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Stadtleben

Einsam in der Großstadt

Junge Menschen fühlen sich seit der Corona-Pandemie immer noch besonders einsam

  Einsam in der Großstadt | Junge Menschen fühlen sich seit der Corona-Pandemie immer noch besonders einsam  Foto: Jeden zweiten Mittwoch im Monat trifft sich die Wind-und-Wetter-Gruppe gegen Einsamkeit vor dem Sommerbad Kleinzschocher/Michael Hertz


Der Weg zum Treffpunkt der Wind-und-Wetter-Gruppe im Volkspark Kleinzschocher ist matschig, die Sonne geht schon unter. Jeden zweiten Mittwoch im Monat trifft sich die offene Selbsthilfegruppe für junge Menschen bis 35 Jahre, die unter Einsamkeit und Depression leiden. Ins Leben gerufen wurde die Gruppe von der Selbsthilfekontakt- und Informationsstelle der Stadt Leipzig, um einen ungezwungenen Austausch an der frischen Luft für junge Menschen zu ermöglichen. Die beiden Leiter führen zwar durch das Gespräch, sind aber auch selbst Betroffene und teilen ihre Erfahrungen. Dass in den Wintermonaten weniger junge Menschen das Angebot wahrnehmen, sei laut den beiden nicht ungewöhnlich. In den Frühlings- und Sommermonaten erscheinen um die fünf bis zehn Teilnehmende, erzählen sie. Heute und auch einen Monat später warten wir vergeblich auf weitere Personen. Dabei zeigen zuletzt erschienene Zahlen wie die der Bertelsmannstiftung von 2024: 46 Prozent der 16- bis 30-Jährigen fühlen sich stark oder moderat einsam. Junge Menschen in städtischen Gebieten sind laut dieser häufiger betroffen als auf dem Land. Der Einsamkeitsreport der Techniker-Krankenkasse von 2024 verzeichnet außerdem höhere Einsamkeit bei 18- bis 39-Jährigen als bei über 60-Jährigen. Wie kann es sein, dass sich die Generation mit dem meisten sozialen Austausch am einsamsten fühlt? Und wie geht es den jungen Leipzigerinnen und Leipzigern heute?

Junge Menschen werden unverbindlicher

Christine Rummel-Kluge beschäftigt sich in ihrem Beruf viel mit Einsamkeit. Sie war sieben Jahre lang Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und ist seit 2017 Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Rummel-Kluge bestätigt: Junge Menschen fühlen sich erstmals seit der Pandemie einsamer als ältere. Auch bei den Leipziger Studierenden sei »die Einsamkeit immer noch anhaltend hoch«, sagt sie. Im Gegensatz zum Alleinsein, das ein objektiver Zustand sei, »ist Einsamkeit als subjektive Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen definiert.«, erklärt die Psychologin. Im Zusammenhang mit der Pandemie betrachtet Rummel-Kluge »Einsamkeit, die man während eines sozialen Austauschs empfindet, als eine eher neuere Entwicklung.«

Nun liegt die Pandemie einige Jahre zurück. Was hat sich seitdem verändert – oder vielmehr nicht wieder eingestellt? Beatrix Stark ist psychosoziale Beraterin an der Universität Leipzig und der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur und sagt: »Immer mehr Studierende nehmen eine fehlende Wertschätzung in den Beziehungsgestaltungen wahr.« Das bedeutet: Die Catchup-Culture ist auf dem Vormarsch – getroffen wird sich nur zum kurzen Austausch, um sich auf den neusten Stand der Dinge zu bringen – oder Treffen finden »auf Sponti« statt. Zusätzlich verbringt ein Viertel der Kinder und Jugendlichen laut einer neuen Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit von 2025 ihre freie Zeit chronisch online auf sozialen Medien – und das in einem riskanten bis krankhaften Ausmaß. Immer häufiger erzählen Studierende der Beraterin Stark von zunehmender Unverbindlichkeit und dem Gefühl, im sozialen Umfeld keinen Anschluss zu finden. Stark vermutet, dass die Lockdownzeit während der Coronapandemie auch dazu beigetragen habe, dass Jugendliche in den besonders vulnerablen Teenagerjahren sozialen Austausch nicht richtig lernen konnten.


Einsamkeit unter Menschen – ein neues Phänomen

Bei Hanna (Name von der Redaktion geändert) entstehe das Gefühl der Einsamkeit häufig gerade dann, wenn sie unter Menschen seit. Sie erzählt dem kreuzer, dass Einsamkeit die 25-Jährige schon lange begleite – auch, weil sie schon seit dem Kindesalter an Depressionen leide. Hanna ist vor fünf Jahren nach Leipzig gezogen, um Soziale Arbeit zu studieren und merkte dann, dass andere Studierende häufig nicht ihre Lebensrealität teilen. Ihr psychischer Zustand erschwere ihr den Zugang zu Orten, wo sozialer Austausch stattfindet. »Ich war nie so richtig der Typ, der zu Partys geht«, sagt Hanna. Sie schreibe lieber Geschichten als Techno zu hören. »Wenn es mir jetzt richtig schlecht gehen würde, dann gibt es niemanden, den ich anrufen könnte, der mich verstehen würde und dem ich wichtig bin« – das mache für Hanna Einsamkeit aus. Sie betont gleichzeitig, dass diese Wahrnehmung nicht immer der Realität entspräche.


In Anonymität der Stadt untergehen

In Leipzig gibt es zahlreiche Hilfsangebote für einsame Menschen. Hanna haben die Angebote des Leipziger Bündnis gegen Depression geholfen. Das Bündnis bietet beispielsweise kreative Workshops und Projekte oder auch eine Peer-Beratung an, also die Beratung Betroffener durch Betroffene. Denn auch wenn eine schnell wachsende Großstadt wie Leipzig erstmal viele Möglichkeiten zum sozialen Austausch bietet, ist es dadurch auch anonymer. »Es ist also eine Art Paradox: hohe Dichte, geringe Verbundenheit«, fasst es Psychologin Rummel-Klugen zusammen. Dass zu der Wind-und-Wetter-Gruppe gerade in den Monaten des Winter-Blues keine Menschen kommen, findet Rummel-Kluge aber nicht verwunderlich: Um eine solche Gruppe besuchen zu können, »sei genau das gefordert, was der Person im Moment vielleicht fehlt. Man braucht psychische Stabilität, man muss bestimmte soziale Kompetenzen haben. Das sind aber genau die Faktoren, die bei Einsamkeit oft eingeschränkt sind.«

Die letzten Corona-Einschränkungen sind drei Jahre her, aber junge Menschen fühlen sich nach wie vor einsam – selbst oder gerade in Städten mit hoher Fluktuation wie Leipzig. Sozialer Austausch, besonders unter Studierenden, wird unverbindlicher. Wer wie Hanna eher introvertiert ist und aus Gründen psychischer oder körperlicher Gesundheit mehr mit den eigenen Kapazitäten haushalten muss, geht schnell unter. Soziale Medien dürfen dabei als mögliche Ursache für die neue Unverbindlichkeit nicht vernachlässigt werden. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade verstärkt über den Suchtfaktor von TikTok und Instagram diskutiert wird. Die Psychosoziale Beraterin Stark und Psychologin Rummel-Kluge sind sich einig: Es braucht niedrigschwellige Angebote zum Austausch, wie etwa die Wind-und-Wetter-Gruppe. Mit Sorge betrachtet Hanna deswegen auch die aktuelle politische Entwicklung: Angesichts der angespannten Haushaltslage wird zunehmend die Finanzierung von sozialen Einrichtungen, Vereinen und Jugendclubs gestrichen. »Das ist sehr kritisch, weil das die Angebote sind, die für einsame und psychisch kranke Menschen oft die einzigen Kontakte sind«.

 


Anlaufstellen für Betroffene von Einsamkeit und Depression

Anonyme Telefonseelsorge: 0800/111 0 111, 0800/111 0 222 (tägl.0–24 Uhr)

Sozialpsychiatrischer Dienst im Krisenfall: 0341/99 99 00 01 (Mo–Fr 8–19 Uhr)

Infotelefon für Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention: 0800 / 33 44 5 33 (Mo/Di, Do 13–17, Mi, Fr 8:30–12:30 Uhr)


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