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Stadtleben

Schrauben und Träumen

Der Kiezfahrradladen Veloismus kämpft um seine Existenz

  Schrauben und Träumen | Der Kiezfahrradladen Veloismus kämpft um seine Existenz  Foto: Christiane Gundlach

»Es ist uns nicht leichtgefallen, mit unserem Problem nach außen zu gehen«, sagt Enyo vom Quartiersfahrradladen Veloismus. Das Problem: Das sind die Schulden des genossenschaftlich organisierten Betriebs – fast 100.00 Euro. Entstanden sind sie durch Fehler bei der Buchführung, die das Team seit der Gründung des Ladens 2013 selbst verantwortet hat. »Es war eine schwere Lektion zu verstehen, dass wir das besser an ein Steuerbüro weitergeben.« Mit einer Crowdfunding-Aktion versucht das Team nun, genug Geld einzuwerben, um das Geschäft über die nächsten Monate hinaus abzusichern und eine Insolvenz abzuwenden. Tatsächlich ist zum Redaktionsschluss bereits ein gutes Viertel des Spendenziels von 40.000 Euro erreicht.

Entstanden ist der Veloismus innerhalb eines Hausprojekts im Leipziger Westen; das Konzept eines Fahrradladens mit Selbsthilfewerkstatt stammt aus Freiburg. 2014 in die Räume unweit der Eisenbahnstraße umgezogen, ist er zum Anlaufpunkt für die Menschen im Stadtteil geworden. Dass der Laden mehr ist als eine Einnahmequelle für den Lebensunterhalt der drei Festangestellten, wird im Gespräch schnell klar. »Wir hängen uns rein, weil wir uns aus dem kapitalistischen System rausziehen wollen«, sagt Alai. »Wir verstehen uns als Kiezladen – die Kids aus dem Viertel kommen mit ihren Rädern zu uns, wenn die Kette abgesprungen ist.«

Neben Reparaturen bietet der Laden auch neue Räder, die große Nachfrage während Corona ist jedoch wieder gesunken. Der Schwerpunkt des Veloismus liegt aber ohnehin auf Individualaufbauten und einer Art Baukastensystem, bei dem das Team nach Kundenwunsch das Rad zusammenschraubt. Für die Beratung ihrer Kundinnen und Kunden nehmen sich Enyo, Alai und Johanna viel Zeit und teilen dabei gern ihr Wissen über Räder. Menschen mit geringem Einkommen zahlen Solidaritätspreise und können sich so bezahlbare Mobilität leisten – ein Ziel der Genossenschaft, an dem die Selbsthilfewerkstatt lange Zeit mitgewirkt hat. 2020 musste diese wegen Corona ihren Betrieb einstellen, der Schwerpunkt des Veloismus verlagerte sich auf den Laden und die dazugehörige Werkstatt, der Platz für die Selbsthilfewerkstatt schwand. Alai bedauert das: »Ich habe dort angefangen und mein Wissen immer gern weitergegeben.« Der neu gegründete Freundeskreis Veloismus verfolgt unter anderem die Wiedereinrichtung einer Selbsthilfewerkstatt. Da in der angespannten Finanzsituation keine weiteren Kosten entstehen dürfen, hofft das Team dafür perspektivisch auf Fördergelder. »Gerade hier im Viertel fehlt eine Selbsthilfewerkstatt einfach«, sagt Enyo. Und fehlen würde auch der Veloismus: als Fahrradladen um die Ecke ebenso wie als Traum von ökonomischer Solidarität, wie es ein Mitstreiter im Spendenaufruf der Crowdfunding-Kampagne sagt. 

 

> Neustädter Str. 24, 04315 Leipzig, Mo–Fr 12–14 u. 14.30–19, Sa 12–17 Uhr, https://veloismus.de, Instagram

> Spendenkampagne »Support Veloismus now« auf gofundme.com


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