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»Gesund ist das nicht«

René Sievert vom Naturschutzbund über die Auswirkungen der Pandemie auf Wildtiere und Menschen

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René Sievert ist Vorsitzender des Leipziger Naturschutzbundes. Mit dem kreuzer sprach er über die Wildtierlage in Leipzig. Mit flatternden Zugvögeln auf seinem virtuellen Zoom-Hintergrund redete er über verstummte Amseln in der Innenstadt und darüber, was die Pandemie mit den Füchsen macht.

kreuzer: Wenn einem auf dem nächtlichen Nachhauseweg mitten auf der Karl-Heine ein Fuchs begegnet – ist das normal?
René Sievert: Ja, das ist normal (lacht). Dass sich die Tierwelt in die Städte bewegt, ist schon seit vielen Jahren ein Trend – was ganz schön viel darüber aussagt, wie schlecht die natürlichen Lebensräume aussehen. Felder und Wälder werden zu Wüsten für ihre Bewohner. So finden dann Fuchs, Reh und Wildschwein neue Lebensräume in den Städten. Das ist ein weltweites Phänomen: Nachts tobt draußen das Leben – und wir bekommen nichts davon mit, was der Fuchs im eigenen Garten treibt.

kreuzer: Der Leipziger Wildwechsel ist also ganz durchschnittlich?
Sievert: Wildtiere sind zwar in allen Großstädten weltweit auf Grünflächen unterwegs, aber in Leipzig sind wir in einer besonderen Situation: Unsere Parks sind teils Auwald-Reste, da geht für die Tierwelt mehr als in sterileren Städten. Deshalb trifft man im Clara-Park schon mal auf seltene Eisvögel oder den knallgelben Pirol. Und auf den Friedhöfen tummeln sich Rehe oder Hasen – auch nicht die typischen Stadtbewohner.

kreuzer: Die Corona-Pandemie hat das Leben aller Stadtbewohner auf den Kopf gestellt – auch das der Wildtiere?
Sievert: Gerade im ersten Lockdown gabs deutlich mehr Ruhe in Innenstadt, Arbeitswelt und Berufsverkehr. Dadurch haben Wildtiere viele stillgelegte Orte besiedelt, nicht selten gab es Vogelnester auf Baugerüsten und auch der Fuchs hat sich auf manch Baustelle zu Hause gefühlt.
Gleichzeitig sind wir Menschen mehr in der Natur vor unserer Haustür unterwegs statt auf Reisen, viele arbeiten plötzlich von zu Hause und schauen auf ihren Garten zu Tageszeiten, an denen sie sonst gar nicht zuhause waren. Primär haben deshalb nicht die Tiere ihr Verhalten geändert, sondern der Mensch Tagesablauf und Wahrnehmung.

René Sievert; Foto: NABU/Guido Rottmann

kreuzer: Mehr Überschneidung mit tierischen »Nachbarn« – bedeutet das auch mehr Konflikte?
Sievert: Teilweise ja: Seit Pandemiebeginn haben sich deutlich mehr Wasservögel an Angelsehnen verfangen. Denn Menschen, die nicht mehr vielen Hobbys nachgehen konnten, fingen plötzlich an, wie wild zu angeln… Mit geschlossenen Restaurants gibts auch mehr Verpackungen to go mit nicht ordentlich entsorgten Essensresten: Die sind der Grund, warum Wildtiere ein »einfacheres« Leben in der Innenstadt haben – gesund ist das allerdings nicht.

kreuzer: Wie verändert sich das Verhalten der »städtischen« Wildtiere?
Sievert: Wasservögel ändern zum Beispiel ihr Zug- und Ausweichverhalten, wenn man sie füttert: Wer stets mit Nahrung versorgt wird, muss nicht weg fliegen, bevor das heimische Gewässer zufriert – und gerät bei Eis dann plötzlich in Lebensgefahr. Bei Amseln unterscheidet sich der Gesang: Der wird durch den Stadtlärm lauter, kürzer, weniger facettenreich. Wir können live beobachten, wie sich eine Art quasi aufspaltet: Irgendwann können Stadtamseln ihre Artgenossen im Wald nicht mehr verstehen. Oder noch drastischer: Jungvögel haben Probleme, den Gesang unter allen Umgebungsgeräuschen überhaupt erst zu erlernen.

kreuzer: Ist ein friedliches Mit- oder Nebeneinander mit den Wildtieren überhaupt möglich?
Sievert: Ja, aber es braucht auch Toleranz. Viele finden den Fuchs erst mal niedlich, solange er seinen Bau nicht im Garten baut. Dann soll der Jäger kommen und macht Tabula rasa… Beim Waschbär ists noch dramatischer, weil viele ihn süß finden. Da kriegen wir Anrufe à la »könnt ihr hinbringen, wo er hingehört« – aber das ist nun mal die nordamerikanische Wildnis. Hier gebietet das EU-Recht, sie nach Fangen fachgerecht töten zu lassen. Wenn man sich mit den Tieren nicht arrangieren kann, muss man deshalb wissen, dass rigoros durchgegriffen wird. Doch oft fängt es schon im Kleinen an: Im Park einfach mal ein paar Wochen im Jahr die andere Route laufen, die nicht am Nistplatz der Krähe vorbeiführt. Die knorrige Obstbaumsorte pflanzen statt das zierliche Bäumchen. Unkraut einfach mal wachsen lassen. Wenn man den natürlichen Lebensraum schützt, kommts gar nicht erst soweit.

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