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Kultur

Mein Freund der Baum

Die Kinostarts der Woche

  Mein Freund der Baum | Die Kinostarts der Woche  Foto: Filmstill »Silent Friend«/ Pandora Film


Die Leipziger Regisseurin Alina Cyranek spricht in ihrem Dokumentarfilm »Fassaden« mit Frauen, die Gewalt in der Beziehung erfahren haben, und legt ein politisches und gesellschaftliches System dar, das lieber wegschaut. Vor dem Filmstart zeigt die Passage den Film am 22.1. mit anschließendem Regiegespräch.

»Fassaden«: 22.01. 18:30 (Preview mit Regiegespräch), Passage-Kinos (ab 12.2. im Kino)


Film der Woche: Sie sind überall und beobachten uns. Stumme Zeugen der Zeit. Was denken Pflanzen über uns? Was fühlen sie? Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi (»Körper und Seele«) stellt sich diese Frage in ihrer Zeitreise durch drei Epochen. 1908 bewirbt sich Grete als erste Frau an der Universität in Marburg. Dort ist sie der Diskriminierung des Lehrpersonals schutzlos ausgeliefert und entdeckt ihre Leidenschaft für die Fotografie. 1972 lebt der junge Student Hannes am Rande der Stadt und verliebt sich in Gundula, ist aber zu schüchtern, den ersten Schritt zu machen. Im Jahr 2020, inmitten der Corona-Pandemie, sitzt schließlich der Wissenschaftler Tony auf dem menschenleeren Campus fest und studiert den Ginkgobaum im Garten der Universität. Der mächtige Baum ist der zentrale Protagonist von Enyedis philosophischem Film. Immer wieder sieht man die Ereignisse aus seiner Perspektive. Makroaufnahmen von Tautropfen, Spinnennetzen und Blättern verleihen dem Film etwas Abstraktes. Geredet wird wenig. In seiner zweieinhalbstündigen Laufzeit entwickelt der vielfach preisgekrönte Film einen Sog. Die Grenzen der Zeit verwischen, werden von einer Linie zu einer Ebene, die assoziativ alles vereint, ganz ähnlich wie Mascha Schilinski »In die Sonne schauen« inszenierte. In den Hauptrollen glänzen Tony Leung (»In the Mood for Love«) und Luna Wedler, die beim Filmfestival in Venedig mit dem Darstellerinnenpreis ausgezeichnet wurde. 

»Silent Friend«: ab 15.1., Passage-Kinos


Die Story klingt wie aus einem Film der Dardenne-Brüder oder von Ken Loach. Eine junge Mutter verliert ihren Partner. Angesichts steigender Mieten kann sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Weil sie aber keine Sozialhilfe beantragen will, beginnt sie sich als Sexarbeiterin zu verdingen. Tatsächlich gibt es Gemeinsamkeiten zu den sozialrealistischen Werken der genannten Regisseure. Eher triste Umgebungen, wenig Musik, ein großes Herz für die Communitys in den Arbeitervierteln. Doch der Fokus der belgisch-französischen Regisseurin Alexe Poukine liegt zunächst auf ihrer Protagonistin Kika. Dicht bleibt die Kamera ihr auf den Fersen. Dokumentiert ihre Versuche sich nach ihrem Verlust ein neues Leben aufzubauen. Manon Clavel spielt das grandios. Einerseits die Trauer. Andererseits den Sprung ihrer Figur in die Welt der Prostitution. Diese wird in einer Genauigkeit porträtiert, wie man das selten sieht. Da können erwachsene Männer Windeln tragen oder Schuhe ablecken. Immer behält der Film seinen emphatischen Blick und auch Kika beginnt sich durch ihre neue Umgebung zu verändern. Etwas bricht in ihr auf in den roten Zimmern des Stundenhotels. In Gemeinschaft mit den anderen Sexarbeiterinnen, die sie rasch unter ihre Fittiche genommen haben. »Madame Kiki« feierte Premiere in Cannes, steht in der Schlange für die Césars. Es ist ein berührender Film. Zärtlich und so gut, dass man ihm alle Preise wünscht. Und ein möglichst breites Publikum. JOSEF BRAUN

»Madame Kika«: ab 15.1., Passage-Kinos


Ein Tennisclub in der westdeutschen Provinz. Heribert führt die Geschicke seit Jahrzehnten mit fester Hand als Vorsitzender. Sein Stellvertreter Matthias hat wenig zu melden. Alles geht seinen gewohnten Gang bei der Sitzung im Vereinsheim, bis Melanie vorschlägt, für ihren Doppelpartner Erol einen zweiten Grill anzuschaffen. Schließlich ist er Moslem und darf kein Schweinefleisch essen. Da wäre ein Entgegenkommen ja nur richtig in einer aufgeklärten Gesellschaft. Der Deutschtürke winkt ab, aber Melanie versteift sich auf die Idee und regt eine Grundsatzdiskussion an, die bald aus dem Ruder läuft. Die »Stromberg«-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob schrieben mit ihrem Bühnenstück »Extrawurst« eine Figurenaufstellung zur Lage der Nation. Bissig nach rechts und links austeilend, halten sie der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. In cleveren Dialogen entlarven sie die Spießigkeit des Kleinbürgers und die Überheblichkeit der »Woken«. Das ist fast schon zu deprimierend nah an der Realität für eine Komödie. Marcus H. Rosenmüller (»Wer früher stirbt ist länger tot«) gelingt es, den Biss von der Bühne auf die Leinwand zu übertragen, dank eines großartigen Ensembles: Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Anja Knauer und Fahri Yardim, »der Erol«, über den alle in dritter Person sprechen. Im Theater kann man mitentscheiden, ob »der Erol« seinen Grill bekommt und die Vereinsmitglieder wieder zusammenfinden. Das Ende im Kino wirkt da doch recht hingebogen. Als Gesprächsangebot ist »Extrawurst« aber ein Matchwinner.

»Extrawurst«: ab 15.1., Passage-Kinos, Cineplex, CineStar, Regina-Palast


Weitere Filmtermine der Woche

Für den Schwung sind Sie zuständig
D 2003, Dok, R: Margarete Fuchs

Der Dokumentarfilm unternimmt eine architektonische Reise durch die Geschichte der DDR und beleuchtet das Schaffen Ulrich Müthers.

Stadtbüro, 20.1., 18 Uhr Vortrag/19 Uhr Film

Shorts Attack: Prima Klima
85 min

Filme in opulenten Landschaften und intensiven Farben zwischen Stadt und Land voller Menschen, Tiere und Pflanzen: Alles muss miteinander klarkommen, um gemeinsam weiterkommen zu können.

UT Connewitz, 15.01. 20:00 (OmU)
Schaubühne Lindenfels, 18.01. 19:30 (OmU)

Souleymanes Geschichte
F 2025, R: Boris Lojkine, D: Abou Sangaré, Alpha Oumar Sow, Nina Meurisse, 93 min

Der Pariser Lebensmittellieferant und Asylbewerber Souleymane hat nur zwei Tage Zeit, um sich für ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten, bei dem es um den Erhalt eines legalen Aufenthaltsstatus geht.

Cinémathèque, 20.01. 19:00 (mit Gespräch, OmU)

Tausendschönchen / Sedmirkrásky
CZ 1966, R: Věra Chytilová, D: Jitka Cerhová, Ivana Karbanová, Julius Albert, Jan Klusák, Marie Češková, 76 min

Der surrealistische Spielfilm ist einer der zentralen Filme der Tschechoslowakischen Neuen Welle.

Ost-Passage-Theater, 21.01. 20:00 (OmeU)

Amour fou im Kalten Krieg – Frankreich und die DDR
D 2024, Dok, R: Nina Rothermundt, 44 min

Zu Zeiten des geteilten Deutschlands ist Frankreich an guten Beziehungen mit der DDR interessiert. Bei vielen Sozialisten und ehemaligen Résistance-Kämpfern in Frankreich weckt die SED-Regierung Sympathie. Französische Kinder besuchen DDR-Ferienlager und erleben einen wahren Kulturschock. Für die meisten DDR-Bürger bleibt Frankreich jedoch ein unerreichbarer Sehnsuchtsort.

Zeitgeschichtliches Forum, 20.01. 18:00 (Filmvorführung und Gespräch mit Protagonistinnen,Regisseurin und arte-Redakteur Michael Gries)

Au revoir les enfants − Auf Wiedersehen, Kinder 
F 1987, R: Louis Malle, D: François Berléand, Philippe Morier-Genoud, Raphael Fejtö, 101 min

Frankreich 1944. Neugierig beobachtet Julien die drei neuen Mitschüler. Vor allem ist er von Bonnets geheimnisvoller Art fasziniert. Die Neugier ist berechtigt − Bonnet ist Jude. Ein Geheimnis, das zu einer behutsamen Freundschaft führt.

Schaubühne Lindenfels, 19.01. 18:30 (OmU, Soirée cinéma)

Das Cabinet des Dr. Caligari 
Weimarer Republik 1920, R: Robert Wiene, 76 min

Expressionistisches Meisterwerk der Stummfilm-Ära über den Hypnotiseur Caligari und seine Schöpfung. Mit musikalischer Begleitung von Tobias Rank.

Westkreuz Plagwitz, 23.01. 20:00 (Tobias Rank am historischen Blüthner Flügel)

Das fast normale Leben
D 2025, Dok, R: Stefan Sick, 135 min

Einfühlsam beobachtet der Dokumentarfilm den Alltag von vier Mädchen in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche.

Passage-Kinos, 21.01. 17:45 (mit Regisseur)

Die guten Jahre
AT 2025, Dok, R: Reiner Riedler, 94 min

In dem stillen und fein beobachteten Dokumentarfilm kehrt der Fotograf Michael Appelt nach Jahren des Fort- und Unterwegsseins ins elterliche Haus nach Perchtoldsdorf vor den Toren Wiens, zurück und zieht in sein Kinder- und Jugendzimmer. So entspinnt sich zwischen der Mutter Christine und ihrem Sohn ein Prozess der langsamen Wiederannäherung.

Luru-Kino in der Spinnerei, 20.01. 19:00 (24FPS – Fotografie im Film, Q&A mit Regisseur Reiner Riedler)

Die Mutter
UDSSR 1926, R: Wsewolod Pudowkin, D: Wera Baranowskaja, Nikolai Batalow, Alexander Tschistjakow, 88 min

Der Stummfilm zeigt eine Arbeiterfamilie in Sankt Petersburg im Revolutionsjahr 1905 und eine Mutter zwischen ihrem Sohn, der die Arbeiterbewegung unterstützt, und dem Vater, der gegen die Revolutionäre ist.

Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig, 23.01. 19:30 (Kinoorgel Live!, Stumm-Film-Zeit)

Evil Dead Trap
J 1988, R: Toshiharu Ikeda, D: Miyuki Ono, Aya Katsuragi, Hitomi Kobayashi, 102 min

Eine Late-Night-Fernsehmoderatorin erhält ein Snuff-Video, auf dem eine Frau brutal ermordet wird. Sie beschließt, mit einem Team zu dem in dem Video angegebenen Ort zu fahren, doch dort erwarten sie nur Tod und Verzweiflung.

Luru-Kino in der Spinnerei, 21.01. 19:00 (Horror-Doppel mit Donis, Japan-Horror)

Naked Blood
J 1996, R: Hisayasu Satô, D: Misa Aika, Yumika Hayashi, Mika Kirihara, 76 min

Ein Arzt entwickelt ein Serum, das Schmerz in Vergnügen umwandelt, und ist dabei etwas zu erfolgreich.

Luru-Kino in der Spinnerei, 21.01. 21:00 (Horror-Doppel mit Donis, Japan-Horror)

Luru Archive: Dolanies Melodie – Melodie des Todes / Yeti – Der Schneemensch kommt
I 1975/1977, R: Renzo Merusi/Frank Kramer, D: Peter Martell, Edwige Fenech, Giuseppe Addobbati/Phoenix Grant, Jim Sullivan, Tony Kendall, 203 min

Unfreiwillig komischer und genau dadurch für Genrefans höchst unterhaltsamer Abenteuer- und Monsterhorrortrash aus Italien im Doppelpack.

Luru-Kino in der Spinnerei, 19.01. 20:00

Fassaden 
D 2025, Dok, R: Alina Cyranek, 90 min

Die Leipziger Regisseurin spricht in ihrem Dokumentarfilm mit Frauen, die Gewalt in der Beziehung erfahren haben, und legt ein politisches und gesellschaftliches System dar, das lieber wegschaut.

Passage-Kinos, 22.01. 18:30 (Preview mit Regiegespräch)

Heldin
D/CH 2025, R: Petra Biondina Volpe, D: Leonie Benesch, Sonja Riesen, Selma Adin, 92 min

Auf der Bettenstation einer chirurgischen Abteilung ist das Pflegeteam ständig unterbesetzt. Trotz der Hektik kümmert sich Floria voller Hingabe um ihre Patientinnen und Patienten.

Cineding, 22.01. 19:00 (Reihe »Gewerkschaftskino«)

Menschen untereinander
D 1926, R: Gerhard Lamprecht, D: Alfred Abel, Aud Egede-Nissen, Eduard Rothauser, 108 min

Ein typisches Berliner Mietshaus der 1920er Jahre: Milieustudie, die an Originalschauplätzen und teils mit Laiendarstellern in Berlin gedreht wurde.

Paulinum – Aula und Universitätskirche, 17.01. 19:30 (Orgel und Stummfilm mit David Timm)

Notting Hill 
USA/GB 1999, R: Roger Michell, D: Julia Roberts, Hugh Grant, Richard McCabe, 124 min

Eine Hollywooddiva und ein Londoner Buchhändler verlieben sich durch eine Verkettung schicksalhafter Umstände ineinander. RomCom-Klassiker mit viel Wortwitz, Situationskomik und schrulligen Nebenfiguren.

Passage-Kinos, 18.01. 16:00 (Strick-Kino)

Outsider. Freud
ISR/Ö/D 2024, Dok, R: Yair Qedar, 66 min

Der Dokumentarfilm setzt sich mit Sigmund Freuds Verhältnis zum Antisemitismus auseinander.

Kinobar Prager Frühling, 20.01. 17:00 (mit Regisseur Yair Qedar)

Salomea
D 2025, Dok, R: Miriam Pfeiffer, 60 min

Dokumentarfilm von Miriam Pfeiffer über Salomea Genin, die 1932 als Kind polnisch-russischer Juden in Berlin geboren wurde.

Schaubühne Lindenfels, 18.01. 16:00 (und Konzert)

Uhrwerk Orange
GB/USA 1971, R: Stanley Kubrick, D: Malcolm McDowell, Patrick Magee, Adrienne Corri, 137 min

Der Anführer einer gewalttätigen Jugend-Gang wird nach einer neuartigen Therapie selbst zum Opfer. Bitterböse Satire über Individuum, Gewalt, Medien und Zivilisation nach dem Roman von Anthony Burgess.

Passage-Kinos, 19.01. 20:30 (Literatur trifft Film, OmU)


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