anzeige
anzeige
Kultur

»Ich wollte immer etwas leiten«

Lofft-Chefin Anne-Cathrin Lessel über das Ermöglichen von Kunst und Blicke auf Leipzig

  »Ich wollte immer etwas leiten« | Lofft-Chefin Anne-Cathrin Lessel über das Ermöglichen von Kunst und Blicke auf Leipzig  Foto: Christiane Grundlach

Weit reicht der Blick über den Westen der Stadt. Hinterm erhöhten »M« eines Burgerbraters leuchten die Lichter Grünaus. Anne-Cathrin Lessel hat ins Lofft eingeladen, das seit 2019 in der Halle 7 der Spinnerei als eigenes Theater residiert. Die Geschäftsführerin spricht mit uns über die Aufgaben, die die neue Lage am Rand von Plagwitz mit sich bringt, über kulturelle Bildung und übers Holzhacken.

Das Offensichtliche zuerst: Was machen Sie mit den 100.000 Euro Preisgeld, die Sie gerade mit dem Theaterpreis des Bundes erhalten haben?

Wir haben uns beworben und mussten dabei schon skizzieren, was wir mit dem Geld machen werden. Dazu zählt das Verstetigen der künstlerischen Ausbildung von Menschen mit Beeinträchtigung. Aber natürlich fließen Teile des Geldes auch in die Technik und in künstlerische Projekte. Mir schwebt zudem immer noch die Idee einer Fassadenbespielung vor.

Klettertanz?

Ja, das ist eine vertikale Tanzperformance an Gurten, ich habe das mal in Amsterdam gesehen. Wir müssten da Gas geben, denn im nächsten Jahr wird hier ja gebaut – das Spinlab zieht unter uns ein. Oder wir warten, bis die Bauarbeiten abgeschlossen sind. Wir haben Zeit, müssen das Preisgeld nicht sofort investieren. Ein Teil davon wird eine Teamklausur finanzieren. Wir sind ganz schön gewachsen im Vergleich zur Zeit, als ich angefangen habe.

Wie viele sind Sie denn im Team?

Wenn man unsere Forward-Dance-Company nicht mitzählt, sind wir 13 Festangestellte, die meisten in Teilzeit. Insgesamt kommen wir mit allen Menschen am Haus auf 30 Personen.

Und wie sah es 2011 aus, als Sie ans Lofft kamen?

Da muss ich kurz ausholen. Es war nicht meine Intention, dass daraus ein Job wird. Ich hatte Bock, Kunst möglich zu machen, stand im Lofft 2008 in einer Produktion auf der Bühne. Dann kam ich mit dem Werkstattmacher-Verein in Kontakt, der die Nachwuchsarbeit am Lofft fördert. Die suchten Leute in der Organisation, also machte ich mit. Weil der damalige Lofft-Chef die Nachwuchsperspektive im Vorstand vertreten sehen wollte, kam ich 2009 dorthin. Dann war ich einfach viel da. Der Geschäftsführerwechsel mit Dirk Förster erfolgte dann ziemlich abrupt, das Festival Tanzoffensive musste organisiert werden. Und da habe ich dann einfach mitorganisiert, ohne die Absicht zu haben, hier länger zu bleiben. Schließlich hat mich Dirk gefragt, ob ich mir vorstellen könne, die Produktionsleitung zu übernehmen. Das konnte ich, auch wenn ich eigentlich nach Hamburg gehen wollte. Und dann haben wir eine Stelle für die Öffentlichkeitsarbeit ausgeschrieben. Also waren wir schon zu siebt.

Und mit dem größeren Haus stieg der Personalbedarf?

Schon die Planungen für das Theaterhaus machten neue Stellen notwendig. Dann haben wir gezielt den Bereich Publikumsentwicklung ausgebaut, der nicht nur mit Blick auf Grünau wichtig ist. Ich sehe uns hier am Ende der Spinnerei auch in einer Art Schwellengebiet: einerseits der hippe Leipziger Westen und andererseits Grünau. Wir verstehen uns als vermittelnde Institution, weshalb wir seitdem einen größeren Fokus auf den vermittelnden Bereich gelegt haben.

War Chefin Ihr Karriereziel?

Ich wollte immer etwas leiten, das steht schon in meiner Abi-Zeitung. Auf die Frage »Wo siehst du dich in zehn Jahren?« schrieb ich: »Sie leitet ein Theater.« Und so kam es, auch wenn es etwas länger als zehn Jahre gedauert hat.

Woher rührt Ihre Theaterleidenschaft?

Ich war während der Schulzeit im Kurs Darstellendes Spiel und habe in Berlin zwei, drei Jahre in Theaterclubs mitgespielt. Ich komme vom Land, einem Dorf mit 600 Einwohner:innen, war aber mit der Bahn schnell in der Stadt. Es gab immer Lehrer:innen, die mit uns in Theatervorstellungen nach Berlin gefahren sind. Und so kam ich als Arbeiterklassenkind damit intensiv in Berührung.

Vom praktischen Spiel ging es dann mit der Theaterwissenschaft in Leipzig in die Theorie?

Für die professionelle Bühne bin ich gar nicht gemacht, das machte als Amateurin Spaß. Ich fuhr schon in der Schule zweigleisig, habe ein naturwissenschaftliches Abi in Chemie gemacht. Ich wollte in die Forschung, Pharmazie studieren, also auch da irgendwie gestalten. Ein Apotheken-Praktikum hat mich davon abgebracht. Für mich war schließlich klar, dass es Theaterwissenschaft wird.

Dann sind Sie ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig Schule für die kulturelle Bildung ist. Wie arbeitet das Lofft mit Lehrenden zusammen?

Das ist ein Prozess. Im September 2019 haben wir die Vermittlungsstelle geschaffen. Wir haben Kontakt aufgenommen zum Theatrium, dem Quartiermanagement Grünau und anderen Akteur:innen im Bereich der kulturellen Bildung, haben erste Ideen geschmiedet. Covid grätschte hinein, alles geriet aus den Fugen. Wir haben das künstlerische Angebot für jüngeres Publikum ausgebaut, auch das Theater-Tandem, wo wir Tandems von Stammbesucher:innen und Nichtbesucher:innen zusammenbringen, die nicht allein ins Theater gehen wollen. Das ist eine der Hürden, warum Menschen nicht ins Theater gehen. Ich muss zugeben, dass es sehr verschieden läuft, nicht alle Produktionen von jungem Publikum angenommen werden. Ich respektiere sehr, was das Theater der Jungen Welt und das Schauspiel in der Vermittlung und Theaterpädagogik im Zusammenhang mit den Schulen leisten. Das setzt eine wichtige Beziehungsarbeit voraus. Wir sind auf dem Weg und haben Schulterschlüsse zum Beispiel mit dem Heizhaus in Grünau geübt. Junge Erwachsene aus dem Heizhaus-Kontext haben in unserem neuen Image-Film mitgewirkt, wir machen spezielle Angebote für sie, die dann noch ein paar Freunde mitbringen. Und wir verstetigen unsere Kontakte zu den Schulen.

Sind Sie mittlerweile angekommen im hinteren Winkel von Plagwitz?

Ja, von Anfang an eigentlich. Wenn ich auf dem Weg ins Lofft am TdJW mit dem Rad vorbeifahre, fühlt sich das nicht wehmütig an, sondern es kommen Erinnerungen an eine schöne Zeit auf. Die Halle 7 ist für mich schon gefühlt mehr Zuhause als 20 Jahre Lofft am Lindenauer Markt. Es ist ja auch etwas Besonderes, wir konnten hier mitentscheiden, was unser Theater braucht, wie beispielsweise der Boden aussieht, welche Farbe die Wand auf der Bühne hat. Das ist eine andere Art der Verbindung.

Sie haben den Kampf ums eigene Haus lange begleitet. Wie haben Sie das erlebt?

Seit ich dem Lofft-Vorstand beitrat, war das das Dauerthema. Das Haus am Lindenauer Markt sollte ursprünglich noch vor meiner Zeit zum Freie-Szene-Haus mit weiterer Bühne ausgebaut werden. Nach dem Brand in der Kongresshalle hat die Stadt das Haus dem TdJW überschrieben, das bis 1989 dort beheimatet war. Da musste dann eine andere Lösung für uns her. Und seit ich da war, wurden von Oelßners Hof in der Innenstadt, dem Westwerk bis zum Theaterzentrum neben der Schaubühne oder dem Felsenkeller und Halle 14 viele neue Orte für unser Theater diskutiert. Dann ging es aber schnell, 2016 erfolgte der Stadtratsbeschluss für die Halle 7, die sowieso saniert werden musste.

Ist die Erreichbarkeit für das Publikum noch ein Thema?

Ja. Erstbesucher:innen gehen vorn auf die Spinnerei, dort sind wir nicht so gut sichtbar. Unsere Klientel kommt größtenteils mit dem Fahrrad, die Verkehrsanbindung ist für unseren Nachbarn, das Leipziger Tanztheater, noch viel wichtiger. Und man hat eine eigene Buslinie geschaffen, die fünf Haltestellen bedient, statt die Linie 60 zu verlängern. Das wäre besser gewesen, da hätten sich unsere Zuschauer:innen beispielsweise in der Südvorstadt in den Bus gesetzt und wären einfach eine Station weitergefahren, statt umsteigen zu müssen. Für viele ist die Distanz sicherlich größer als früher, das Lofft gefühlt sehr weit draußen. Auch weil ringsum nichts ist, so gehen viele nach Vorstellungen auf die Karl-Heine-Straße zum Essen. Das Verweilen ist noch nicht so attraktiv. Darum überlegen wir, wie wir unser Foyer als sogenannten »dritten Ort« (soziologischer Begriff für einen Gemeinschaftsort nach Zuhause und Arbeitsplatz, Anm. d. Red.) etablieren können. Aber ich schaue ja jeden Tag aus dem Bürofenster auf den Lindenauer Hafen: Hier entwickelt sich etwas, Grünau auch, Leipzig wächst. Früher war am Lindenauer Markt ja auch nichts ums Theaterhaus ringsum, da war die Josephstraße heruntergekommen, kalt und dunkel. In einigen Jahren wird es hier mehr Leben geben. Und die Spinnereilage bringt auch Laufkundschaft, die eher an bildender Kunst interessiert ist und uns zufällig entdeckt.

Keine Publikumssorgen?

Das Theaterpublikum kommt sowieso, die Stammgäste sind uns treu geblieben. Die Nähe zu Grünau ist reizvoll. Mit dem Grünauer Kultursommer haben wir dieses Jahr erstmals kooperiert. Ich finde das spannend, nicht im gemachten Nest zu sitzen, sondern sich Publikum auch zu erobern. Für sich betrachtet, wäre Grünau die siebtgrößte Stadt in Sachsen. In meinem ersten Jahr in Leipzig habe ich dort auch gewohnt, daher kenne ich noch das Gefühl der Distanz. Das ist ja wechselseitig, die Kulturmenschen schauen auf Grünau, und die Grünauer:innen fühlen sich auch nicht immer richtig zugehörig. Dabei ist dort viel im Wandel.

Zeigen Sie auch deshalb immer wieder Formate, die – wie jetzt im Dezember »Milonga« – zum gemeinsamen Tanzen einladen?

Wir verfolgen dabei zwei Ansätze: Erstens zielt unser Vermittlungsprogramm nicht nur darauf ab, dem Publikum in einer Stückeinführung zu erklären, was es gleich sehen wird. Sondern wir wollen das Interesse an neuen Themen und Formaten wecken, bei Menschen, die vielleicht noch keine Berührungspunkte mit Theater haben. Ein Beispiel: Die Gruppe Friendly Fire hatte 2016 eine Produktion zum Thema Schwarmtheorien anhand der Auseinandersetzung mit Bienenstaaten erarbeitet und wir haben dazu einen Imkerworkshop angeboten. Und zweitens versuchen wir, auch das Foyer zu beleben, also inhaltlich, nicht als Partylocation. Da schafft das Format einer »Milonga« mit dem gemeinsamen Tangotanzen auch einen Ort der Begegnung. Die Trennung von Bühne und Foyer wollen wir noch mehr aufbrechen. Dazu planen wir etwas Entsprechendes für die Buchmesse, etwas in Richtung zeitgenössischer Zirkus und Lesenacht.

Der zeitgenössische Zirkus ist schon länger Lofft-Thema?

Das verfolgen wir seit zehn Jahren. Das ist auch ein persönliches Faible von mir, weil für mich so das Staunen wieder mehr ins Theater zurückkommt. Im Dezember kann man in »Tipping Point« ein Riesenobjekt auf unserer Bühne erleben, das das Gleichgewicht halten muss und die Akrobat:innen ins Wanken bringt, es wird mit Live-Musik gearbeitet – das ist für mich mein persönliches Weihnachtsmärchen in diesem Jahr.

Wenn Sie die ganze Zeit mit Kunst zu tun haben, genießen Sie in Ihrer Freizeit überhaupt noch Kultur?

Es gibt Tage, da habe ich keine Lust, noch mehr Theater zu sehen, da bin ich lieber in der Natur. Aber ich reise viel herum und schaue Sachen außerhalb von Leipzig, natürlich oft beruflich. Ausgewählte Stücke schaue ich auch hier, in der Residenz, der Schaubühne, dem Westflügel, also schon mehr mit Berührungspunkten zur Freien Szene. Und ich besuche oft das Sommertheater der Cammerspiele. Das ist auch wichtig, um dranzubleiben und zu erfahren, welche Themen die Künstler:innen der Stadt umtreiben. Ich möchte immer auch eine enge Verbindung zur Kulturszene vor Ort haben.

Sie erwähnten die Natur.

Ich komme ja vom Land. Meine Eltern haben Wald, da kann man auch mal Bäume fällen und Holz hacken, also tatkräftig ins Tun kommen, statt vorm Rechner zu sitzen. Das brauche ich als Ausgleich, muss mich auch im Sport auspowern. Ich habe in der Unizeit mit Sportfechten angefangen, dann mit historischem Fechten weitergemacht. Das ist gerade etwas eingeschlafen, aber das Schwert steht noch in der Ecke. Ich bin ein Mensch, der den Kopf aktiv freibekommen muss, um abzuschalten. Beim Fechten muss man im Moment sein, sonst kriegt man einen Treffer. Vor ein paar Jahren habe ich einen Surfschein am Markkleeberger See gemacht, also Windsurfen. Denn da muss man auch im Moment sein. Driftest du gedanklich ab, liegst du im Wasser oder dir knallt das Segel auf den Kopf. Windsurfen ist auch wirklich cool, hier aber auch sehr deutsch. Man muss einen Schein wie einen Führerschein machen mit Theorieteil. Und man muss auf dem Wasser eine Art Fahrprüfung ablegen.

Welche Naturorte mögen Sie in der Stadt?

Ich mag alles mit Wasser. Man unterschätzt immer den Kulkwitzer See, alle rennen zum Cossi, dabei ist hier die Wasserqualität besser. Und ich kann abends nach der Arbeit noch mal schnell reinspringen. Einen speziellen Lieblingsort habe ich nicht. Aber es gibt diese eine ehemalige Müllhalde in der Nähe vom Haus Auensee an der Neuen Luppe. Das sieht so aus wie ein Berg. Wenn man dort hochgeht, hat man einen tollen Blick auf Leipzig. Ich versuche immer, neue Orte zu entdecken, denn trotz meiner langen Zeit in der Stadt, kann ich immer noch Neues finden.

Wie werden Sie künftig noch mehr Menschen ins Theater holen?

Mit Covid habe ich mir viele Fragen noch mal neu und intensiv gestellt: Wen erreichen wir, wen erreichen wir nicht? Und warum? Welche Relevanz hat Publikum fürs Theater? Und wie viel ist Theaterschaffenden das Publikum noch wert? Wo stehen wir als Menschen – gerade auch in Sachsen – in der Gesellschaft? Da stellt sich immer mehr die Frage nach der Rolle von Theater, von Kultur generell. Wie sieht denn eine zukunftsfähige Kulturlandschaft aus? Ist die noch adäquat zu den Krisen der Gegenwart? Das muss man sich als Möglichmacherin von Kultur auch fragen: Braucht es andere Formen, vielleicht mehr Begegnungs- und Gemeinschaftsorte? Eine griechische Agora, wo Sachen wieder neu verhandelt werden, Streitkultur erlernt wird? Die Rede davon, dass wir die anderen Menschen anlocken wollen, die nicht in die Theater kommen, hat auch so etwas Selbsterhöhendes. Müssen wir nicht selbst mehr rausgehen?

Müssen Sie?

Das aufgreifend, entwickeln wir gerade Formate, zum Beispiel, draußen eine Tanzbühne zur Fußball-EM aufzustellen. Sind wir als Theater wichtig, nur weil wir – immer – schon da waren? Wer sagt das, ist das wirklich so, reicht das? Wem dient denn in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren noch das Repräsentations-Kulturerlebnis? Braucht es dann noch rote Plüschsessel in Theatergebäuden? Es könnte sein, dass wir da in den nächsten Jahrzehnten große Umbrüche erleben – und ich finde es interessant, das miterleben und vielleicht sogar auch mitgestalten zu können.


Biografie:

Anne-Cathrin Lessel, Jahrgang 1987, aufgewachsen auf dem Land zwischen Brandenburg und Potsdam, studierte Theaterwissenschaft, Psychologie und Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig. Sie arbeitete unter anderem freischaffend in künstlerischen Projekten am Theater an der Parkaue Berlin. Ab 2011 war sie Programm- und Produktionsleiterin am Lofft. Dort übernahm sie 2019 die künstlerische Leitung und Geschäftsführung. Kulturpolitisch agiert sie als Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste, ist Vorstandsmitglied im Landesverband der Freien Theater in Sachsen und im Vorstand des Fonds Darstellende Künste.


Kommentieren


0 Kommentar(e)