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Stadtleben

Der unterschätzte Cousin

Verfeinerte Methoden und technologischer Fortschritt veränderten in den letzten Jahren unser Bild vom Neandertaler grundlegend – ein Versuch, die nun nobelpreisprämierte Forschung zu umreißen

  Der unterschätzte Cousin | Verfeinerte Methoden und technologischer Fortschritt veränderten in den letzten Jahren unser Bild vom Neandertaler grundlegend – ein Versuch, die nun nobelpreisprämierte Forschung zu umreißen  Foto: Frank Vinken

Unkultiviert und grobschlächtig: Lange galt es als klare Sache, dass der moderne Mensch den Neandertaler verdrängte, weil der zu primitiv war. Vor etwa 40.000 Jahren verschwand der Neandertaler von der Bildfläche. Er lebte in Europa, dem Nahen Osten, Zentralasien und Westsibirien. Hier traf der Homo sapiens mit ihm zusammen und brachte – so lange die wissenschaftliche Überzeugung – endlich Kultur nach Eurasien.
Der Homo sapiens brach vor über 50.000 Jahren in Afrika auf, die ersten Gruppen schon vor 90.000 bis 100.000 Jahren, und besiedelte die restliche Erdkugel: Asien, Australien, Europa, schließlich Amerika. In Mitteleuropa kam er vor 45.000 Jahren an. Er bemalte Höhlen, nutzte Werkzeuge, schuf Skulpturen und Musikinstrumente, orientierte sich an den Sternen, begrub seine toten Angehörigen.

Was genau heißt das nun? »Anhand von DNA lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse gut erkennen«, sagt Matthias Meyer, Molekularbiologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. »Also: dass Mensch und Neandertaler Verbindungen haben. Festzustellen, was Einzelstellen des Genoms ausmachen, was Neandertaler-DNA dort ausmacht, ist unglaublich kompliziert.« Meyers Kollegin, die Bioinformatikerin Janet Kelso, erläutert: »Seit dem Kontakt waren die Menschen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt, lebten in unterschiedlichen Umgebungen, ernährten sich unterschiedlich und so weiter. Die Frage ist, ob die Neandertaler-DNA ihnen dabei jeweils half oder nicht. Dafür schauen wir uns Häufungen an, wenn also viele Menschen an einer bestimmten Stelle Neandertal-DNA aufweisen. Das war dann für die menschliche Evolution vermutlich positiv – zumindest zeitweise.« Die Wissenschaft kann somit in eine Art Zuchtexperiment der Natur hineinschauen und beobachten, wie der Austausch das Erbgut verändert und welche Auswirkungen das auf die Biologie hat. Die Neandertaler-DNA brachte demnach Vorteile für das Immunsystem und die Gehirnentwicklung mit sich. Sie beeinflusst Eigenschaften wie Haut- und Haarfarbe, Stimmung und Schlafrhythmus und sogar Verhaltensweisen wie das Rauchen oder Nichtrauchen. »Immunität ist ein besonders wichtiger Faktor«, so Kelso. »Aber auch die Anpassung an die Höhenlage und Breitengrade, an das Sonnenlicht und an das Nahrungsangebot. Um es sehr vereinfacht auszudrücken: Neandertaler waren an ihre Umgebung gut angepasst, und einiges von dem, was sie uns weitergegeben haben, hat uns erlaubt, uns auch anzupassen.«


Titelfoto: Svaante Pääbo. Copyright: Frank Vinken.


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