Das Kinojahr der Blockbuster mag ja sehr durchwachsen gewesen sein, die Arthouse-Fans hatten dagegen reichlich unvergessliche Kinoerlebnisse. Die Kinobar tischt zum Jahreswechsel traditionell eine Auswahl auf. Auch wenn die dann doch Einiges vermissen lässt, gibt es immerhin ein Wiedersehen mit dem famosen Body Horror »The Substance«, dem erschütternden »The Zone of Interest« und der kraftvollen Liebesballade »Love Lies Bleeding«.
Best of (Kinobar)
Film der Woche: Als Lang (Eddie Peng) 2008 in seinen Heimatort am Rande der Wüste Gobi zurückkehrt, ist dort nichts mehr so, wie er es in Erinnerung hatte. Das Haus seines Onkels steht leer. Die Straßen sind verwaist. Die Häuserblocks, die keinen Zweck mehr erfüllen, werden abgerissen. Streunende Hunde haben die Herrschaft über die Stadt übernommen. Auch Lang wirkt wie ein geprügelter Hund. Einst hatte er den Tod eines Altersgenossen mitverantwortet und saß dafür viele Jahre im Gefängnis. Nun ist er zurück, muss sich regelmäßig bei der örtlichen Polizeidienststelle melden und darf die Stadt nicht verlassen. Um ihn zu integrieren, wird er Teil der Truppe, die die herrenlosen Hunde einfangen und in den Zwinger bringen soll. Doch Lang hat überhaupt kein Interesse daran und freundet sich stattdessen mit einem schwarzen Hund an, wie er ein Ausgestoßener.
Der wortkarge Held von Guan Hus »Black Dog«, den Eddie Peng höchst charismatisch verkörpert, ist zunächst schwer zu durchschauen. Die Aura des mysteriösen Einzelgängers löst sich aber bald auf. Lang wird zu einem vielschichtigen Charakter, der unsere Sympathie gewinnt. Seinen Film siedelte Regisseur und Drehbuchautor Hu bewusst in einer Zeit des Zerfalls und Umbruchs an, in der sich China auf die Ausrichtung der Olympischen Spiele vorbereitet. »Black Dog« ist dagegen ein Abgesang auf die Größe Chinas in farbarmen, kargen Bildern voll visueller Stärke. Ein krasser Kontrast zu Hus Schlachtenepos »The 800« von 2020, das den Kampf der chinesischen Armee gegen die übermächtigen japanischen Invasoren verherrlichte. Der ruhige »Black Dog« wiederum ist eine scheinbar lose dahintreibende Losergeschichte, die in den wenigen Dialogen und Handlungen viel mehr über das gegenwärtige China zu erzählen weiß. Beim Filmfestival in Cannes gab es dafür den Hauptpreis in der renommierten Nebensektion Un Certain Regard.
»Black Dog«: ab 5.12., Passage-Kinos, Regina-Palast
Robert Zemeckis liebt es, das Erzählen von Geschichten mit technischen Innovationen zu verbinden. »Cast Away – Verschollen«, »Der Polarexpress«, »Schatten der Wahrheit« und zuletzt »The Walk« waren allesamt visuell herausragend und beschritten neue Wege. An seiner Seite stand immer wieder Hauptdarsteller Tom Hanks, auf dessen Schultern auch der sechsfach oscarprämierte »Forrest Gump« ruhte. Für »Here« hat Zemeckis die Bande seines größten Erfolgs nun ein weiteres Mal zusammengetrommelt. Neben Hanks ist auch Robin Wright wieder mit an Bord. Das Drehbuch schrieb Zemeckis erneut gemeinsam mit Eric Roth. Don Burgess stand hinter der Kamera, Alan Silvestri lieferte die Musik. Fast noch größer als die Erwartungen an dieses Dream Team ist die Spannung, die sich um Zemeckis’ neues Filmkonzept rankt: Ein Ort auf der Landkarte, ein Feld, ein Haus, ein Zuhause – »Here« begleitet mit der Kamera nicht weniger als die Geschichte der US-amerikanischen Zivilisation. Die Kamera ist dabei an einen Ort gebunden. Die Umgebung im steten Fluss der Veränderung. Ein ganz ähnliches Grundkonzept also wie in David Lowerys »A Ghost Story«. So ist der Handlungsort zur Zeit von Präsident Benjamin Franklin noch ein unbedeutender Fleck neben dem Anwesen von dessen Bruder William. Das dort entstehende Haus bewohnt im Zeitalter der Industrialisierung ein Erfinder mit seiner Frau. In der Gegenwart eine afroamerikanische Familie der Upper Class. Die Handlung konzentriert sich aber auf Richard (Hanks) und Margaret (Wright), die sich dort in den 1950ern verlieben und alt werden. Das fängt »Here« tricktechnisch eindrucksvoll und schlüssig ein. Träume, Wünsche und die manchmal harte Wirklichkeit verdichten sich zu einem Kondensat des Lebens (der weißen, US-amerikanischen Mittelschicht). Die anderen Seitenarme der Geschichte funktionieren dagegen weniger gut und sind entbehrlich. Der Fokus liegt auf Wright und Hanks, bzw. Richards Filmeltern Kelly Reilly und Paul Bettany und einer stark gespielten, oft berührenden Familiengeschichte, die sich vor der Kamera abspielt.
»Here«: ab 12.12., Passage-Kinos, Regina-Palast, Schauburg
Der französische Schriftsteller Robert Merle drehte 1974 in seinem Roman „Die geschützten Männer“ die Geschlechterrollen um. Er beschrieb, wie die Frauen die Macht ergreifen, nachdem die Männer an einem neuartigen Virus erkranken und sterben. Die geschützte Spezies wird in Quarantäne gesteckt. Nur wer sich einer Kastration unterzieht, genießt Privilegien. Das Matriarchat wandelt sich allerdings zunehmend zum totalitären Staat. Es sind demnach nicht die Geschlechterrollen, sondern die Gier nach Macht, die eine Gesellschaft zugrunde richtet. Das ist auch die wenig subtile Botschaft der filmischen Adaption, die die Stuttgarter Regisseurin Irene von Alberti verantwortet. Sie übersetzte Merles Buch für die gegenwärtige Gesellschaft, in der die Genderdiskussion vehementer geführt wird als vor fünfzig Jahren. Das bleibt aber nicht das einzige Thema der grellbunten Satire, die sich auch mit den Lehren der Corona-Pandemie auseinandersetzt. Leider zündet der oft zynische Humor trotz gut aufgelegter Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller wie Mavie Hörbiger, Bibiana Beglau und Godehard Giese kaum.
»Die geschützten Männer«: ab 13.12., Luru-Kino in der Spinnerei
Weitere Filmtermine der Woche
Filipka
PL 2020, Dok, R: Dawid Nickel, 26 min
Dokumentarfilm über Aktivist*in und Drag-Künstler*in Filipka Rutkowska.
Lofft, 13.12. 19:15 (OmeU)
Anna und die Apokalypse
GB 2017, R: John McPhail, D: Ella Hunt, Malcolm Cumming, Sarah Swire, 97 min
Ein Weihnachts-Zombie-Musical aus Großbritannien. »Shaun of the Dead« meets »Highschool Musical«.
Luru-Kino in der Spinnerei, 19.12. 19:00 (kreuzer-Weihnachtsklassiker, OmU)
Interstella 5555
R: Leiji Matsumoto, Daisuke Nishio, Hirotoshi Rissen, 67 min
Der Anime-Musikfilm von 2003 zu Daft Punks Album »Discovery« in der remasterten Fassung.
Cinestar, 12.12. 22:30 (OmU)
Die Spinnenfrau
D 2022, R: Claus Oppermann, 18 min
Kurzfilm-Vorführung.
Luru-Kino in der Spinnerei, 13.12. 17:00
Moritzkino
USA 2023, R: Alexander Payne, D: Paul Giamatti, Da’Vine Joy Randolph, Dominic Sessa, 133 min
Das Moritzkino zeigt »The Holdovers«, den modernen Weihnachtsfilmklassiker. Der zynische Professor Paul und sein Schüler Angus verbringen notgedrungen die Weihnachtstage in einem Eliteinternat. Einfühlsames Charakterdrama, wundervoll erzählt von Alexander Payne (»Sideways«).
Moritzbastei, 19.12. 20:00 (The Holdovers)
Shorts Attack: Große Gefühle
Filme mit Emotion und sozialer Relevanz vom Kurzfilmfest in Clermont-Ferrand in Frankreich.
UT Connewitz, 19.12. 20:00
Tokyo Godfathers
J 2003, R: Satoshi Kon, Shôgo Furuya, 92 min
Als drei Obdachlose auf den Straßen Tokios am Weihnachtsabend ein Baby im Müll finden, verändert sich ihr Leben für immer.
Ost-Passage-Theater, 18.12. 20:00 (OmU)
Viele Morgen
In drei mittellangen Filmen folgen wir der Vision der Filmemacher*innen von der Vergangenheit in die Zukunft, durch Architekturen und das Ökosystem unseres Planeten.
Cinémathèque, 17.12. 19:30 (mit Gespräch, OmeU)
Little Women
USA 2019, R: Greta Gerwig, D: Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, 135 min
Greta Gerwig adaptierte den Klassiker »Betty und ihre Schwestern« von Louisa May Alcott als kitschfreies Kostümdrama.
Passage-Kinos, 18.12. 20:15 (OmU, Passagen-Werke)
Mommy
CDN 2014, R: Xavier Dolan, D: Antoine-Olivier Pilon, Anne Dorval, 138 min
Regie-Genie Xavier Dolan erzählt in »Mommy«, der den Jurypreis in Cannes gewann, vom Heranwachsen eines schwer erziehbaren Jungen.
Schaubühne Lindenfels, 18.12. 18:30 (OmU, ab 16 Uhr umfangreiches Vorprogramm vom Institut für Romanistik der Universität Leipzig, Eintritt frei)
Loving Vincent
GB/PL 2017, R: Doruta Kobiela, Hugh Welchman, 95 min
Der erste komplett gemalte Film rekonstruiert die letzten Monate Vincent van Goghs anhand eines detektivischen Plots und kunstvoller Tableaus, inspiriert vom Meister.
Passage-Kinos, 15.12. 11:30 (Kunst trifft FIlm, Matinee-Spezial)
Frauenbanden vor und hinter der Kamera
Das Kurzfilmprogramm der Deutschen Kinemathek nimmt das kreative »Banden bilden« von Frauen in den Fokus, in vier wegweisenden Filmen der Regisseurinnen Elfi Mikesch, Ute Aurand, Ulrike Pfeiffer und Maria Lang sowie eines Studierendenkollektivs an der Deutschen Film- und Fernsehakademie.
Cinémathèque in der Nato, 19.12. 19:30 (Zum Kurzfilmtag)
Kurzfilme aus Paderborn
Das Filmprogramm »Fueled by Fantasy« präsentiert Filme aus dem ersten internationalen Kurzfilmwettbewerb des PaderPorn Filmfestivals, das jährlich in und um Paderborn stattfindet.
Cinémathèque in der Nato, 19.12. 21:30 (Zum Kurzfilmtag)
Garagenvolk
D 2020, Dok, R: Natalija Yefimkina
Die Garage als Zuflucht des russischen Mannes, Fluchtpunkt aus dem trostlosen Alltag und Symbol für große Träume.
Stadtbüro, 17.12. 19:00 (Architektur im Film)
Gimme Danger
USA 2016, Dok, R: Jim Jarmusch, 108 min
Dokumentarische Anekdoten über Iggy Pop und The Stooges.
Schaubühne Lindenfels, 15.12. 18:00 (OmU, The Independent Cinema of Jim Jarmusch)
Girls* Riot: Mädchenaufstand
7 Kurzfilme
Pöge-Haus, 17.12. 19:30 (Filme mit Freund*innen, im Rahmen des Kurzfilmtags)