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Rückwärts in die eigenen Fußstapfen treten

In »An das Wilde glauben« berichtet Autorin Nastassja Martin von einem Bärenangriff

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal liest Literaturredakteurin Linn Penelope Micklitz davon, wie es ist, einen Bärenangriff zu überleben.

Die Anthropologin Nastassja Martin, die es immer wieder in den Wald, in die Wildnis zurückzieht, schreibt »seit Jahren über die Grenzen, die Ränder, die Liminalität, die Übergangszone, die Zwischenwelt«. Es ist ein Ort, »an dem man Risiko läuft, sich zu verwandeln, von dem es schwierig ist, zurückzukommen.«

An das Wilde glauben; Cover: Matthes & Seitz Verlag

Was sie in Alaska in der Theorie beschreibt, erlebt sie später in Kamtschatka am eigenen Leib: Sie wird beim Aufstieg auf den Kljutschewskoi, ein Vulkan auf der größten Halbinsel Ostasiens, von einem Bären angegriffen. Er beißt direkt in ihr Gesicht, sie kann ihn mit »einem Pickelschlag in die rechte Flanke« abwehren. Mit einem zerbrochenen Kiefer und mehreren herausgebrochenen Zähnen wartet Martin in der Einöde auf Rettung – »es ist eine Geburt, da es ganz offensichtlich kein Tod ist.« Geborgen werden, Operationen, Heilung. Martin geht, in ihre eigenen Fußstapfen tretend (»wie die Zobel im Schnee, wenn sie ihre Verfolger in die Irre führen«), rückwärts in die Richtung, aus der sie gekommen ist: den Konflikt auflösen, der dem Bärenangriff voraus ging, Notwendigkeiten aufspüren. »Mein Problem ist, dass mein Problem nicht nur mit mir zu tun hat. Dass die Melancholie, die sich in meinem Körper ausdrückt, von der Welt kommt.«

Martin liest aus den Spuren des Bärenbisses die Spuren der »Entfremdung«, die unsere Zivilisation in den Menschen auslöst, und die unter der offensichtlichen Verletzung erst zutage treten. Und vor allem sieht sie, wenn sie sich an den Angriff erinnert, was der Bär gesehen haben muss: »Seinen menschlichen Anteil; das Gesicht unter seinem Gesicht.« Diese »gegenseitige Initiation« schildert die Feldforscherin ohne Pathos oder Esoterik, sie dröselt die Fäden auf, die dieses »unbegreifliche Wir« zusammenhalten, akzeptierend, was sich nicht entwirren lässt, aber gleichsam beharrlich und tief schürfend. Eine, so muss man es sagen, animistische, lebensverändernde Lektüre, ein wildes, ungezähmtes Geschenk.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Berlin: Matthes & Seitz 2021. 140 S., 20,90 €

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