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Kultur

Von Ablehnung ins Rampenlicht

Eine Ausstellung über Geflüchtete gastiert in Leipzig

  Von Ablehnung ins Rampenlicht | Eine Ausstellung über Geflüchtete gastiert in Leipzig  Foto: Marco Brás dos Santos

Lenore und Werner Lobeck aus Schwarzenberg haben mit ihrer Ausstellung »Es ist nicht leise in meinem Kopf« die Stimmen von Geflüchteten hörbar gemacht. Was als lokales Projekt begann, entwickelte sich nach einer Kontroverse in Pirna zu einem bundesweiten Erfolg. Die Ausstellung gastiert nun in Leipzig.

Was hat Sie dazu inspiriert, die Ausstellung »Es ist nicht leise in meinem Kopf« ins Leben zu rufen?

Lenore Lobeck: Alles begann 2015, als mehr Geflüchtete auch in die Provinz verteilt wurden, unter anderem nach Schwarzenberg. Spontan haben wir damals mit verschiedenen Menschen einen Helferkreis gegründet, den Flüchtlingsunterstützerkreis Schwarzenberg – der übrigens immer noch existiert. Einerseits hörten wir die bewegenden Geschichten der Geflüchteten, andererseits aber auch die rassistischen Vorurteile in der Gesellschaft. Da kam uns der Gedanke: Die Leute reden, haben Vorurteile, wissen aber eigentlich nichts über die Geflüchteten. Wir wollten das sichtbar machen, damit ein Kennenlernen stattfinden kann. Das beschäftigte mich schon lange.

Werner Lobeck: Genau. Wenn man eine Weile mit den Geflüchteten arbeitet, entsteht Vertrauen. Sie erzählen einem ihre Geschichten – über die Flucht, die Situation in ihren Heimatländern, die Probleme und Schwierigkeiten, die sie unterwegs erlebt haben. Das sind oft erschütternde Geschichten, die viel Vertrauen voraussetzen, um sie zu teilen. 2021 war dann unsere Enkeltochter zu Besuch. Wir haben sie gefragt, ob sie mitmachen würde, und sie war begeistert. Wir sind zusammen losgezogen, mit Fotoapparat und allem. Sie hat die Interviews geführt, sich die Fragen ausgedacht – teilweise auf Französisch, das sie perfekt spricht – und dann übersetzt.
 

Wie sah der Prozess danach aus?

Lenore Lobeck: Wir haben angefangen, die Geschichten zu sammeln, für die Idee, daraus ein Buch und eine Ausstellung zu machen. 2023 war beides fertig. Die Interviews drehen sich um Fragen wie: Warum seid ihr geflohen? Wie war der Fluchtweg? Wie geht es euch hier? Was gefällt euch, was nicht? Was vermisst ihr? Möchtet ihr bleiben? Auf den Ausstellungstafeln und im Buch gibt es auch einen Abschnitt, der beschreibt, was sie hier erleben – etwa die vielen bürokratischen Hürden, die das Leben hier so schwer machen.
 

Wie haben Sie das Projekt finanziert?

Werner Lobeck: Wir hatten Fördermittel beim Landratsamt beantragt, insgesamt 7.000 Euro für Ausstellung und Buch. Bewilligt wurden nur 700 Euro – gerade genug für die Ausstellung, aber nicht für das Buch. Also haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und innerhalb von sechs bis acht Wochen über 8.000 Euro gesammelt. So konnten wir beides finanzieren.
 

Wie viele persönliche Geschichten sind dokumentiert und wo wurde die Ausstellung bisher gezeigt?

Lenore Lobeck: Es sind 35 Schicksale. Die erste Ausstellung war in Aue, dann in Schwarzenberg und Umgebung. Anlässlich der Interkulturellen Woche im September 2024 meldete sich das Landratsamt in Pirna – sie wollten die Ausstellung haben. Wir haben sie dorthin gebracht und aufgebaut.

Werner Lobeck: Doch am nächsten Tag kam über die Ausländerbeauftragte die Nachricht, dass die Ausstellung wieder abgebaut wurde. Zuerst ohne Begründung, dann hieß es, Bürger hätten sich beschwert, weil auf einigen Tafeln steht, dass sich Geflüchtete in Deutschland nicht wohlfühlen. Das ergibt sich ja aus unseren Fragen: Was gefällt euch, was nicht? Natürlich kommen da auch negative Antworten, gerade angesichts der Situation im Erzgebirge. Der Landrat hat das als Begründung genutzt, aber unterschlagen, dass selbst diejenigen, die sich unwohl fühlen, oft auch Positives sagen – etwa, dass sie froh sind, hier zu sein und ihre Probleme aus dem Heimatland hier nicht in dem Ausmaß haben.
 

Was geschah danach?

Lenore Lobeck: In Pirna hat sich eine engagierte Gruppe gefunden, die sich um Geflüchtete kümmert. In Absprache mit der katholischen und evangelischen Kirche wurde die Ausstellung dann in der St.-Kunigunde-Kirche aufgenommen. Das war der Beginn eines Hypes: Durch den Abbau im Landratsamt wurden die Medien aufmerksam – Funk, Fernsehen, Presse, sogar in Österreich und der Schweiz wurde darüber berichtet. Aktuell gibt es eine parallele Ausstellung in Wien.

Werner Lobeck: Seitdem ist die Ausstellung ununterbrochen unterwegs, auch in den alten Bundesländern: Ulm, Köln, Bremen, Friedland. Wir mussten sogar Bücher nachdrucken, weil die ersten 700 Exemplare weg waren. Insgesamt sind wir sehr zufrieden.
 

Hatte die Ausstellung noch weitere Auswirkungen?

Lenore Lobeck: Ja, Pfarrer Vinzenz Brendler von der katholischen Kirche in Pirna hat der Ausstellung Kirchenasyl gewährt, Öffnungszeiten verlängert, Aufsicht organisiert und eine starke Eröffnungsrede gehalten. Dafür bekommt er jetzt einen Preis für sein Engagement gegen Rassismus. Es freut uns, dass die Kirchen so eine Rolle spielen – das kennen wir noch aus DDR-Zeiten, als wir Ausstellungen etwa zum Umweltschutz nur dort zeigen konnten.

Werner Lobeck: Ein weiterer Punkt betrifft Yvonne Böhme, die Ausländerbeauftragte im Landkreis Pirna. Sie hatte nach vorherigen Absprachen die Organisation der Ausstellung im Landratsamt übernommen, bekam jedoch die Schuld für den Eklat zugeschoben. Ihr wurde vorgeworfen, sich nicht ausreichend mit dem Inhalt der Ausstellung befasst zu haben. Ihre bereits zugesicherte Stelle als Ausländerbeauftragte wurde daraufhin zu verschlechterten Bedingungen neu ausgeschrieben, sodass sie sich nicht erneut bewarb und letztlich ihre Position verlor.

 

> Die Ausstellung in Kooperation mit ProjektRaumKirche, Diakonie Leipzig und der BBW-Leipzig-Gruppe kann vom 23.3.–6.4. im Westkreuz / Heilandskirche, Weißenfelser Str. 16, 04229 Leipzig besichtigt werden.

> Am 26.3., 19:00 Uhr, findet die Vernissage mit Menschen aus der Ausstellung, Lenore und Werner Lobeck sowie den transkulturellen Chören vom ZEOK e.V. und dem Kültürkollektiv Leipzig e.V. statt.

> Weitere Infos zur Ausstellung gibt es hier.

 


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