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Hoyerswerda 1991

Urszenen rechter Gewalt im Osten

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Vor genau 30 Jahren belagerten Anwohner und Neonazis tagelang die Wohnblocks ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter und Asylbewerber in Hoyerswerda. Die Woche rassistischer Angriffe endete mit der Evakuierung der Migranten aus der Stadt. Die damaligen Ereignisse wirken bis heute.

Die im Internet abrufbaren Originalaufnahmen der Septembertage in Hoyerswerda 1991 sind farbstichig und manchmal von schlechter Tonqualität. Sie sind dreißig Jahre alt und zeigen militante Neonazis, die gemeinsam mit Anwohnern und Bürgern der Stadt jene Wohnblocks angreifen, in denen damals migrantische vormalige DDR-Vertragsarbeiter und Asylbewerber untergebracht waren. Über eine Woche brechen sich Gewalt und rassistischer Hass ungezügelt Bahn. Die Polizei agiert unkoordiniert, kopflos, ist schlecht ausgerüstet und ohne den Willen, der Gewalt Einhalt zu gebieten.

Hoyerswerda war in der DDR nicht irgendeine Stadt. Hoyerswerda war ein Symbol des Aufbruchs in die sozialistische Moderne der 1960er Jahre. Die Stadt war geplant als Ort, an dem die »sozialistische Menschengemeinschaft« (Walter Ulbricht) ihren ersten Vorschein nehmen sollte. Brigitte Reimann und Siegfried Pietschmann lebten hier zeitweise und schrieben an ihren literarischen Versuchen, das Spannungsfeld zwischen Utopie und Alltag im Sozialismus auszuloten. Reimanns Roman »Franziska Linkerhand«, in dem es zentral um den Städtebau in der DDR, in Hoyerswerda, geht, ist bis heute lesenswert. Dass das Leben und Wirken des zur Legende gewordenen Sängers Gerhard Gundermann wesentlich um Hoyerswerda kreiste, wurde einem großen Publikum durch Andreas Dresens Film bewusst.

Nach dem Ende der DDR verlor Hoyerswerda an Arbeitsplätzen und Einwohnern. Wie überall in den Plattenbaustädten der DDR setzte eine soziale Segregation ein. Wer es sich leisten konnte oder keine Alternative sah, zog weg. Geblieben waren die von der DDR angeworbenen Vertragsarbeiter, die nun nach der Wiedervereinigung zu den Ersten gehörten, die ihre Arbeit in den vermeintlich oder tatsächlich unrentablen Betrieben der Region verloren. Zugleich trat der in der DDR subkutan vorhandene Alltagsrassismus nun offen und aggressiv zutage.

Sicher, rechte und rassistische Gewalt in Ostdeutschland gab es bereits lange vor den Septembertagen 1991. Die Woche der rassistischen Gewaltexzesse in Hoyerswerda stellte jedoch eine neue Qualität der Gewalt dar. Diese war dadurch gekennzeichnet, dass sich hier ein Muster rassistischer Mobilisierung bildete, das in den nachfolgenden Jahrzehnten und letztlich bis heute politisch wirkungsmächtig ist. Gemeint ist das in Hoyerswerda zutage tretende Agieren militanter Neonazis gemeinsam mit normalen Bürgern. Der lokal ausgeübte, rassistisch motivierte politischen Druck, die offene Billigung der Gewalt unter den Augen der Polizei und im Angesicht von Fernsehkameras, die Unterstützung und Beteiligung von Anwohnern und Bürgern an den Angriffen; all das war es, was die Woche rechter Gewalt in Hoyerswerda zum Exempel rechter Massengewalt der 1990er Jahre machte. Es ist dieses Muster, das sich in Rostock-Lichtenhagen 1992 wiederholte, wie in Heidenau 2015, aber auch in Mannheim-Schönau 1992.

Ohne diese Urszenen der rechten Gewalt von Hoyerswerda 1991 und die Serie rassistischer Angriffe der frühen 1990er Jahre wären die »Nein zum Heim«-Kampagnen von NPD und Neonazis der Jahre 2013/14 und die Entstehung von Pegida nicht denkbar. Das Fundament für die in den folgenden zwei Jahrzehnten wiederkehrenden rassistischen Mobilisierungen in Ostdeutschland, aber nicht nur dort, wurde in den frühen 1990er Jahre Jahren auch in Hoyerswerda gelegt. Eine ganze Generation rechter Jugendlicher und Neonazis wurde nach Hoyerswerda mit der Erfahrung sozialisiert, dass die Ausübung rechter Gewalt ohne gesellschaftliche Ächtung blieb. Die Kinder der Täter und Zuschauer von damals sind heute jene, die den rechten Hegemonieansprüchen im Osten ihre Stimme verleihen.

Dreißig Jahre nach den rassistischen Angriffen nur nach Hoyerswerda zu schauen reicht nicht. Es braucht eine öffentliche Aufarbeitung dessen, was in den sozialen Netzwerken unter dem Begriff »Baseballschlägerjahre« diskutiert wurde: die rechte und rassistische Gewalt in Ostdeutschland seit 1990.

David Begrich ist Mitarbeiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus beim Verein Miteinander in Magdeburg.

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