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Editorial 08/21

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der August-Ausgabe des kreuzer. Darin erzählt Chefredakteurin Juliane Streich, warum sie das Farradfahren liebt, warum sie es hasst und warum der kreuzer wieder über Neonazis schreibt.

Ich liebe Fahrradfahren. Man ist draußen, macht Sport, bei dem man sitzen kann, und ist schneller als zu Fuß oder mit der Straba. Ein erhabenes Gefühl auch irgendwie, dass man sich aus eigener Kraft fortbewegt, während die Landschaft an einem vorbeirauscht – langsamer Rausch hin oder her. Fahrradfahren ist leise, gut für die Umwelt, und es gibt fast immer einen Parkplatz.

Ich hasse Fahrradfahren. Es ist stressig, weil man immer alle anderen Verkehrsteilnehmenden im Blick haben und erahnen muss, was sie als Nächstes tun. Läuft der Fußgänger gleich auf den Radweg, hat mich das Auto aus der Seitenstraße gesehen und lässt mir meine Vorfahrt, endet der Radweg hier einfach? Auch andere Radfahrer können nerven, weil sie mich entweder mit ihrem Rennrad im Überholmanöver auf dem eh schon viel zu engen Radweg in Hochgeschwindigkeit schneiden oder auf ihrem klappernden Gestell so langsam und unberechenbar vor mir rumeiern, dass es keine Chance zum Überholen gibt. Mein eigenes Rad klappert auch, denn ein gutes teures Rad zu besitzen, bedeutet in Leipzig, in der ständigen Angst zu leben, dass es geklaut wird. Grüße an die Polizei an dieser Stelle, huhu!

Diese Schizophrenie der Radfahrerin gilt es aufzulösen. Die Anlässe für den Hass müssen verringert werden, am besten ganz verschwinden. Leipzig wird voller, der Platz auf den Straßen aber nicht mehr. Ganz offensichtlich ist es im Sinne aller, dass die Menschen hier mehr Rad statt Auto fahren. Denn weniger Autos bedeuten bessere Luft, weniger Unfälle, mehr Ruhe und so viele Möglichkeiten, was man auf der Straße machen könnte. Feiern zum Beispiel, spielen sowieso, Bäume pflanzen, suchen Sie sich was aus. Langfristig bedeuten weniger Autos mit Verbrennungsmotor zudem weniger Klimakatastrophen. Es ist also dringend. Was genau die Stadt plant, um die Situation für Radfahrer zu verbessern, welche Konflikte es gibt und wie oft das Fahrradfahren sogar tödlich endete, lesen Sie in unserer Titelgeschichte (ab S. 20).

Es soll ja Leserinnen und Leser geben, die sich leicht genervt zeigen, dass Neonazis ein recht häufig auftauchendes Thema im kreuzer sind. Nun ja, was soll ich Ihnen sagen? Ich fänds auch schöner, wenn es keine Neonazis gebe, bin aber der Meinung, dass Ignorieren ein gänzlich falscher Weg ist, um sie loszuwerden. Ganz im Gegenteil. Da sollte man lieber mal genauer hinschauen. Wenn sich rund 60 Kilometer von Leipzig zum Beispiel Neonazis aus dem Westen ansiedeln, um im weißen Sachsen noch weißere Siedlungen mit braunem Anstrich aufzubauen (S. 32). Wie es ausgehen kann, wenn Rechtsradikale sich in Ruhe austoben können, zeigt die Ausstellung »Offener Prozess« in Jena, die sich dem NSU und seinen Opfern in verschiedenen Facetten widmet (S. 62). Und selbst das linke Connewitz ist vor Rassismus nicht ganz gefeit (S. 18). Aber liebe Freundinnen und Freunde der fröhlichen Unterhaltung, keine Sorge, das Thema dominiert dennoch nicht dieses Heft. Stattdessen gibt es viel Erbauliches zu berichten. Es wird wieder getanzt, die Studierenden essen Insekten, Wolfgang Hilbig hat Jubiläum und in der Substanz gibts immer noch Bier – um nur einiges zu nennen. Aber lesen Sie selbst …

… und schauen Sie! Diese kreuzer-Ausgabe ist die letzte, die unser Layouter Falk Schwalbe gestaltet hat. Das ist sehr schade, aber er braucht mehr Zeit für andere Sachen, die er machen will. Ab dem nächsten Heft übernimmt dann Daniel Kobert. Danke, Falk, für deine tolle Arbeit. Schön sah und sieht er aus, der kreuzer. Und schön wars auch mit dir!

Auch ich brauche wieder mehr Zeit für andere Sachen, die ich machen will. Schreiben, lesen und ans Meer fahren, zum Beispiel. Daher übergebe ich hier das Steuer an den Kollegen Tobias Prüwer, der den kreuzer wie gewohnt gekonnt und gewieft lenken wird.

Keep on sailing! Und hassen Sie nicht!

JULIANE STREICH

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