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Schule gegen das System

Phänomen-basiertes Lernen ohne Zensuren

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Ab diesem Schuljahr öffnet die Leipziger Modellschule in Grünau ihre Pforten für knapp fünfzig Kinder in zwei altersübergreifenden Gruppen. Die Schule will anstelle des stumpfen Auswendiglernens auf die Neugier und Entdeckerlust ihrer Schüler setzen. Das Ziel: »Lernen lernen«.

Es ist ein windiger Tag, Wolken hängen dicht über dem Allee-Center in Grünau, auf der Brachfläche daneben bringt ein bunt gestalteter Container Farbe ins Bild.

Davor sitzen Birgit Kilian und Bianca Wilmsmann, sie vertreten die Leipziger Modellschule (LEMO), die im kommenden Schuljahr an den Start gehen soll und das Ergebnis einer Initiative ist, die 2017 von Kilian mitbegründet wurde. »Wir sind eine Gruppe von Menschen, die gesagt hat, wir wollen Schule neu denken«, erklärt die Schulberaterin, die im Projekt den Rektoratsposten übernehmen wird. Zu den Gründungsmitgliedern der Schule gehören neben Kilian auch eine Bildungsforscherin, Erzieherinnen, eine Medienpädagogin, ein Architekt und ein Unternehmensberater, außerdem viele Eltern aus den unterschiedlichsten Berufen. Gemeinsam haben sie in den letzten Jahren daran gearbeitet, ein Konzept für ihre Schule zu erstellen, Spenden gesammelt, die Finanzierung organisiert, mit Behörden verhandelt und in Grünau einen passenden Ort für ihr Projekt gefunden.

»Wenn man eine Schule gründet, lernt man viele Dinge, von denen man vorher nie geahnt hat, dass es die geben könnte und geben würde«, erzählt Kilian, »man wächst häufig über sich hinaus, kommt an Grenzen und denkt, wenn ich das geschafft habe, schaffe ich das Nächste auch.« Mit 48 Kindern soll die Modellschule im Oktober an den Start gehen, zunächst noch in Räumen des Allee-Centers, die die Initiative angemietet hat. Dort werden die Kinder von der Klassenstufe 1 bis 6 – aufgeteilt in zwei Stammgruppen – den Vormittag über die Basisqualifikationen wie Schreiben, Lesen und Rechnen lernen, später auch Englisch. In einer zweiten Phase sollen sie dann freier phänomen- und projektbasiert arbeiten.

»Mein Lieblingsbeispiel ist, dass wir uns mit den Kindern einen Baum anschauen und dann gemeinsam überlegen könnten, wieso wächst der eigentlich oder welche Gedichte und Lieder gibt es über Bäume? So ist man dann ganz schnell von einem Phänomen wie dem Baum bei ganz unterschiedlichen Fächern wie Biologie, Physik oder Deutsch«, erklärt Kilian das Lernprinzip. Auch auf die Projekte außerhalb des klassischen Unterrichts legen sie und ihre künftigen Kolleginnen großen Wert. Dort sollen die Schüler sich ausprobieren und eigene Talente entdecken können. Dabei werden sie ihre Projekte selbst gestalten, begleitet von dem multiprofessionellen Team der Modellschule, das aus Lehrerinnen, Erziehern und Förderpädagoginnen bestehen wird.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Leipziger Modellschule ist, dass die Schüler in Grünau keine Noten bekommen werden. Der Gedanke dahinter: Lernen soll über Interesse und Neugier geschehen und nicht über Leistungsdruck. »Es geht darum, dass die Kinder das Lernen lernen – und nicht darum, dass sie einfach nur stur auswendig lernen«, erklärt Wilmsmann, die bei der LEMO für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Für die Gesamtentwicklung und Evaluierung des eigenen Konzepts wird die Leipziger Modellschule mit der Universität zusammenarbeiten, die über einen wissenschaftlichen Beirat auch neue Konzepte vor Ort ausprobieren möchte. Ihre Abschlüsse können die Kinder dann an anderen Schulen schreiben.

»Wir wollen hier in vielem modellhaft sein«, sagt Kilian, die in ihrem beruflichen Leben schon verschiedene Schulen bei der Gründung beraten und unterstützt hat, »das heißt, dass wir uns nicht nur für jetzt fit machen, sondern auch zukunftsfähig.« Bei den 48 Kindern zum Schulstart soll es nicht bleiben. Kilian deutet auf das Gelände rund um den Container. Auf der Brache, die der LWB und der Stadt gehört, plant die Modellschul-Initiative einen Bildungscampus, der eng mit Grünau als Viertel vernetzt sein und in den kommenden Jahren bis zu 1.000 Schulplätze bieten soll, das erste Lernhaus ist für spätestens 2028 geplant.

»Wir haben wirklich den Wunsch, das Bildungssystem nachhaltig zu verändern und dafür auch die entsprechenden Impulse zu geben«, sagt Wilmsmann. Der Weg, den die Modellschule noch vor sich hat, ist lang, die Nachfrage nach dem Angebot jedoch hoch. »Bei uns haben Eltern schon Kinder angemeldet, die gerade erst mit dem Laufen beginnen«, erzählt Kilian. Über ein gestaffeltes Schulgeld erhalten auch Kinder aus finanziell schwächeren 
Familien die Möglichkeit zum Schulbesuch. Allein aus Grünau starten fünfzehn Schülerinnen in das erste Schuljahr der Schule, die bereits vor Start auf bundesweites Interesse stößt.

Dieser Text erschien zuerst in der August-Ausgabe des kreuzer 08/21.

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