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Politik

Utopien willkommen

Die Gruppe »Enough!« ruft am 9. März zum Generalstreik auf – und zwar mit Klappstuhl

  Utopien willkommen | Die Gruppe »Enough!« ruft am 9. März zum Generalstreik auf – und zwar mit Klappstuhl  Foto: Mit dem Klappstuhl bereit für den Streik: Kerstin Rupp und Manuela Lißina-Krause


Unbezahlte Care-Arbeit, patriarchale Machtstrukturen, Angriffe auf die Demokratie, Gewalt und Krieg und dann ist da immer noch die Sache mit der Klimakrise: Beim Blick auf die Welt kann man schon ins Verzweifeln kommen. Die Gruppe »Enough!« prangert diesen Zustand der Dauerkrisen an und setzt sich dabei für das Empowerment von Frauen* ein – also allen Personen, die sich als Frau* definieren oder sich von dieser Bezeichnung angesprochen fühlen. »Wir streiken für Würde und Gerechtigkeit«, erklärt Kerstin Rupp, Mitbegründerin der Regionalgruppe in Leipzig ihre Motivation. »Enough!« biete eine Plattform für alles, wovon Frauen* genug haben: »Genug von Ungerechtigkeit, genug von schweigenden Männern, genug von alten weißen Männern, die neue Kriege beginnen, die keiner auf der Welt haben will, von Unfairness, sexistischen Sprüchen, gender pay gap und Gewalt gegen Frauen…« – die Liste ließe sich wohl endlos fortsetzen.

Anfang Januar stieß Kerstin Rupp auf den Aufruf der Dachorganisation von »Enough!« und habe sich sofort angesprochen gefühlt. Deshalb hat sie, gemeinsam mit Manuela Lißina-Krause, die Gründung der Leipziger Gruppe organisiert. Damit sind sie Teil einer internationalen Plattform, auf der sich Frauen* weltweit vernetzen, um am 9. März einen Generalstreik zu organisieren. Initiiert wurde »Enough!« von der Kuratorin und ehemaligen Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler. Inzwischen gibt es, nach Angaben des Netzwerks, über 40 lokale Gruppen. Die meisten davon haben ihren Standort in Deutschland, doch auch Orte wie Lissabon und Lima sind vertreten. In Leipzig werden Rupp und Lißina-Krause inzwischen von 25 Personen bei der Organisation des Protests unterstützt, erklären sie beim kreuzer-Interview Mitte Februar. Jetzt telefonieren sie sich die Finger wund, um pünktlich zum 9. März den Protest in Leipzig auf die Beine zu stellen – alles ehrenamtlich und aus Überzeugung für die Sache. »Wir wollen an dem Tag Sichtbarkeit herstellen«, erklärt Lißina-Krause. Ziel des Streiktags sei es, sich als Frauen* zu empowern und der eigenen Kraft bewusst zu werden. »Wir wollen nicht länger stillstehen und Dinge nur hinnehmen, sondern für uns einen Ausdruck entwickeln.«

Dafür steht bereits ein volles Programm: Ab 12 Uhr hat die Gruppe eine Veranstaltung auf dem Marktplatz angemeldet. Bis 14 Uhr gibt es dort ein Sit-In mit Picknick, und zwar mit Klappstuhl. Der geht zurück auf ein Zitat der Schwarzen Politikerin Shirley Chisholm: »Wenn sie dir keinen Platz am Tisch geben, bring einen Klappstuhl mit«. Im Anschluss geht es zum Generalstreik gegen das Patriachat auf den Augustusplatz, unterstützt von der Gruppe »Feminist Rebellion«. Angelehnt ist der Streik an den großen Frauenstreik in Island im Jahr 1975, an dem über 20.000 Menschen, primär Frauen, für Gleichberechtigung eintraten. Deutschland could never – die Rechtslage zu politischen Streiks im Land ist nämlich kompliziert und die Arbeitsniederlegung für diese Zwecke eigentlich nicht erlaubt. Deshalb gebe es Stellen – vor allem offizielle – wo die Unterstützung des Events am Begriff scheitere, so Lißina-Krause. Bei »Enough!« versteht man den Begriff jedoch flexibel. Viele hätten nicht die Möglichkeit, einen Tag zu streiken, räumt sie ein, »und da ist die Idee, stattdessen vielleicht in der ungewöhnlich langen Mittagspause mit Klappstuhl auf den Markt zu kommen und zu sagen, wir sitzen jetzt hier zwei Stunden für mehr Sichtbarkeit von Frauen in unserer Gesellschaft«. Der Tag endet mit einer Veranstaltung in der Kinobar Prager Frühling: Dort wird ab 17 Uhr der Film »Island – ein Tag ohne Frauen« gezeigt, der vom dortigen Streik in 1975 erzählt.

Wie es nach dem 9. März mit »Enough!« weitergehen wird, das stehe noch nicht fest: »Das wissen wir ab dem zehnten«, so Kerstin Rupp. Nur dass es weitergehen soll, das ist für die beiden klar: »Ich glaube, es wird mittelfristig noch eine ganz andere, engere Zusammenarbeit mit Frauen und Gruppen in Leipzig geben«, sagt Lißina-Krause voraus. Sie wünscht sich, »dass uns diese Vernetzung gelingt, damit wir in einem Jahr noch heterogener dastehen«. Bisher jedenfalls freuen sie sich über positive Resonanz. Vielleicht auch, weil der Aufruf viel Raum für Identifikation bietet – und für das ganz persönliche »genug« jeder einzelnen Person. »Man kann sich in dieser Welt gerade so viele Fragen stellen«, fasst Lißina-Krause zusammen, »und am 9. März kann man alle auf den Marktplatz tragen. Ich hoffe, dass ganz viele das nutzen wollen«. Willkommen seien dabei nicht nur Frauen*, sondern alle Menschen: »Alle, die Erschöpfung, Wut und Ohnmacht fühlen und eine konstruktive und solidarische Antwort finden wollen«. Wichtig sei den Veranstaltenden nur, im demokratischen Spektrum und gewaltfrei zu bleiben. Und, das betont beide, auch Utopistinnen und Utopisten dürfen nicht fehlen. Denn gemeinsam wolle man sich die Frage stellen: Wie kann eine Welt aussehen, in der viele Dinge besser sind als in der, in der wir jetzt leben?


> Mehr Informationen gibt es hier.


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