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Orte jüdischen Lebens

… und der Erinnerung daran in der Stadt

  Orte jüdischen Lebens | … und der Erinnerung daran in der Stadt  Foto: Britt Schlehahn


Mitte

Augustusplatz 12/Goethestraße 2 Krochhochhaus, 1927/28 für die 1877 in Leipzig gegründete Privatbank Kroch jr. KGaA errichtet. Das erste Hochhaus Leipzigs entstand auf Initiative von Hans Kroch (1887–1970).Am 9. November 1988 eröffnet hier aus Anlass des 50. Jahrestages der Pogromnacht die erste Ausstellung zu jüdischer Kultur und Leben in Leipzig mit 16.000 Besucherinnen und Besuchern unter dem Motto »Lasst uns die Warnungen erneuern …«.

Goethestraße 1 Königshaus an der Ecke zur Grimmaischen Straße, an dem seit 2003 eine Gedenktafel an das ehemalige jüdische Kaufhaus Bamberger & Hertz erinnert, das 1911 eröffnet wurde. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten die drei unteren Stockwerke völlig aus.

Westseite der Thomaskirche 2008 wurde das Mendelssohn-Denkmal eingeweiht. Fünf Jahre zuvor vereinbarten OBM Tiefensee und Kurt Masur, dass das vom 9. zum 10. November 1936 abgebaute Mendelssohn-Denkmal (vor dem damaligen Gewandhaus im Musikviertel) wieder aufgestellt werden soll. Es handelt sich um dessen Kopie.

Wilhelm-Leuschner-Platz Hier befand sich bis zur Zerstörung 1943 das Kaufhaus Ury, heute eine Baugrube.

Hauptbahnhof Mahnmal für die aus Leipzig Deportierten, Gleis 24. Eingeweiht am 27. Januar 2012 und initiiert vom Friedenszentrum Leipzig, erinnert es einerseits an den letzten Deportationszug aus Leipzig am 14. Februar 1945 ins KZ Theresienstadt. Andererseits schließt der Gedenkort alle Menschen ein, die von hier aus über das Eisenbahnnetz zur Zwangsarbeit oder in Vernichtungslager verschleppt worden sind.

Karl-Tauchnitz-Straße 8 Es gab in der Stadt nach 1939 mehr als vierzig sogenannte Judenhäuser, in die Jüdinnen und Juden ziehen mussten, weil ihnen per Gesetz die Mietverhältnisse gekündigt wurden. Das Haus gehörte noch bis 1942 Emmy Hirschfeld (*1897), die dann nach Hildesheim zog und 1943 im Warschauer Ghetto ums Leben kam. Das Leipziger Adressbuch listet 1941 als Mieter Hermann Braunsberg (1888–1944 KZ Auschwitz), Kaufmann und Inhaber einer Berliner Textilfirma, seinen Sohn Peter (1921–1942 KZ Auschwitz), Leopold Leibusch Reisapfel (1881–1942 Leipzig), Prokurist der Bank Knauth, Nachod & Kühne, sowie den Rechtsanwalt und Notar Felix Zernik (*1883, nach Deportation am 21.2.1942 nach Riga verschollen). Nach 1942 steht unter der Bezeichnung Eigentümer ein langer schwarzer Strich im Adressbuch – im Haus ist nun die NS-Frauenschaft beheimatet. Heute sitzen hier einige Firmen.

Gottschedstraße 3 Hier wurde am 10. September 1855 die Gemeindesynagoge »Der Tempel« geweiht. Nach der Reichspogromnacht verfügte der sächsische Innenminister den Abbruch ab dem 12. November 1938. Danach war ein Geschäfts- und Wohnhaus und nach 1944 ein Bunker geplant. Nach 1945 entstand ein Parkplatz. Der 1966 eingeweihte Gedenkstein für die Große Gemeindesynagoge und die im Nationalsozialismus ermordeten Gemeindemitglieder schuf der Leipziger Bildhauer Hans-Joachim Förster. 1992 wurde der Gedenkstein geschändet und mit städtischen Mitteln wieder hergestellt. Am 24. Juni 2001 wurde die Gedenkstätte am Ort der Großen Gemeindesynagoge nach dem Entwurf von Anna Dilengite und Sebastian Helm eröffnet.

Apels Garten 4Ez-Chaim-Synagoge – Apels Garten, 1922 von Chaim Eitingon dem Talmud-Thora-Verein gestiftet, Umbau der ehemaligen Turnhalle durch Gustav Pflaume, größte orthodoxe Synagoge in Sachsen, zerstört am 9. und 10. November 1938 und danach abgerissen, nach 2000 Gedenktafeln an der Autowerkstatt sowie eine Erinnerungstafel. Nach längerer Zeit ohne Erinnerungsspur werden im Juni 2023 eine Audioinstallation sowie ein Banner mit einer Innenansicht der Synagoge auf Initiative des Notenspur-Vereins eröffnet.

Osten

Goldschmidtstraße 20 Henriette-Goldschmidt-Schule (seit 1945), seit 1992 Berufliches Schulzentrum 11, Sozialwesen der Stadt Leipzig Henriette Goldschmidt, 1910 schenkte der Verleger Henri Hinrichsen (1868–1942 KZ Auschwitz) per Urkunde mit der Widmung »Dem edlen Streben deutscher Frauen« die Häuser in der damaligen Königstraße 18 und 20 zur Errichtung der ersten Hochschule für Frauen, als eine »höhere soziale Bildungsstätte für die Frauenwelt«, um »die Teilnahme der Frau am Geistesleben unserer Zeit zu ermöglichen«, wie es Goldschmidt vorab schon formulierte; 1914 Einweihung des Hauses in der Goldschmidtstraße 2.

Goldschmidtstraße 28 Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, benannt nach dem russisch-jüdischen Historiker Simon Dubnow (1860–1941). Nach Gründungsbeschluss des Sächsischen Landtags hat das Dubnow-Institut 1995 seine Arbeit aufgenommen, seit 1996 in Kooperation mit der Uni Leipzig, deren An-Institut es seit 2000 ist, 2018 Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft.

Stephanstraße Nahe der Sternwarte steht seit November 2024 eine Gedenktafel für den ersten israelitischen Friedhof der Stadt (1814–1864). 1936 kündigte die Stadt den Pachtvertrag, das Gelände wurde dem Schreberverein Johannistal 1832 zugeordnet. Der Großteil der Grabsteine wurde zerschlagen, die Toten wurden exhumiert und in einem Massengrab auf dem Neuen Israelitischen Friedhof beigesetzt, auf dem auch einzelne Grabsteine des ersten israelitischen Friedhofs stehen.

Kreuzstraße 3 1914–19 arbeitete hier der Kurt Wolff Verlag, an den seit 1997 eine von Harald Alff gestaltete Bronzetafel erinnert.

Riebeckstraße 63 Ehemalige Leipziger Arbeitsanstalt, Eröffnung am 8. November 1892 als »Zwangsarbeitsanstalt zu St. Georg«. Im Nationalsozialismus und vor allem nach Kriegsbeginn Sammel- und Durchgangslager für Juden, Roma und Sinti auf dem Weg in die Vernichtungslager oder als Ort der Zwangsarbeit. 

Kamenzer Straße 10/12 Im Sommer 2022 wird eine Gedenktafel in der Nähe des Außenlagers des KZ Buchenwald aufgestellt. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten hatte bereits zehn Jahre zuvor eine eigene Tafel angebracht, die immer wieder zerstört wurde. 

Westen

Hinrichsenstraße 14 (ursprünglich Auenstraße) Ariowitsch-Haus. Inschrift im Eingangsbereich: »1931 stiftete die Familie Ariowitsch / dieses Haus im Gedenken an / Julius Ariowitsch / als jüdisches Altersheim / 1942 wurden die Bewohner nach Theresienstadt deportiert / sie kehrten nicht zurück«. Es waren mehr als 200 Menschen. Danach Gestapo-Sitz, im April 1945 zuerst von der US-Armee, später von der Sowjetarmee besetzt. Im Juli 1948 ging es an die Israelitische Religionsgemeinde, die es an die Stadt Leipzig vermietete, die es als Altersheim nutzte. Die seit 2000 existierenden Umbaupläne zu einem Kultur- und Begegnungszentrum wurden erst 2006 nach juristischen Auseinandersetzungen mit der Nachbarschaft umgesetzt, die sich dagegen aussprach. Im Mai 2009 eröffnete das neue Ariowitsch-Haus.

Alexanderstraße 43 Bis Ende Oktober 2025 wurden in der Stadt 847 Stolpersteine an 296 Orten sowie drei Stolperschwellen verlegt. Hier liegen die ersten Stolpersteine, die am 3. April 2006 für die Familie Prinz verlegt wurden.

Färberstraße 11 Ahwath-Thora-Synagoge, 1921 hier errichtet. Das Haus befand sich im Besitz von Louise Ariowitsch und wurde im November 1938 zerstört. Schließung der Synagoge 1939, danach Obdachlosenheim und Judenhaus, 1946 erste Sederfeier nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier wie an weiteren 13 Standorten für Synagogen und Betstuben erinnert die Leipziger Künstlerin Nina K. Jurk in ihrer Arbeit »Spuren«. Dabei handelt es sich um Lichtsäulen, die an Thorarollen erinnern, die sie erstmals 2002 aufstellte und dann ab 2023 in der Zeit vom 28. Oktober (in Erinnerung an die Polenaktion) bis Ende November.

Elsterstraße 7 Felix-Goldmann-Haus, im Krieg zerstört. Seit 2018 befindet sich vor dem Altneubau eine Gedenktafel für den Sportverein Bar Kochba in Erinnerung an dessen Geschäftsstelle. Dargestellt ist ein Fußballspieler – obwohl auch viele Mädchen und Frauen im Verein sportlich aktiv waren. Die Tafel wurde 2024 zerstört und ist wieder neu aufgestellt.

Friedrich-Ebert-Straße 16 Henriette-Goldschmidt-Haus. 1889 durch den Verein Familien- und Volkserziehung erworben. Sitz eines Kindergartens und einer Ausbildungsstätte für Erzieherinnen sowie einer Kinder-Lesehalle, Wohnort von Henriette Goldschmidt bis zu ihrem Tod 1920. Stifter Henri Hinrichsen verlieh danach dem Haus den Namen und übergab es der Stadt zum Zwecke der Frauenbildung. 1991 verkaufte es die Stadt. Abriss wegen Vergrößerung der Straße im Vorfeld der Fußball-WM 2006. Ein Neubau trägt heute den Namenszug über der Eingangstür.

Eitingonstraße 12 Das 1928 eingeweihte Eitingon-Krankenhaus stand bis 1938 allen Konfessionen offen, wurde ein Jahr später per Anweisung von Gauleiter Martin Mutschmann enteignet und bis Juni 1943 auf einer Station in Haus B 5 bzw. Haus D 1 der Heilanstalt Dösen (Chemnitzer Str. 50) untergebracht. Alle Patienten und das Personal wurden im Juni 1943 deportiert. Heute in der Verwaltung des Klinikums St. Georg.

Ferdinand-Lassalle-Straße 2023 wurde hier eine Gedenktafel der Stadt an den ehemaligen Thomanerchorleiter Günther Ramin (1898–1956) angebracht. Keine Erwähnung finden darauf die hier davor lebenden jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner, wie etwa der Bildhauer und Arzt Raphael Chamizer (1882–1957), dem und dessen Familie das Stadtgeschichtliche Museum 2019 eine Ausstellung widmete.

Wettiner Straße 9 Seit 2023 bringt die AG Jüdisches Leben des Bürgervereins Waldstraßenviertel Gedenktafeln an Häusern in Augenhöhe an, um der ehemaligen jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels zu gedenken. Die Idee basiert auf dem Buch von Barbara Kowalzik »Wir waren eure Nachbarn. Die Juden im Leipziger Waldstraßenviertel«, das 1996 erschien. Hier hängt die Gedenktafel für Hedwig Burgheim (1887–1943 KZ Auschwitz).

Gustav-Adolf-Straße 7 Zentrum für barrierefreies Lesen, 1913 eröffnet als Höhere Israelitische Schule, initiiert vom Rabbiner Ephraim Carlebach. Nachdem Ende Juni 1942 alle jüdischen Schulen schließen mussten, befand sich hier ein sogenanntes Judenhaus. Im Erdgeschoss des heutigen Zentrums für barrierefreies Lesen erinnern Gedenktafeln an das jüdische Schulwerk in Leipzig 1912–1942 – basierend auf den Forschungen und Publikationen von Barbara Kowalzik (1939–2025).

Karl-Heine-Straße 43 1904 eröffnet Max Joske das Kaufhaus Joske, welches vom Architekten Wilhelm Haller 1927–29 umgebaut wird. Ein Foto von 1929 ist heute in der hinteren Biomare-Halle zu sehen. 1934 musste das Kaufhaus Konkurs anmelden, fünf Jahre später wurde es zwangsversteigert.

Jahnallee 61 Capa-Haus, Zweigstelle des Stadtgeschichtlichen Museums, die an Gerda Taro und Robert Capa erinnert (s. Titelgeschichte im kreuzer 4/2025), zudem Sitz des Verlages Hentrich & Hentrich, der sich jüdischer Kultur und Zeitgeschichte widmet.

Spittastraße 7 1918 gegründeter Henriette-Goldschmidt-Kindergarten

Josephstraße 7 2012 eröffnete Erinnerungsstätte, die die Geschichte des Hauses in jüdischem Besitz, dessen jüdische Bewohnerinnen und Bewohner sowie den Umgang der Stadt nach 1990 dokumentiert. Ein Stolperstein erinnert an Ida Jetty Lotrowsky, geboren 1890 in Łodz, musste nach 1939 in das Judenhaus in der Nordstr. 11 ziehen, wurde am 21.1.1942 nach Riga deportiert und starb am 25.11.1944 in Stutthof.

Merseburger Straße 84 Kaufhaus Held, gegründet 1906, seit 1913 in der Merseburger Straße. Die Gründer Albert und Moritz Held wohnten bis 1926 im Kaufhaus. Emigration nach England, Arisierung 1937.

Norden

Keilstraße 4 Gemeindesynagoge, Wohnhaus 1897/98 von Georg Wünschmann errichtet, 1903/04 Ausbau des Erd- und Obergeschosses des Wohnhauses zur orthodoxen Synagoge. Kaum Zerstörung am 9. und 10. November 1938, erzwungene Aufgabe im Juni 1942, danach Lagerhalle für Lacke und Farben. Seit Oktober 1945 wieder Gottesdienste.

Parthenstraße 1988 errichteter Gedenkstein von Bildhauer Peter Markolies, der an die Reichspogromnacht erinnert, als hier Jüdinnen und Juden hingetrieben wurden.

Berliner Straße 123 Alter Israelitischer Friedhof, von 1864 bis 1928 in Benutzung, mit Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges von Wilhelm Haller.

Delitzscher Straße 224 Neuer Israelitischer Friedhof, dessen expressionistisch gestaltete Trauerhalle im November 1938 zerstört und im Februar 1939 gesprengt wurde. 1955 eröffnete die neue Trauerhalle. Hier befindet sich das Mahnmal für die Opfer des Naziregimes (S. 8).

Delitzscher Landstraße Heute Brache und Parkplatz, 1922 Einweihung des Sportplatzes von Bar Kochba (1919 gegründeter jüdischer Sportverein), Pläne von Wilhelm Haller. 2016 Zerstörung der letzten Baureste der Anlage, 2020 Aufstellung einer Erinnerungstafel innerhalb der Sportroute Leipzig.

Am Hirtenhaus 4 Die beiden Stolpersteine erinnern an Max (*1878) und Mary Lesser (*1892). 1938 wohnen sie hier in der Straße im Schußheim’schen
Altersheim, das der jüdische Buchhändler Sindel Siegfried Schussheim 1931 für jüdische Menschen initiierte. Max und Mary Lesser wurden am 21. Januar 1942 nach Riga deportiert und gelten seitdem als verschollen. Die beiden Stolpersteine wurden im vergangenen Jahr mehrmals geschändet.

Süden

Grassistraße 5 Mendelssohnufer. Am 26. Mai 1892 wurde vor dem damaligen Gewandhaus das Bronzedenkmal für den ehemaligen Kapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy errichtet, das 1936 abgebaut wurde. Im Oktober 1946 wurde vor dem zerstörten Gewandhaus ein schlichter Naturstein mit den Lebensdaten von Mendelssohn Bartholdy aufgestellt. Ein Jahr später weihte OBM Erich Zeigner die von Walter Arnold geschaffene Büste ein, die 1967 an die Westseite der Fritz-von-Harck-Anlage umgestellt und mit der Eröffnung des heutigen Mendelssohnufers am 12. Juli 2008 ebenda postiert wurde.

Wächterstraße 32 Polenaktion am 28. Oktober 1938, als der polnische Generalkonsul fast 1.300 Leipzigerinnen und Leipzigern mit polnischem Pass Asyl vor der Abschiebung an die polnische Grenze gewährte.

Am Wolfswinkel, Markkleeberg Gedenkstein, der an das Außenlager vom KZ Buchenwald (31. August 1944 bis 13. April 1945) erinnert, in dem über 1.000 ungarische Jüdinnen und Französinnen Zwangsarbeit bei der Produktion von Flugzeugteilen für die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG in der ehemaligen Spinnerei Stöhr leisten mussten. Am 13. April 1945 begann der Todesmarsch in Richtung Theresienstadt, an den der jährliche Schneeblumen-Gedenkweg (vgl. Zahava Szász Stessel: Schneeblumen. Überleben im KZ Buchenwald-Außenlager Markkleeberg (Leipzig: Hentrich & Hentrich 2021) erinnert. Ab dem 13. April 2026 findet der diesjährige Schneeblumen-Gedenkweg bis nach Meißen statt. 


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