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Guter Rad ist teuer

Wie Radfahrer ihren Platz finden müssen

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Jährlich sterben mehrere Radfahrer in Leipzig, fast 1.000 werden verletzt. Tut sich zu wenig in Sachen Fahrradsicherheit? Was muss unternommen werden, um den Druck von den Radwegen zu nehmen? Und welche Hoffnung winkt mit dem Projekt Tempo 30? Die Titelgeschichte aus der August-Ausgabe des kreuzer 08/21.

Grün zeigt die Ampel, die Pedale rotieren. Reibungslos geht es gegenüber der Runden Ecke auf den Dittrichring – auf den Radweg. Die Ampelschaltung läuft parallel zu der der Autos. Jeder sieht jeden, man kommt sich nicht ins Gehege. Der Verkehr läuft. Vorbei an der Musikhochschule, dem Schauspielhaus. Alles fließt. Und plötzlich ist der Radweg verschwunden. 
Wenige Meter vor der Kreuzung Gottschedstraße endet die Markierung. Der eben noch schwungvolle Radler findet sich mitten auf der Straße wieder und muss eine straffe Bremsung hinlegen, um nicht den an der Ampel wartenden Müllwagen zu übersehen.

Der abrupt im Nichts endende Radstreifen am Dittrichring ist nur ein Ärgernis von vielen für Leipzigs Radfahrer. Für ein Drittel bedeutet das Radeln in Leipzig Stress, zwei Drittel fühlen sich gefährdet. Die Autodichte nimmt in der Stadt weiter zu. Zusätzlichen Druck besonders auf die Radwege werden ab Herbst Elektro-Roller bringen, die dann zwei Verleihfirmen anbieten werden. Und viele im sächsischen Klein-Paris schielen staunend aufs französische Paris, wo in atemberaubender Geschwindigkeit die Autostadt demontiert wird.

»Wenn man am Dittrichring Tempo 20 plus fährt, dann hat man grüne Welle und kommt bis zum Neuen Rathaus ohne Stopp und Autokontakt«, sagt Christoph Waack, Leipzigs Radverkehrsbeauftragter, beim Gespräch mit dem kreuzer im Technischen Rathaus. »Außerdem herrscht hier Mischverkehr«, ergänzt Michael Jana, Leiter des Verkehrs- und Tiefbauamtes. »Die Fahrradfahrer dürfen ausdrücklich die Fahrbahn benutzen. Das ist ein Entgegenkommen an die Radfahrer.« Robert Strehler hat, wenn man ihn auf den Dittrichring anspricht, eine ganz andere Meinung – schon aus Berufung. »Wenn das das Ergebnis nach zwei Jahren ist, dann kann das doch nicht zufriedenstellend sein«, sagt der Leipziger Vorstandsvorsitzende des hiesigen ADFC-Ablegers, des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs. Mit festem Blick schaut er aus dem Fenster auf das Verkehrsgeschehen vor dem ADFC-Büro. »Da gibt es ein rechtskräftiges Urteil.« Im Oktober 2018 kippte das Oberverwaltungsgericht Bautzen das städtische Radfahrverbot auf dem Promenadenring, zu dem der Dittrichring gehört. Seitdem suchte das Verkehrsamt nach Lösungen, bis es im April 2021 schließlich am Dittrichring den Streifen markierte. Für Strehler geht das viel zu langsam. »Warum fehlt der 
politische Mut?«, sagt er hinsichtlich des steigenden Verkehrsaufkommens. Der Radverkehr habe gefühlt zugenommen, meint Strehler. Laut Kraftfahrt-Bundesamt stieg 2020 die Zahl der PKWs in Leipzig trotz Pandemie um 1,1 Prozent auf rund 233.000 Fahrzeuge. »Zu welchen Kosten nimmt man das hin?«, fragt Strehler. »Es ist für Autos immer noch zu leicht in Leipzig.«

Leicht ist auch ein Radfahrer »übersehen«, wie es bei entsprechenden Unfällen in der Tagespresse dann heißt – erst Mitte Juli wurde ein 10-jähriges Kind in Grünau von einem LKW schwer verletzt, als es mit dem Fahrrad die Lausener Straße kreuzte. Am selben Tag überfuhr ein PKW-Fahrer eine Radfahrerin an einer Ampel in der Rosa-Luxemburg-Straße, weil er die Rotschaltung nicht beachtete. »Übersehen« werden ist besonders gravierend, wenn LKWs beteiligt sind und es zu den berüchtigten »Rechtsabbiege-Unfällen« kommt. Bei diesen fahren LKW-Fahrer los, obwohl sie das aufgrund ihrer durch den toten Winkel behinderten Sicht gar nicht dürften. Im Jahr 2018 ereigneten sich 15 solcher Unfälle, 2019 waren es 12, 2020 waren es 16. Jedes Jahr starben dabei zwei Menschen.

»Fatales Versagen«
Einer dieser Unfälle passierte am 22. Mai 2019 auf der Jahnallee und endete für eine 20 Jahre junge Radfahrerin tödlich. Es war mittags, gegen 12.30 Uhr, als sie Richtung Lindenau unterwegs war. Als ein LKW-Fahrer auf der Allee rechts in den Cottaweg einbiegen wollte, überrollte der 57-Jährige die Radfahrerin mit seinem Lastwagen. Sie verstarb noch am Unfallort. Knapp zwei Jahre später, im April 2021, begann der Prozess gegen den LKW-Fahrer, dem fahrlässige Tötung vorgeworfen wurde. Dieser entschuldigte sich vor Gericht bei den Eltern der Radfahrerin, es tue ihm leid, »er könne das gar nicht beschreiben«. Mit 15 Kilometern pro Stunde sei er abgebogen, ohne davor zum Stehen zu kommen. Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass der Unfall durch einen Blick in den Rückspiegel wahrscheinlich hätte vermieden werden können. Von einem »fatalen Versagen« sprach der Verteidiger. Die Richterin Sabine Hahn verurteilte den in Leipzig ansässigen Vater von drei Kindern letztlich zu ein…

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