Startseite / Stadtleben / Das Problem der Anderen

Das Problem der Anderen

In Leipzig gibt es Kritik an Biomare

Größeres Bild

Biomare hat bei seinem Sortiment einen hohen Anspruch an Nachhaltigkeit und Fairness – im Umgang mit den Mitarbeitern sieht das anders aus.

Wer in Leipzig Wert auf biologisch produzierte Lebensmittel legt, dem entgeht das Angebot von Biomare nicht. Das Unternehmen ist auf dem aufsteigenden Ast: Mittlerweile vier Filialen gibt es in der Stadt, eine in Connewitz, der Südvorstadt, Plagwitz und seit Kurzem auch in Großzschocher – eine weitere ist in Planung. Angesprochen auf seinen Erfolg, sagt Inhaber Malte Reupert, der entscheidende Punkt sei es, lernfähig zu sein. »Das heißt, auf die eigenen Fehler zu gucken und zu schauen, was habe ich falsch gemacht?« Eine Frage, mit der das Unternehmen sich schon öfter auseinandersetzen musste, denn sowohl die öffentliche als auch interne Wahrnehmung ist durchaus ambivalent. Reupert bezeichnet sie als »unterschiedlich«.

Einen Teil dazu beigetragen hat seine Plakatkampagne vor fünf Jahren: »Der Kapitalismus ist das Resultat deiner Weigerung, es besser zu machen.« Nach heftiger Kritik und eingeworfenen Scheiben in seiner Filiale in Connewitz lud Reupert zu Diskussionsveranstaltungen ein. In einem Interview mit der Jungen Freiheit, die als Sprachrohr der neuen Rechten gilt, erklärte er schließlich die Botschaft seiner Kampagne: »›Der Kapitalismus‹ ist nicht ›das böse System‹« und weiter: »Wenn wir nicht versuchen, ihn mit unserem Verhalten im Beruf oder als Konsument besser zu machen, haben wir auf die Dauer das Recht verwirkt, uns zu beschweren.«

Nun hat sich eine Gruppe ehemaliger Mitarbeiter über Biomare beschwert. Anfang dieses Jahres wandte sie sich mit einem Aufruf in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit. Darin werden unzufriedene Mitarbeiter des Unternehmens aufgefordert, ihre Geschichte mit der Gruppe zu teilen. Man wolle sich vernetzen und austauschen, schreiben sie. Grund dafür sei eine »deutliche Diskrepanz zwischen dem, wie Biomare sich nach außen darstellt – familiär und sozial –, und wie tatsächlich mit den Angestellten umgegangen wird«. Konkret gehe es um »unbegründete Kündigungen, Abmahnungen wegen Kleinigkeiten, unprofessionelle Führungskultur«. Insgesamt zehn ehemalige Angestellte wenden sich schließlich an den kreuzer, um ihre Geschichte zu teilen. Alle wollen anonym bleiben.

In den Gesprächen mit ihnen wird deutlich: Viele haben sich bei Biomare beworben, weil sie den Nachhaltigkeitsgedanken des Unternehmens unterstützen. Der höre allerdings beim Sozialen auf, wie eine ehemalige Mitarbeiterin betont. Mitarbeiter berichten von Abmahnungen, weil sie bei der Arbeit ohne Namensschild angetroffen wurden, von abgezogenem Lohn, weil Krankschreibungen nicht rechtzeitig übermittelt wurden, oder Kündigungen, weil Pausenzeiten überzogen wurden. Kündigungen erfolgten teilweise mit Ende der Probezeit, während der Krankschreibung, aber auch nach der Probezeit ohne Ankündigung oder Gespräch. Das Resultat daraus, so berichten viele: eine hohe Mitarbeiterfluktuation.

Die will auch Reupert verringern. Denn, so sagt er, »jede Trennung, ganz egal ob wir die veranlassen oder ob ein Mitarbeiter von alleine geht, kostet uns einen höheren vierstelligen Betrag«. Von wie vielen Mitarbeitern sich Biomare in den letzten Jahren konkret getrennt hat, weiß Reupert zwar nicht. Durch den hohen Anteil von 20- bis 40-Jährigen in seinem Unternehmen sei die »natürliche Fluktuation« allerdings etwas größer als üblich. Er möchte das ändern: »Das ist nicht unsere Lieblingsbeschäftigung, Leute auszutauschen.«

Dem kreuzer liegen Informationen vor, die bestätigen: In den vergangenen Jahren hat Biomare mehrmals zu Kündigungen gegriffen. Manchmal folgte ein juristisches Nachspiel: Mindestens neun ehemalige Mitarbeiter haben Biomare in den letzten fünf Jahren verklagt. Grund dafür waren neben ungerechtfertigten Kündigungen auch Arbeitszeugnisse und Lohnforderungen von Mitarbeitern. Einige von ihnen erzielten Vergleiche, bei denen das Unternehmen zu Ausgleichszahlungen angewiesen wurde.

Viele Kunden sind von der Philosophie des Unternehmens überzeugt: Versprochen wird der Handel mit hundert Prozent biologischen Lebensmitteln von Produzenten aus der Region, Arbeit und Konsum des Einzelnen werden laut Website als »politisch wirksame Kräfte« begriffen: Vor zwei Jahren listete Reupert seine Bio-Hirse aus, nachdem sich herausstellte, dass deren Produzent AfD-Mitglied ist und den menschengemachten Klimawandel leugnet. Dafür gab es überregional positive Presse, auch größere Ketten wie Alnatura oder die Biocompany verzichteten auf die Hirse.

Dass Biomare ein inhaltlich gutes Konzept hat, bestätigen auch viele der früheren Angestellten, mit denen der kreuzer gesprochen hat: An den Produkten und deren Nachhaltigkeit scheint keiner von ihnen Zweifel zu haben. Auch mit dem Gehalt und dem Urlaub soll es kaum Probleme gegeben haben, immer wieder wird der monatliche Einkaufsgutschein für Mitarbeiter positiv erwähnt. Doch stets ist es die soziale Komponente, der Umgang und die Kommunikation, die kritisiert wird: Als Biomare eine neue Filiale eröffnet, hätten einige Mitarbeiter wochenlang Bretter für die Regale im künftigen Laden geölt – erst in einer alten Kneipe, dann kurzzeitig auch in einem ungelüfteten Keller. Nach eigenen Angaben nahmen sie die Arbeitsbedingungen zwar in Kauf, werden nach Fertigstellung der Bretter aber plötzlich gekündigt, weil sie eine Pause um einige Minuten überziehen. Der offizielle Grund der Kündigung: Arbeitszeitbetrug. Als »informeller Grund« sei allerdings eine fehlende Arbeitsmotivation genannt worden. Der Eindruck: Wer nicht ordentlich gehorcht, der fliegt. Statt das Gespräch zu suchen, habe Reupert sofort die Kündigung ausgestellt.

Biomare selbst erwartet laut Website von seinen Mitarbeitern »Konfliktfähigkeit und eine konstruktive Kritikkultur«. Wie schätzt der Chef seinen persönlichen Umgang mit Kritik ein? Pauschal könne man das nicht sagen, sagt Reupert, selbst klare Richtlinien würden von jedem anders interpretiert. Bei Kritik durch Mitarbeiter gebe es natürlich Gespräche. Wenn er beim Vergleich zwischen dem, was notwendig ist und was ein Mitarbeiter mitbringt, aber sehe, dass »die Chance nahe null ist, dass das was wird, dann ist es einfach am sinnvollsten, das gleich aufzulösen«, erklärt der Biomare-Chef.

Viele der früheren Angestellten sind enttäuscht. Noch lange nach ihrem Ausscheiden beschäftigt einige von ihnen das Arbeitsverhältnis bei Biomare. Vor allem, weil der Biomare-Chef einem das Gefühl gebe, man selbst wäre an allem schuld. Kritik gegen ihn stelle er immer wieder als Folge persönlicher Kränkung dar. Reupert weiß von diesen Menschen. In Hinblick auf ihre öffentliche Kritik sagt er: »Eine ganz wichtige Frage ist immer die Berechtigung der eigenen Emotionen, die eigene Haltung zu überprüfen und einfach mal die Rollen zu tauschen.« Der Chef geht davon aus, »würde ich bei der Kündigung eines Mitarbeiters so emotional reagieren, würde mir jeder von denen den Vogel zeigen«.

Kommentieren

Dein Kommentar

6 Kommentare

  1. Südvorstadtmutter | 18. August 2021 | um 20:31 Uhr

    Da kann man den Beschäftigten raten einen Betriebsrat zu gründen, sofern das noch nicht geschehen ist.

    Man wird als Kund*in mit Tasche oder Rucksack gezwungen den Inhalt an der Kasse vorzuzeigen, da man aus Prinzip verdächtigt wird, etwas gestohlen zu haben.
    Auch wenn Schilder darauf aumerksam machen eine echte Zumutung. Ich lege beim nächsten Einkauf meine Sextoys und die vollgeschissenen Windeln meiner Kinder aus meinem Rucksack mit aufs Band…

    Lieber anderswo einkaufen.

  2. André Frost | 19. August 2021 | um 09:10 Uhr

    Biomare Leipzig…..dieser scheinheilige Ladeninhaber Reupert ,das war der Knilch der vor wenigen Jahren einen medialen Shitstorm gegen den Betreiber der Spreewälder Hirsemühle gefahren hat und mit viel Tam Tam die Biohirseprodukte der Hirsemühle in seiner Ladenkette auslistete,seine Begründung: „Der Inhaber der Spreewälder Hirsemühle ist AfD-Mitglied, diese Partei leugnet den menschengemachten Klimawandel. Damit stellt sich der maßgebliche Entscheider der Firma gegen die Werte von Biomare und der gesamten Bio-Branche.“
    Der Reupert war sich nicht einmal zu schade dafür mit Hilfe des ZDF und einer Grünen Lokalpolitikerin Leipzigs ,welche als normale Kundin deklariert wurde,im ÖRR eine Hetzkampangne los zu treten. Als dann bekannt wurde,daß die interviewte Kundin Lokalpolitikerin der Grünen in Leipzig ist,bekam Reupert postwendend den Shitstorm zurück,das ZDF ergänzte klammheimlich den Videotitel um die Bezeichnung “B90/Grüne Leipzig” und dachte damit aus dem Schneider zu sein…half nix,auch das ZDF bekam kräftig sein Fett weg ,aber was man erreichen wollte ,dem Mühlenbetreiber zu schaden,erreichte Reupert…zwei weitere Handelsketten listeten ebenfalls die Hirseprodukte aus,er verlor drei Lieferverträge.

  3. Manuela Grimm | 22. August 2021 | um 20:43 Uhr

    So ist es, wenn Demokratie an der Ladentür aufhört. Dann gibt es nur einen, der Recht hat. Nachhaltige Arbeitsbedingungen – Fehlanzeige! Soziale Verantwortung des Arbeitgebers- gibt es das bei Biomare? Es ist höchste Zeit, bei Biomare einen Betriebsrat zu wählen und sich um einen sozialen Ausgleich zu kümmern. Wie das geht? Lasst Euch beraten direkt gegenüber in der Karli 30/32 – Wir sind für Euch da.

  4. Daniel Fischer | 28. August 2021 | um 09:33 Uhr

    a) Bei BioMare gab es einen Betriebsrat. Dieser existierte für sechs Jahre und löste sich vor vier Jahren mangels Interesse der Mitarbeiter auf. Einen neuen zu gründen ist Sache der Angestellten und ganz gewiss nicht der Betriebsführung.

    b) Niemand wird an der Kasse gezwungen, den Inhalt seiner Taschen vorzuzeigen. Das ist juristisch gar nicht möglich. Es gibt Angestellte, die die Kund:innen darum bitten. Wer den Rucksack öffnet, stimmt dem freiwillig zu. Ich mache das nicht und darf trotzdem Kunde bleiben. Auch darin bin ich frei. Darf jeder selbst entscheiden…

    c) Was mir hier tatsächluch unbegreiflich ist, warum Malte Reupert der Jungen Freiheit ein Interview gab. Ich meine, wenn einem bekannt ist, dass es sich hier um ein rechtsextremes Blatt handelt und das nicht aus Unwissenheit tut, dann sollte man das unterlassen. Zu diesem Fakt hätte der kreuzer Herrn Reupert mal befragen sollen. Warum ist das nicht geschehen?

  5. Tom | 30. August 2021 | um 11:45 Uhr

    Hier sollte man auch noch darauf aufmerksam machen, dass es eine andere Seite des Falles zu beleuchten gibt.
    Das Interview mit Herrn Reupert sollte veröffentlich werden.
    Betriebsrat gab es bei Biomare übrigens schon, von Reupert selbst initiiert und von den Mitarbeitern wieder aufeglöst.

    Ansonsten kann man ja die Mitarbeiter auch mal persönlich fragen, sind ja meist sehr viele im Laden und bisher auch sehr freundlich, was ich mitbekommen habe.

  6. Inanna | 1. September 2021 | um 16:42 Uhr

    Ich danke meinem Vorkommentator. Ein derart einseitiger Journalismus ist wenig professionell. Nachhaltig und sozial ist eben nicht gleichbedeutend mit einer naiven Kuschelatmosphäre.
    Klar ist arbeiten mitunter anstrengend. Und wenn eine Neueröffnung ansteht, ist im Montagebereich ausschließlicher Dienst nach Vorschrift nicht unbedingt angemessen; erst recht dann nicht, wenn nach Stunde bezahlt wird und nicht pauschal, und wenn Überstunden nicht zur Regel werden. Im Übrigen beobachte ich im Verkaufsbereich neben einer gewissen Fluktuation, auch einen nach meinem Empfinden zufriedenen, stabilen Personalstamm mit einer weitaus dickeren Personaldecke als ich das aus anderen Geschäften kenne.
    Biomare in seiner Personalstruktur, ohne tiefer gehende Recherche, auf eine Ebene mit Lidl, Amazon, und wie sie alle heißen diffamieren zu wollen ist unpassend und gemein, nicht zuletzt auch denen gegenüber, die wirklich in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. Ein gutes, soziales Miteinander erfordert stets eine Hol und Bringschuld auf beiden Seiten. Und guter Journalismus beleuchtet und hinterfragt in mehrere Richtungen.