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Politik

Angst vor der Wehrpflicht

Schülerinnen und Schüler streikten am Donnerstag gegen den Neuen Wehrdienst

  Angst vor der Wehrpflicht | Schülerinnen und Schüler streikten am Donnerstag gegen den Neuen Wehrdienst  Foto: Manuel van Bentum

Mit lauten Rufen erreichte der letzte von drei Demonstrationszügen aus dem Süden, Osten und Westen Leipzigs den Augustusplatz. Dort sammelten sich am Donnerstag, den 5. März um 10 Uhr morgens etwa 500 Schülerinnen und Schüler, um mit großen Transparenten und Fahnen gegen die Neue Wehrpflicht zu streiken. Organisiert wurde die Kundgebung mit mehreren Redebeiträgen und Infoständen von dem Bündnis »Schulstreik gegen Wehrpflicht«. Der Protest endet mit einer großen Demonstration mit 4000 Teilnehmenden am Abend.

Im Dezember 2025 wurde das Gesetz zum Neuen Wehrdienst verabschiedet. Dieses soll die Funktionsfähigkeit und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr sicherstellen. Seit Januar 2026 erhalten deshalb alle Männer und Frauen ab 18 Jahren einen Fragebogen. Dieser soll Motivation und Eignung für die Teilnahme am Wehrdienst ermitteln. Für Männer, die nach Januar 2008 geboren wurden, wird zudem die Musterung wieder Pflicht, um die Eignung für den Wehrdienst zu prüfen. Laut dem Deutschen Bundestag wird ein Dienst auf freiwilliger Basis angestrebt.

Bereits im Dezember 2025 streikten am Tag der Gesetzesbestimmung in Leipzig 300 Schülerinnen und Schüler. Heute sind es laut Veranstaltern etwa 500. »Wir sind jetzt nochmal auf der Straße, weil wir nicht daran glauben, dass das Wehrdienstmodernisierungsgesetz der letzte Schritt der Bundesregierung ist«, erklärt der 22-jährige Luca von dem Bündnis während der Kundgebung. Das Organisationsteam ist mit anderen Schulstreikkomitees in ganz Deutschland vernetzt.

Das Bündnis geht aber nicht nur gegen den Wehrdienst auf die Straße. »Unsere Forderungen dabei sind, dass generell Kriege einfach nicht mehr geführt werden«, sagte Greta Tauber. Die 16-jährige Schülerin ist Teil der Organisation Internationale Jugend Leipzig. Sie war bereits im Dezember 2025 beim Streik dabei. Auch wenn immer etwas Angst vor Konsequenzen mitschwinge, sei sie bereit diese in Kauf zu nehmen. In Leipzig hätte es bereits an einigen Schulen Repressionen auf Grund dessen gegeben. »Es wurden zum Beispiel Listen geführt von politisch aktiven Schülerinnen und Schülern«, erzählte Tauber.

Wie Schulen mit den streikenden Schülerinnen und Schülern umgehen, ist unterschiedlich. Henrik geht in die 12. Klasse eine Leipziger Schule und streikt heute auch. Er berichtet von Unterstützung aus den Reihen der Lehrkräfte: »Die Lehrer machen heute keinen prüfungsrelevanten Unterricht.« Klassenarbeiten und Tests könnten sie nachholen. Die Anzahl der Streikenden sei im Verhältnis zu den möglichen Konsequenzen hoch, stellt die ehemalige Lehrerin Cornelia Falken fest, die Stadträtin bei der Partei Die Linke ist. Sie findet es gut, dass die Schülerinnen und Schüler streiken. Falken ergänzt: »Nach unserer Auffassung ist eine Wehrpflicht überhaupt nicht zielführend und nicht notwendig.«

Luise Wonneberg unterstützt es ebenfalls, dass die Jugendlichen sich zu dem Thema äußern und Stellung beziehen. Sie ist als Mutter eines schulpflichtigen Sohnes auf dem Streik dabei. »Ich habe generell ein Problem damit, die junge Generation für das verantwortlich zu machen, was die alte verbockt hat«, erzählte die 38-Jährige.

Marla und Luisa sind 14 und 13 Jahre alt und sind auf dem Streik, weil sie Angst haben, dass irgendwann doch eine Wehrpflicht kommt. »Man kann ja nicht einfach über das Leben von anderen entscheiden und sagen, ihr müsst jetzt in die Armee gehen«,erklärt Luisa.

Für Nachwuchs wirbt die Bundeswehr auch direkt bei Besuchen von Schulen. »In Leipzig passiert das andauernd«, erzählte Tauber. Das Bündnis setze sich daher auch für »bundeswehrfreie Schulen« ein. »Wir sehen die Bundeswehr nicht als normalen Arbeitgeber und finden es verwerflich, dass die Bundeswehr durch die Schulen an junge Leute herangetragen wird«, führte Luca aus. Er hält die Rücknahme des neuen Gesetzes für sehr unwahrscheinlich, hofft aber darauf, dass es nicht noch weiter verschärft wird. »Am besten wäre natürlich, wenn es auf der Welt keinen Krieg mehr gibt«, wünscht sich Henrik.

Am Abend versammeln sich die Schülerinnen und Schüler erneut auf dem Augustusplatz, um ihren Protest auf die Straße zu tragen. Unterstützt wurden sie dieses Mal von jungen Menschen im Ausbildungs- und Studienalter, sowie von Parteien und Gewerkschaften. Unter den Leitsprüchen »Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht« und »Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft« zieht die Demonstration ab 17 Uhr entlang des Innenstadtrings. Zurück am Augustusplatz angekommen, steht der letzte Programmpunkt an. Der Leipziger Rapper »Hexer« lässt den langen Tag des »Schulstreiks gegen die Wehrpflicht« mit einem kostenlosen Konzert ausklingen.



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