anzeige
anzeige
Kultur

Kuddelmuddel in Klein-Krebslow

Die Cammespiele zeigen »Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau« als Gefühlschaos

  Kuddelmuddel in Klein-Krebslow | Die Cammespiele zeigen »Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau« als Gefühlschaos

Im Mai 2022 feierte das Stück Premiere, jetzt läuft es erneut in den Cammerspielen: »Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau« basiert auf dem gleichnamigen Roman von Björn Stephan und erzählt die Geschichte von Sascha, der kurz nach der Wende in einer ostdeutschen Kleinstadt aufwächst. Eine Rezension von Eyck-Marcus Wendt aus dem kreuzer 06/22 zum Anlass der Wiederaufnahme.

Sascha Labude sammelt eigenartige Wörter. Wie »Age-otori«, was im Japanischen das Gefühl beschreibt, nach dem Haarschnitt schlechter auszusehen als vorher. Diese Wörter helfen Sascha durch den Postwendealltag in der Ex-Arbeitersiedlung Klein-Krebslow. Eine verlassene, von den Faschobrüdern Pawelke terrorisierte Plattenbaueinöde, die nur sein bester Künstlerfreund Sonny und die plötzlich aufgetauchte Sternensucherin Juri erhellen.

Im Stil des beliebten Ossi-Coming-of-Age der letzten Jahre erzählt Björn Stephan im Roman »Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau« von der postsozialistischen Erfahrung in der Provinz. Das ganze Ensemble einer Neunziger-Jahre-Kindheit ist dabei: von der Dederon-Schürze tragenden Meckeroma auf dem Fenstersims über die Nazibrüder im Nachbarblock bis zum depressiven Vater.

Anna-Karoline Schiela als Regisseurin übernimmt für die Cammerspiele die Intimität des Romans, indem sie alle Figuren durch zwei mittelalte Schauspieler verkörpern lässt, die auf die eine oder andere Weise die Erfahrung dieser Zeit teilen. Thomas Deubel als Sonny und Uwe Kraus als Sascha oder auch mal gemeinsam und im ständigen Wechsel sind zwar schon weit älter als Siebtklässler, trotzdem übersetzt sich ihre Chemie in die eingeschworene Kumpelhaftigkeit Pubertierender. Unbeabsichtigt bringen sie die sympathische Tollpatschigkeit dieses Alters gleich mit. Hier kommt kein Einsatz, da die falsche Stelle, das Licht auf der Bühne geht mal an, die Tonspur läuft nochmal.

Und trotzdem bekommt man Gänsehaut, wenn sich beide unterm Sternenhimmel als Sascha und Juri in die Augen sehen und das Klavier Elton John zum Besten gibt. Die beiden Schauspieler beleben – mit etwas Starthilfe von Dramaturg Johann Christoph Awe – auf mal ironische, mal melancholische Weise die schrägen Bewohner dieses aussterbenden Planeten Kleinkrebslow, der mehr eine Erfahrung als ein konkreter Ort ist.

Das Wort, das Sascha Labude am Ende dieser Aufführung wahrscheinlich stammelt, heißt »Kuddelmuddel«. Beschreibt es doch das wohlig-warme Gefühl, zu Hause zu sein im liebevollen Durcheinander einer Premierenvorstellung.  

»Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau«, nächste Termine: 2.-3. März, 20 Uhr, Cammerspiele


Titelfoto von Mimi Schneider

Der Text erschien zuerst im kreuzer 06/22.


Kommentieren


0 Kommentar(e)