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Stadtleben

Von der Halbruine zum Paradies

Die Albertina ist Deutschlands schönste Universitätsbibliothek

  Von der Halbruine zum Paradies | Die Albertina ist Deutschlands schönste Universitätsbibliothek  Foto: Thomas Kademann


»Ich habe mir das Paradies immer als Bibliothek vorgestellt.« Das schrieb Jorge Luis Borges im Roman »Die letzte Reise des Odysseus«. Dem schließe ich mich an, dessen erster Gang im Jahr 2000 durch die Universitätsbibliothek Albertina sich wie eine Odyssee anfühlte. Wie sollte ich ahnen können, das »Lexikon des Mittelalters« im Rollregalmagazin tief im Keller zu suchen? Und dafür musste man erst einen Lesesaal durchmessen und eine versteckte Stahltür finden. Verstecken muss sich das Gängelabyrinth von einst schon lange nicht mehr. Jetzt ist die Albertina zur schönsten Universitätsbibliothek Deutschlands gewählt worden. Das hätte man damals nicht glauben mögen.

Was gibt es besseres als gesammeltes Wissen, das frei zugänglich ist – und für jeden Leipziger und Leipzigerin kostenlos? Nicht alles steht im Netz, qualitativ sehr schwankend ist Wikipedia. Und einen physischen Leseort aufsuchen zu können, ist auch mal schön. In Leipzig freut man sich über gleich drei bibliotopische Prachtbauten. Neben der Albertina in der Beethovenstraße eröffnen sich die National- und die Stadtbibliothek als weitere Paradise.

Zerstörte Albi

In einer Instagram-Abstimmung des Funk-Netzwerks von ARD und ZDF setzten mehr als 35.000 Teilnehmende die Bibliothek auf Platz eins. Das Albertina-Team hat die Wahl zur Siegerbibliothek augenzwinkernd verkündet und auf die Stärke ihres Instagram-Accounts verwiesen. Aber die muss man schließlich auch erst einmal erreichen. Aber korrekt: Die Wahl verlief über eine Online-Abstimmung. Doch ist solches Selbstbewusstsein folgerichtig, verfolgt man die Entwicklung dieser Bibliothek seit den 1990ern. Von einer Halbruine mit vollgestelltem Innenleben wurde sie zur modernen Wissensmaschine in historischem Gehäuse; auch wenn einiges nur Rekonstruktion ist. Ihre Funktion ist auf die Nutzenden ausgerichtet, darüber kann kein schöner Marmorschein hinweg blenden lassen.

Zerstörte Albertina

Die Universitätsbibliothek ist eine der ältesten deutschen Bibliotheken, deren Ursprünge in die Reformationszeit zurückgehen. 1891 bezog sie den Neubau im Musikerviertel, der im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. So existierte der komplette rechte Flügel nicht mehr. Wo sich heute Selbstausleihe und das Magazin befinden, klaffte bis in die 1990er-Jahre ein tiefes Loch. Es tat sich ein Nichts auf mit Baumbewuchs. Mit Beseitigung der ruinösen Ästhetik wurde erst nach der Wende begonnen. Erst 2002 waren Wiederaufbau und Erweiterung abgeschlossen.

Treppe Albi

Dann ging es innen mit der Umgestaltung weiter. Verstellt mit Regalen, war die trotz Pomp doch recht lichte Architektur, waren die Fluchten und Großzügigkeit der Räume nicht zu erahnen. Im Jahr 2000 benutzte man den elektronischen Suchkatalog noch ergänzend mit dem alten Karteikartensystem. Fernleihescheine füllten man mit der Schreibmaschine aus. Man war schon froh, dass es Kopierer gab. Die Semesterapparate standen hingegen meistens in privaten Copyshops, die ulkige Namen trugen wie »Printy«. Nach der optischen Behandlung ging es für die Universitätsbibliothek in all ihren Zweigstellen mit der Ausrichtung auf Funktionalität weiter, was man besonders an der Albertina ablesen kann.

»Essen und Trinken in der Bibliothek?« Natürlich, sagten die verantwortlichen Leiter Ulrich Johannes Schneider und seine Stellvertreterin Charlotte Bauer; diese Linie verfolgt die heutige Leiterin Alina Lipp weiter. Die Benutzbarkeit steht eindeutig im Vordergrund. Die Bibliothek ist ein Ort des Wissens – und das ist immerhin geteilte Praxis. Also braucht es verschiedene Weisen, dieses zu erwerben, teilen und mitzuteilen. Wer ungern am Tisch sitzt, findet Couch- und Fläzbereiche und eine einladende Cafeteria, wo es früher nur einen Abholtresen gab. Von den Sammlungs- und Digitalisierungsprojekten sowie den Open-Access-Aktivitäten ganz abgesehen. Genug geschwärmt, soll Jorge Luis Borges das letzte Wort haben: »Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.«


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