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Diese Kandidaten treten für die Linke an

Die Direktkandidatinnen und -kandidaten für die beiden Leipziger Wahlkreise im Porträt

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Im September wird ein neuer Bundestag gewählt. Bis dahin stellen wir die Leipziger Direktkandidatinnen und -kandidaten der verschiedenen Paretein vor. Heute: die Linke.

Zum Umdenken anleiten

Nina Treu will die Gesellschaft radikal umgestalten

Für den Bundestag zu kandidieren, ist für die meisten, die es so weit bringen, ein wahr gewordener Traum. Nicht so für Nina Treu: »Das ist nichts, worauf ich seit Jahren hingearbeitet habe«, erzählt sie beim Gespräch im Interim, das vom Linke-Projekt linxxnet als Projekte- und Abgeordnetenbüro genutzt wird. Treu, die sich für die Linke auf das Bundestagsmandat im Wahlkreis Leipzig-Nord bewirbt, sollte ursprünglich gar nicht kandidieren, sondern die Stadtbezirksbeirätin Elisa Gerbsch. Die sagte jedoch aus gesundheitlichen Gründen ab. Treu kam als Nächste in Frage, obwohl sie erst seit 2018 Parteimitglied ist.

Nina Treu, Foto: Christiane Gundlach

Sie wuchs in Oberbayern auf, studierte Politik, Volkswirtschaftslehre und Recht in Heidelberg und Paris. Vor zehn Jahren gründete sie das Konzeptwerk Neue Ökonomie mit und kam so nach Leipzig. Eine »total inspirierende, ehrliche Stadt«, findet Treu. Das Konzeptwerk ist ein gemeinnütziger Verein, der Ideen für eine sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft verbreitet. Als es um die Kandidatur ging, stellte Treu fest, dass viele ihrer Aufgaben im Konzeptwerk denen einer Berufspolitikerin ähneln: Auftritte nach außen, Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerkaufbau, Beschäftigung mit politischer Strategie und Aushandlung von Positionen. Sie sehe aber eine große Diskrepanz zwischen dem, was Bewegungen wie die ihre fordern und dem, was realpolitisch verhandelt wird. »Ich mache mir große Sorgen um die Zukunft unseres Planeten. Wir müssen politisch viel radikaler werden«, sagt Treu. Ihre eigene Partei sei da keine Ausnahme: »In der Linken ist total viel zu tun.« Sie habe dort aber die stärkste Verbundenheit gesehen, jene Forderungen aufzugreifen.

Radikal, das heißt für Treu etwas, dem sich auch andere Parteien verschrieben haben: die Pariser Klima-Gesetze einhalten – so sozial und gerecht wie möglich. Expertinnen sagen, die nächste Legislaturperiode sei die letzte, um noch entsprechende Maßnahmen zu schaffen. Treu ist trotzdem hoffnungsvoll: »Ich gehe davon aus, dass sich noch total viel wandeln wird.« Statt vom »Sozialismus« spricht sie vom »sozial-ökologischen Wandel«: eine Abkehr vom wachstumsbasierten Wirtschaftsmodell, das auf dem unwiderruflichen Verbrauch natürlicher Ressourcen und der Ausbeutung billiger Arbeitskraft basiere. Dafür hat Treu viele Ideen: »Für eine echte Verkehrswende brauchen wir einen Ausbau des ÖPNV.« Bus und Bahn überall, anstatt auf E-Autos zu setzen, so die Kandidatin. In der Landwirtschaft möchte sie auf bio und regional setzen und Land in Bäuerinnenhand geben. Generell will sich Treu für Arbeitnehmerinnenrechte einsetzen. Dafür geht sie über Parteilinien hinaus, wünscht sich eine 20-Stunden-Woche, während das Linke-Programm 30 Stunden festsetzt. Außerdem fordert sie massive staatliche Investitionen und Entprivatisierung im Pflegebereich.

Nina Treu wirbt für große Veränderungen, die Überwindung des Kapitalismus, eine in ihren Augen gerechtere Welt. Schreckt das nicht Wählerinnen ab? »Viele Leute sind deshalb politikverdrossen, weil die bisherigen Reformen nichts brachten. Wenn jemand wie ich sagt, dass das Wirtschaftssystem nicht so bleiben kann und wir umdenken müssen, freut das die Leute«, meint Treu. Außerdem könne der ökologische Umbau an Sorgen wie Rente und Wohnen anknüpfen. »Die Linke ist gar nicht so weltfremd, wie behauptet wird und sagt ganz viele Sachen, die auch die Bevölkerung denkt.«
Auch wenn sie dafür kämpft, bezweifelt Treu, dass die Linke in der nächsten Koalition mitregieren wird: »Es gibt leider kein linkes hegemoniales Projekt und keine Stimmung in der Gesellschaft für eine linke Regierung.« Das Scheitern einer rot-rot-grünen Regierung auf Bundesebene wird oft auf den innerlinken Streit um ihre Positionen zur Außenpolitik zurückgeführt. Für Treu ist das eine Ausrede. »Wenn es wirklich einen politischen Willen bei den Parteien gäbe, zusammenzuarbeiten, würde man dafür Lösungen finden«, sagt sie. »Wenn die Zahlen da wären, wäre ich aber natürlich dafür, eine linke Regierung zu bilden.«

SOPHIE GOLDAU

Fest verankert

Sören Pellmann ist ein Ur-Grünauer und macht Politik zum Anfassen und Anecken

Sören Pellmann, Foto: Henry W. Laurich

Die Tür zu Sören Pellmanns Wahlkreisbüro mitten in Grünau steht weit offen. Es wirkt, als sei jeder und jede eingeladen, einfach einzutreten und ihm sein Herz auszuschütten. Am großen Konferenztisch sitzt er mit lockerem Hemd und schaut auf den verregneten Marktplatz. Hinter ihm prangt ein Plakat mit einem Konterfei seiner selbst. Es ist Wahlkampf. »Wir wollten eigentlich hier heute einen Stand aufbauen«, sagt er sichtlich enttäuscht. Stattdessen lädt er nun in sein mit Pflanzen bestücktes Büro an der Stuttgarter Allee ein.

Seit vier Jahrzehnten lebt und arbeitet der 44-Jährige in der »autarken Kleinstadt« Grünau. Nach seinem Abitur auf dem Lichtenberg-Gymnasium absolvierte er Zivildienst in einem Kinderheim für behinderte Kinder. Als Grundschullehrer an einer Förderschule liegen ihm die Themen Bildung und Inklusion besonders am Herzen. Das macht sich bei flammenden Reden zu Barrierefreiheit im Bundestag bemerkbar (»Die Privatwirtschaft muss zwingend und vollumfänglich zu Barrierefreiheit verpflichtet werden«) und wirkt auch auf seine Arbeit im Wahlkreis Grünau. Als das Homeschooling für einkommensschwächere Familien zum Problem wurde, organisierte er kurzerhand Ausrüstung und Hausaufgabenhilfe in seinem Büro. »Das wurde erstaunlich gut angenommen, weil hier viele Familien nicht einmal einen Internetzugang besitzen.«

Die Altersarmutsquote und die Armut bei Kindern sind in Grünau deutlich über dem Durchschnitt von Leipzig. »Hier wird die Ungleichheit Ost-West manifestiert.« Pellmann kennt nicht nur seinen Bezirk, sondern auch den Politikbetrieb gut. Wie zuvor sein Vater sitzt er seit 2009 für die Linke im Stadtrat. 2014 wurde er mit dem Leipzig-weit besten prozentualen Ergebnis wiedergewählt. Auch bei der Bundestagswahl 2017 erhielt er unerwartet viele Direktstimmen und zog so als erster Direktkandidat für die Linke in den Bundestag. Er hätte sich so von seinen Wurzeln in Grünau lösen können. Doch trotz der Arbeit in Berlin – er ist Fraktionssprecher für Teilhabe und Inklusion – liegt Pellmanns Priorität im Wahlkreis. »Das hat ein, zwei Gespräche mit der Fraktionsführung bedurft, die haben das dann aber schon verstanden.« Nun tritt er erneut als Direktkandidat für den Bundestag im Bezirk Leipzig II (Leipzig Süd) an.
»2019 haben wir auch die AfD hinter uns gelassen, was in den DDR-sozialisierten Gebieten unüblich ist.« Er sieht das auch als seinen persönlichen Erfolg und will »Politik mit konkreten Initiativen und Problemlösungen« machen. Im Sport fordert Pellmann mehr Engagement vom Innenministerium, wo der Bereich angesiedelt ist. »Hier dürfen Förderprogramme nicht einfach zusammengestrichen werden«, sagt er. »Das jetzt investierte Geld sparen wir ja in Zukunft im Bereich Strafvollzug und Polizei wieder ein. Der Weitblick bei Herrn Seehofer fehlt da einfach, da wird in Wahlperioden gedacht.«

Doch Pellmann eckt auch innerhalb der Linken an. Zusammen mit Sahra Wagenknecht betrat er bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Augustusplatz die Bühne. Sie steht unter anderem aufgrund von scharfen Äußerungen zum Asylrecht und gegenüber sozialen Bewegungen wie Fridays for Future innerparteilich in der Kritik. Das gegen sie initiierte Parteiausschlussverfahren ist für Pellmann nicht nachvollziehbar. »Sahra Wagenknecht halte ich für unverzichtbar in unserer Partei, auch wenn ich nicht alle Thesen von ihr teile«, sagt er. »Das Ausschlussverfahren verhindert eine sachliche Debatte.«

Die Grünen-Konkurrentin um das Direktmandat in Leipzig Süd, Paula Piechotta, hat ihm kürzlich auch deshalb jegliche Unterstützung entsagt. »Wir kämpfen als Bündnisgrüne für ein klimaneutrales und weltoffenes Sachsen […]. Herr Pellmann steht leider für das Gegenteil.« Für Pellmann nur »Wahlkampfrempeleien«. Er beteuert eine pragmatische Zusammenarbeit mit den Grünen. Im Stadtrat pflege er mit allen Fraktionen, ausgenommen der AfD, eine gute Zusammenarbeit. Wie aber kann die CDU im Bund entmachtet werden, wenn schon jetzt so heftige «Wahlkampfrempeleien« den Frieden stören? »Eine progressive Regierung wird gewiss nicht an mir scheitern«, sagt er. »Sondern eher an der unübersehbaren Bereitschaft der Grünen, mit der CDU unterwürfig ins Bett gehen zu wollen.«

TILL WIMMER

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