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Stadtleben

Klassenzimmer der Geschichte

Das Schulmuseum Leipzig zeigt seit 25 Jahren, wie Schule früher funktionierte und wie sie in Zukunft aussehen kann

  Klassenzimmer der Geschichte | Das Schulmuseum Leipzig zeigt seit 25 Jahren, wie Schule früher funktionierte und wie sie in Zukunft aussehen kann  Foto: Eric Kemnitz


Auf einem langen Flur hängen an den blau gestrichenen Wänden Weltkarten, Kreidetafeln und Lehrbücher. Die vielen Holztüren, die links und rechts vom Flur abgehen, tragen Beschriftungen wie »Werkstatt«, »Planetarium« oder »Karzer«. Kinder laufen mit schnellen Schritten durch die Räume, vorbei an Infotafeln und Schulheften. Sie sind jedoch nicht auf dem Weg in die große Pause, sondern bei einem Besuch im Schulmuseum Leipzig.

Das im Jahr 2000 eröffnete Museum ist aus einer Kooperation der Stadt Leipzig mit der Universität Leipzig und der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig entstanden. Es versteht sich vordergründig als »Werkstatt für Schulgeschichte«, also als Ort, an dem Besucher und Besucherinnen durch Mitmachangebote, Workshops, und nachgebaute Schulräume selbst ausprobieren können, wie der Schulalltag in der Vergangenheit aussah. Jährlich besuchen mehr als 25.000 Menschen die Einrichtung, darunter hauptsächlich Schulklassen. Sie schauen in Workshops und interaktiven Stationen beispielsweise Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, probieren Turnübungen wie Knie- oder Fersenheben aus oder setzen sich mit Konzepten für innovative Schularchitektur auseinander.

Es besteht auch die Möglichkeit, eine historische Unterrichtsstunde aus der Zeit der DDR oder des Kaiserreichs in dafür nachgebildeten Klassenzimmern zu erleben. Das beginnt zunächst mit der Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf die Rollen, in die sie gleich schlüpfen werden, inklusive Kostümen wie Schleife oder Matrosenkragen. Nach dem Klingeln der Schulglocke beginnt die etwa halbstündige Unterrichtsstunde. In strengem Ton läuft sie so ab, wie das vor hundert Jahren der Fall war, »mit Ausnahme der Prügelstrafe natürlich«, betont Jörn-Michael Goll, Leiter des Schulmuseums, während er das Konzept erklärt. Danach werden die Kinder und Jugendlichen dazu angeregt, das eben Erlebte zu reflektieren und in Bezug zum heutigen Schulalltag zu setzen. »Für viele Kinder ist das sehr eindrücklich«, sagt Jörn-Michael Goll.

Die Sammlung des Schulmuseums umfasst knapp 100.000 Objekte und Bibliotheksbestände, die ein möglichst realitätsnahes Bild der Vergangenheit vermitteln sollen. Man wagt sich kaum einen Schritt in den nachgebildeten Karzer, einer Art schulischen Arrestzelle, hinein, hat man doch das Gefühl, die Tür könnte jeden Moment ins Schloss fallen. Vielleicht würde man sich dann zwischen den Kritzeleien an den grauen Wänden verewigen, bevor man seine Strafe fertig abgesessen hat.

Auch der Ausstellungsraum zur Carlebachschule, der ersten jüdischen Schule Sachsens, entfaltet eine eindrückliche Wirkung: Über den Steinboden mit David-Stern-Muster gelangt man zu einer hohen Schrankwand. Deren Schubkästen sind versehen mit den Namen der ehemaligen Schülerinnen und Schüler und beinhalten die Geschichten von ihrem Leben im Nationalsozialismus.

Über zwei Etagen erstrecken sich Räume, die den historischen Alltag von Schulkindern im Raum Leipzig nachempfinden. Sie zeigen, wie sich mit dem gesellschaftlichem Wandel auch die Lehr- und Lernmethoden veränderten. Als »Herzstück« bezeichnet Jörn-Michael Goll dabei die Arbeit zur Demokratiebildung und Demokratievermittlung: »Unser Auftrag besteht darin, dass wir hier historisch-politische Bildungsarbeit betreiben, dass wir hier Demokratie hochhalten und dass wir hier jungen Leuten auch Möglichkeiten geben, über unsere Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.«

Mit seinen Angeboten wolle das Schulmuseum dazu anregen, Themen wie Schule und Lernen im Kontext von Gesellschaft und Demokratie zu reflektieren. Es verstehe sich dabei auch als Labor für Bildungsfragen und möchte Räume schaffen, in denen Ideen zu alternativer Bildungsvermittlung ausprobiert werden können. Mit Blick auf den Standort des Schulmuseums in einem Teil der ehemaligen Stasi-Zentrale Leipzigs betont Gisela Weiß, Professorin für Museumspädagogik an der HTWK Leipzig und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats des Schulmuseums, die besondere Bedeutung dieses Ortes: Es sei wichtig, »aus diesem Ort der Repression einen Bildungsort zu machen,« sagt sie.

Für seinen Beitrag zur Demokratiebildung erhält das Schulmuseum Leipzig nun die Plakette »Orte der Demokratiegeschichte«. Sie wird von der Stiftung »Orte der Deutschen Demokratiegeschichte« verliehen. Das Museum zeige anschaulich, wie sich Bildung, Erziehung und Schule im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und demokratischen Entwicklungen verändert haben, sagt Franziska Deutschmann, Mitglied des Stiftungsbeirats. Dadurch sensibilisiere es seine Besucher und Besucherinnen für Fragen demokratischer Bildung, Teilhabe und gesellschaftlicher Verantwortung.


> Schulmuseum. Goerdelerring 20, 04109 Leipzig, Öffnungszeiten: Mo–Fr 9–16 Uhr, www.schulmuseum.leipzig.de


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