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Stadtleben

Zur Probe in der Platte

Ein Pilotprojekt erforscht neue Wohnformen im Plattenbau in Grünau

  Zur Probe in der Platte | Ein Pilotprojekt erforscht neue Wohnformen im Plattenbau in Grünau  Foto: Blick in die zukünftigen Nukleuswohnungen/Lehrstuhl für Wohnbau, Yanik Wagner

Mit »Nukleuswohnen« startet ein Forschungsprojekt mit Probewohnen in einem Plattenbau in Leipzig Grünau. Wie eine Nutzung räumlich und sozial aussehen kann, wollen Forschende von der Uni Aachen und einem Architekturbüro in München herausfinden. Wie sieht das Projekt genau aus und wie soll es Gemeinschaftswohnen in dem Plattenbau in der Liliensteinstraße möglich machen?

Dumpfe Schläge und ein durchdringendes Rattern sind aus dem Haus in Leipzig Grünau zu hören. Es ist ein Plattenbau mit sechs Stockwerken. Fünf von sechs Eingängen sind mit großen Metallplatten verschlossen. »Leerwohnung« steht an den vielen Briefkästen, die vor dem Nieselregen geschützt neben dem einzigen offenen Hauseingang hängen. Im Treppenhaus werden die Geräusche der Baumaschinen lauter, Schritte knirschen im Schutt und ein kalkiger Staubgeruch kriecht in die Nase.


Einzug in den Plattenbau

Aus einem Raum sind Stimmen zu hören. Nina Vollbracht und Yanik Wagner vom Forschungsprojekt Nukleuswohnen Leipzig Grünau befinden sich in einer provisorischen Werkstatt in dem leerstehenden WBS70- Wohnbau. »Das Gebäude steht schon seit einiger Zeit leer. Wir haben Interesse daran, eine bestimmte Wohnform auszuprobieren, an der wir seit längerer Zeit forschen«, erzählt Yanik Wagner. In dem Gebäude, das unauffällig zwischen anderen Plattenbauten schon fast beim Kulkwitzer See liegt, werden Mitarbeitende und Studierende des Lehrstuhls für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens der Universität Aachen sowie Architekten aus München gemeinschaftliche Wohnformen untersuchen.

Das Ziel des Projekts besteht darin, zu erforschen, wie bestehende Gebäude besser genutzt und sinnvoll umgebaut werden können, um Wohnraum zu schaffen, der an die aktuellen Bedürfnisse von gemeinschaftlichem Wohnen angepasst ist. In einem vorausgegangenen Forschungsprojekt des Lehrstuhls wurde das standardisierte Grundrisssystem WBS-70 untersucht und dessen Potenzial für zeitgemäße und flexible Wohnformen aufgezeigt.

Es hallt in dem leerstehenden Gebäude, während Wagner spricht: »Es ist die bauliche Grundstruktur, die sich eignet, und es ist ein charakteristischer Gebäudetyp.« So ist es möglich, die Grundstruktur zu entwickeln und sie mit wenigen Unterschieden auf weitere Gebäude mit dem standardisierten Grundriss anzuwenden. Das Projekt ist nicht die einzige Neunutzung von Plattenbauten. »Dieses Projekt unterscheidet sich aber dadurch«, erzählt Yanik Wagner, »dass ich die Größe der Wohnung an meine aktuelle Lebenssituation anpassen kann, ohne sie wechseln zu müssen.«


Das Nukleusprojekt: Flexibles Wohnen im WBS70

Die Grundidee ist der sogenannte Nukleus, nach dem auch das Projekt benannt ist. Der »Nukleus« besteht aus zwei Zimmern, einer Küche und einem Bad. Dies bildet die Basis, den »geschützten Kern« des Wohnens. Auf der einen Seite des Flures sind ein oder mehrere Nuklei. Auf der anderen Seite des Flurs befinden sich je nach Etage drei bis sechs zusätzliche Zimmer. Nach Bedarf können die Menschen diese Zimmer zusätzlich bewohnen oder wieder abgeben. Der Flur wird gemeinschaftlich genutzt. Im Erdgeschoss des Gebäudes wird es eine Gemeinschaftsküche und zwei Gästezimmer geben. Auf einer Etage können mehrere Wohngemeinschaften leben und weitere Personen einzelne Zimmer bewohnen und die Küche im Erdgeschoss nutzen. So kann das Gebäude flexibel genutzt werden. Aus Forschungssicht ermöglicht diese Flexibilität aus Rückzug und Privatheit und gleichzeitig gemeinschaftlichem Zusammenleben. Außerdem stellt sich die Frage, wie Menschen diese extreme Flexibilität erleben, erklärt Nina Vollbracht. Gemeinschaftliches Wohnen ist möglich, aber keine Voraussetzung für das Projekt.


Forschung über Räumlichkeiten und Gemeinschaft

Die Mitarbeitenden des Lehrstuhls wollen erforschen, wie die Menschen diese neue Art Wohnraum nutzen und wie sie sich dabei fühlen. Es laufen fünf Promotionen zu unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten im Rahmen des Projekts. Yanik Wagner beschäftigt sich zum Beispiel mit dem »akustischen Wohlbefinden«. Dabei geht es um das Wohlfühlen in einem Raum bezogen auf die Geräusche die zu hören sind. »Wohnungsgrenzen« ist das Thema von Vollbracht, die sich mit den räumlichen Grenzen und ihrer Bedeutung für verschiedene Familienkonstellationen wie Patchwork- oder queere Familien auseinandersetzt.

Die sechs zusammenhängenden Gebäude in der Liliensteinstraße im Leipziger Stadtteil Grünau sind im Besitz der Leipziger Wohnungsgenossenschaft Lipsia und befinden sich noch im Urzustand aus den 1980er Jahren. Laut Lipsia ist eine Sanierung ab 2028 geplant. Bis dahin werden drei Gebäude vom Nukleusprojekt genutzt. Die Wohnungsgenossenschaft möchte den Forschenden ermöglichen, dem WBS70 eine zusätzliche Zukunftsperspektive zu eröffnen. Ob das Nukleuswohnen als Konzept übernommen wird, ist unklar. Nina Vollbracht erzählt, dass das Projekt unter anderem durch Eigenmittel des Lehrstuhls der Hochschule Aachen und der Stadt Leipzig finanziert wird.


Probewohnen in den Sommermonaten

Das Probewohnen, das ein zentraler Teil des Forschungsprojekts ist, können die Teilnehmenden daher sehr kostengünstig antreten. »Wir werden keine Miete verlangen, sondern nur die Neben- und Betriebskosten umlegen«, erklärt Wagner. Am Tag des Interviews ist es sehr kalt in dem Haus. Wagner und Vollbracht tragen warme Kleidung und Arbeitssicherheitsschuhe. Da es keine Heizung gibt, kann das Haus nur im Sommer bewohnt werden. Warmwasser wird es während der Probewohnzeit allerdings geben. »Es ist ein Forschungsprojekt mit gewissen Einschränkungen«, sagt Wagner. Das Probewohnen findet deshalb in den Sommermonaten von Juni bis Ende September 2026 statt.

Zum Probewohnen sind Menschen mit oder ohne Kinder, Singles, Paare, größere Kollektive, Familien oder Paarkonstellationen mit offener Beziehungsstruktur sowie queere Familien eingeladen. »Wir möchten Diversität im Sinne unterschiedlicher Lebenssituationen testen«, ergänzt Nina Vollbracht. Interessierte können sich direkt bei dem Projekt bewerben und sollten eine Offenheit für regelmäßige Befragungen mitbringen. Vollbracht fügt hinzu, dass es eine Möglichkeit sei, gemeinschaftliches Wohnen auszuprobieren.

Einige der geplanten Umbauten sind bereits mit weißer Farbe an Boden und Wänden markiert. Es ist lautes Hämmern zu hören. Im Treppenhaus hängen auf jeder Etage die Baupläne für den Umbau, der bis Mai fertiggestellt sein soll. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von Grünau wird es Baustellenführungen geben. Darüber hinaus sind Veranstaltungen geplant, um das Projekt vorzustellen und über flexibles Wohnen zu sprechen.

Bis dahin wird weiter gebaut. »Ich wünsche mir von dem Projekt, dass Menschen über das Wohnen in Verbindung oder in den Austausch miteinander kommen können. Und dass es einen einladenden Charakter für das Viertel hat«, erklärt Nina Vollbracht. Noch ist das Gebäude grau, staubig und wenig einladend. Doch zwischen Wippe und Wäscheleine im Hof schimmert bereits die Idee eines anderen Ortes.


> Mehr Infos unter www.nukleuswohnen.site


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