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Stadtleben

Zocken im Milieuschutz

Die Hausgemeinschaft E97 wehrt sich weiter gegen die Kündigung

  Zocken im Milieuschutz | Die Hausgemeinschaft E97 wehrt sich weiter gegen die Kündigung  Foto: Marco Brás dos Santos


»Du musst anrufen, wenn du vor der Tür stehst. Die Klingelanlage funktioniert nicht«, schreibt Elena (Name von der Redaktion geändert) auf die Interviewanfrage. Lokaltermin bei einer Hausgemeinschaft, die gekündigt werden soll – sich aber dagegen wehrt. Hinter der Fassade der Eisenbahnstraße 97 hat sich ein immobilienpolitischer Konflikt verfestigt, der die Wirksamkeit städtischer Schutzinstrumente infrage stellt. In einem Viertel, das durch eine soziale Erhaltungssatzung – dem sogenannten Milieuschutz – vor Verdrängung durch Luxussanierungen geschützt werden soll, stehen sich unterschiedliche Interessen gegenüber: Auf der einen Seite eine gewachsene Hausgemeinschaft, die aus über zehn Parteien besteht und die sich zur Initiative »E97 bleibt« zusammengeschlossen hat, auf der anderen die Verwertungslogik eines renditeorientierten Investors. Das verdeutlicht den Übergang des Quartiers in eine Phase der Marktkonsolidierung, in der soziokulturelle Strukturen zunehmend verschwinden.

Der Konflikt um die E97 begann mit dem Haus-Eigentümerwechsel Ende 2023. Das Objekt wurde für Orhan Altun erworben, wobei Ido Altun (NAS Immobilien) die Verwaltung übernahm. Altun werden mehrere Immobilien in Leipzig zugerechnet, auch die ehemalige »Majestic«-Bar an der Karl-Liebknecht-Straße, die nach einem eskalierten Polizeieinsatz 2021 geschlossen wurde. In einer öffentlichen Stellungnahme im Februar 2025 bezeichnete Ido Altun den Erwerb der E97 als »Zufallskauf«: Ein Gebot von 1,2 Millionen hatte den Zuschlag erhalten. Darüber was Altun mit der Immobilie vorhat, ist bislang nichts bekannt.


Es regnet durchs abgedeckte Dach

Elena kommt zur Haustür, wir gehen durchs Treppenhaus. Noch vor wenigen Monaten lag hier Staub, es gab Risse im Putz und herumliegende Zementsäcke. Jetzt wirkt es sauber - zweifarbig abgesetzt. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, was die Bewohnerinnen und Bewohner hier durchgemacht haben – aber seit der Übernahme durch Altun kam es zu erheblichen Beeinträchtigungen der Wohnqualität: Im Mai 2024 wurde die Gasversorgung unterbrochen, das Haus blieb fünf Monate lang ohne Heizung und Warmwasser. Erst eine durch die Mieterschaft selbst organisierte und gerichtlich legitimierte Reparatur beendete diesen Zustand. Juristisch ist dieser Vorgang relevant, da die Eigentümerseite eine einstweilige Verfügung des Amtsgerichts Leipzig zur Wiederherstellung der Versorgung monatelang nicht umsetzte. Der Rechtsanwalt der Eigentümer, Kristian Bielow, kommentierte dies gegenüber der LVZ mit der Aussage, seine Mandantschaft habe »aktuell keine Ambitionen«, die Versorgung wiederherstellen zu lassen.

Im Juni 2024 folgte – so die Mietenden – eine unangekündigte Dachabdeckung am bewohnten Objekt. Während die Hausverwaltung dies als notwendige Instandsetzung deklarierte, bewerteten Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Initiative E97  die Maßnahme als Gefährdung der Mieterschaft, der Bewohnbarkeit und Bausubstanz, da Regenwasser so eindringen konnte. »Jede Baumaßnahme erfolgte bislang unangekündigt. Das führt zu Dauerstress«, sagt Elena.


Es hagelt Räumungsklagen

Einen Wendepunkt im Konflikt markierte der 8. April 2025, als das Amtsgericht Leipzig ein erstes Urteil gegen die Räumungsbemühungen der Eigentümer fällte. Bis Juni 2025 errang die Hausgemeinschaft Siege in insgesamt drei Räumungsklagen, woraufhin die Eigentümerseite weitere anhängige Klagen zurückzog. Parallel dazu veränderte sich die gewerbliche Nutzung im Erdgeschoss. Das Goldhorn verließ das Objekt nach zehn Jahren im Zuge eines gerichtlichen Vergleichs. Der Betreiber erhielt eine Ablöse von 30.000 Euro für eine installierte Lüftungsanlage. In die Räumlichkeiten ist inzwischen ein Betrieb eingezogen, der offiziell als Café firmiert, in dem jedoch Spielautomaten aufgestellt wurden. Recherchen der Mieterinitiative zufolge erfolgte der Umbau für den Spielbetrieb zunächst ohne die erforderliche Baugenehmigung. Es soll eine tragende Wand entfernt worden sein. Türen in der Wohnung darüber hätten sich verzogen. »Mit über 30 Euro pro Quadratmeter liegt der Mietpreis weit über dem Standard für Gewerbe auf der Eisi«, meint Elena. Das hätten ebenfalls Recherchen ergeben.

Trotz der gerichtlichen Niederlagen im Frühjahr 2025 folgte am 24. Dezember 2025 eine erneute Kündigungswelle durch den Eigentümer. Die Wahl des Heiligabends als Zustellungsdatum wird seitens der Initiative »E97 bleibt« als strategische Prozessführung bewertet, die darauf abzielt, die Mieterschaft in einer Phase eingeschränkter rechtlicher Handlungsfähigkeit zu belasten.


Milieuschutz und Rendite

Der Fall Eisenbahnstraße 97 verdeutlicht, dass Milieuschutzsatzungen an ihre Grenzen stoßen, wenn Akteure bereit sind, rechtliche Grenzen auszureizen. Die Auseinandersetzung bleibt ein Gradmesser für die Frage, ob die Stadt Leipzig gewachsene soziokulturelle Strukturen vor einer rein renditeorientierten Investitionslogik schützen kann. Radsfatz, Japanisches Haus, Trautmanns, Café Nuhr oder Dingdong – es gäbe zahlreiche prominente Beispiele, wie die Schutzfunktion der Stadt hier im Viertel nicht gegriffen habe, beklagt Elena. »Bis zum nächsten Mal«, meint sie routiniert, als wir uns verabschieden. 


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