativen erkunden.

Woher kommt das 9,99€-Shirt, das mal eben im Einkaufskorb landet? Unter welchen Bedingungen wurde es produziert? Diese Fragen stellt die derzeitige Fashion Revolution Week. Die internationale Aktionswoche weist auf Missstände in der Modebranche hin, fordert mehr Transparenz und prangert blinden Konsum an. Denn hinter großen Konzernen stehen oft undurchsichtige Lieferketten – und schließlich Näherinnen in Bangladesch. Die Alternative ist zwar teurer, aber eben auch verantwortungsbewusst: nachhaltige Mode, fair produziert. Unter diesem Motto stand auch Leipzigs erste Slow-Fashion-Tour, die am 20. April coronabedingt ins Digitale verlegt wurde.

»Ich bin zum ersten Mal Kamerafrau – falls es wackelt und zuckelt, sehts mir nach!« Mit wehenden Ohrhängern springt Ulrike Biller in die Zoom-Kachel. Sie ist die Organisatorin vom Eine Welt Verein und führt knappe zwei Stunden durch Plagwitz Straßen. Vor der Kamera: Marcel Pruß von Konsum Global, der allerlei Fakten zum Thema Nachhaltigkeit beisteuert und Diana Bergmann vom Fair Fashion Lab. Von ihnen erfährt man: Wer sich in Leipzig auf der Suche nach fairer Mode befindet, ist auf der Karl-Heine-Straße gut aufgehoben: Zwischen langen Eisdielenschlangen reihen sich die nachhaltigen Läden nur so aneinander.

Da wäre die Schneiderei Hicecream, die ihre Stoffe aus Westafrika bezieht und mitgebrachte Klamotten gerne »aufpeppt«. Oder das Deepmello and Friends, das Taschen aus Rhabarberleder oder hippe Interior-Stücke vertreibt. Doch auch in Seitenstraßen und Hinterhöfen blitzt Plagwitz‘ Nachhaltigkeitsszene auf. So versteckt sich hinter den Backsteinwänden des Westwerks der Rosentreter: Eine Werkstatt, die den Leinenanzug für die Sommerhochzeit maßschneidert und dem 20er-Jahre-Stil Alltagstauglichkeit einhaucht. Weitere Stationen: Der Familienbetrieb Kunst und Katze in der Merseburger Straße oder der Secondhand-Store Küss mich wach, der sich der Vintage-Mode verschrieben hat und auch gerne mal repariert, um den »Wellen der Wegwerfgesellschaft« entgegenzuwirken.

Der Vorteil einer digitalen Tour: Sie lässt Spontaneität zu. Kurzerhand springt der Inhaber des Weltladens in der Zschocherschen Straße vor die Kamera, um begeistert von seinem veganen Schuh-Sortiment aus Pakistan zu berichten. Oder der Betreiber von Little Kiwi, der die lösemittelfreien Farben seiner Siebdruckwerkstatt vorstellte.

Wie das Ökosiegel zur fairen Mode, gehört die ruckelnde Technik zum Zoom-Call. Doch bei vereinzelten Tonproblemen gab‘s ja noch den multimedialen Stadtplan: Der beinhaltet neben Fotos und Infotexten auch Audio-Statements einzelner Labels. Und so stellten die Gründerinnen von Schwesterchen & Schwesterchen ihre Geschäftsphilosophie einfach selbst vor: »Egal ob Markensache oder No-Name-Teil, bei uns findet alles nochmal einen Liebhaber!«

Zwischendrin tauchen auch Orte früherer Textilindustrie auf, darunter die ehemalige Garnspinnerei Stöhr und Co oder die alte Villa des Industriepioniers Karl Heine. In vielen Textilfabriken war Zwangsarbeit keine Seltenheit. Heutzutage arbeiten Menschen in Produktionsstätten außerhalb Europas oft auch deshalb unter menschenunwürdigen Bedingungen, weil es keine Alternative innerhalb des Landes gibt. Auf diesen unbequemen Aspekt von Billigmode wollte die Tour bewusst hinweisen. Weniger wegwerfen und klug konsumieren – in Plagwitz lässt sich das schon mal umsetzen.

Wer die Slow-Fashion-Tour selbst verfolgen möchte, findet unter http://www.fairfashionlab.de/projekte/projekt-drei-slow-fashion-stadtplan-leipzig/ den digitalen Stadtplan mitsamt Infos, Bildmaterial und weiterführenden Links. Weitere nachhaltige Leipziger Labels können sich an stadtplan@fairfashionlab.de wenden, um in den nächsten Rundgang mitaufgenommen zu werden.

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