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Kultur

Wundervolle Wurzelbehandlung

»The Addams Family« entfaltet gesellschaftliche Bindekräfte – in zu kleinem Saal

  Wundervolle Wurzelbehandlung | »The Addams Family« entfaltet gesellschaftliche Bindekräfte – in zu kleinem Saal  Foto: Tom Schulz


Die »Addams Family« will partout nicht normal sein. Das färbt ab aufs normale Leben! Ein paar Stunden vor der vierten Vorstellung wird Franziska Becker, die Morticia spielt, von einem Auto angefahren. Sie muss zu lange in der Notaufnahme warten, entlässt sich selbst und spielt die Vorstellung mit Krücke und einem »XXL-Knie«, wie Muko-Direktor Torsten Rose zu Beginn vorm Vorhang berichtet. Oder ist sein Auftritt der neue Prolog?

Denn Becker wedelt mit der Krücke die Schleppe am Kleid so souverän zur Seite, dass man denkt: Das muss geprobt sein. So spielt sie sich peu à peu in den Mittelpunkt. Mindestens ebenbürtig steht sie neben ihrem Gatten Gomez Addams, Tobias Licht, der in der Premiere noch die Nase vorn hatte. Für sein Kabinettstückchen wurde er gefeiert, den Monolog über ein »Walnusskistchen, ausgeschlagen mit spanischem, roten Leder«, der fast im Suizid endete.

Das perfekte Unterhaltungstheater beginnt als Film mit fettem Sound aus dem Orchestergraben und stellt uns dann drei Bühnenbilder vor. In feiner Ästhetik, die Disney mit Caspar David Friedrich verbindet, sind stimmungsvoll ins Licht gesetzt: ein Friedhofseingang, eine Ahnengalerie und ein Park. In dieser Szenerie agieren allerlei Untote wie Marie Antoinette, Salvador Dalí und Napoleon. Dazu kommen die Hauptfiguren. Das Ensemble versteht es, den Figuren Profil zu geben. Olivia Delauré zeichnet mit comichaft-kantigen Bewegungen eine Wednesday, die sich erst noch aus ihrem Teenagerkorsett herauswinden muss. Ähnlich Nora Lentner, die sich als Alice aus der Mutterrolle ins selbstbestimmte Leben zurückkämpft. Die Großmutter von Sabine Töpfer, die sich für Sex im Alter starkmacht, weil »diese Zitrone noch Saft hat« und »geleckt« werden will. Das ist nicht mehr jugendfrei, wirkt aber als Statement. Oder Michael Raschle, dessen Lurch den ganzen Abend über in sich hineingrummelt, im Finale Worte und Töne findet und sich zur großen Arie aufschwingt. Onkel Fester besingt schließlich den Mond wie Wagners Wolfram den holden Abendstern. Sie alle, das ist wohl das Konzept, spielen und singen sich frei.

Regisseur Till Kleine-Möller und sein Team zeigen diese Selbstfindungsprozesse im Figurentableau, das die abendländische Kulturgeschichte zitiert und damit an die Wurzeln geht. Und das Finale hat noch eine zweite, aktuelle Botschaft: »Sei fürs Unbekannte bereit!« Wir reden viel über Spaltung der Gesellschaft. An diesem Abend kommt Gesellschaft zusammen. Auf der Bühne und im Parkett. Mit Humor werden politische Haltungen auf die Schippe genommen. Mit Humor wird das quittiert.

Lachen macht Seelen heil und schafft Toleranz. Mit so einer Wurzelbehandlung kann Theater seine Bindekraft ausspielen und beweisen, dass das öffentliche Geld nicht schlecht angelegt ist. »The Addams Family« ist diese Spielzeit komplett ausverkauft. Warum läuft so was nicht im großen Haus am Augustusplatz, wo derweil »Rigoletto« oder »Falstaff« vor ziemlich leeren Rängen gezeigt werden? Warum sortiert man nach E und U wie im letzten Jahrtausend und verschenkt so viel Potenzial? Musikalisch haben die »Addams« viel Farbe und Form. Vom Schlager bis zum Tango ist es ein Querschnitt durch die Welt der Musik, die das Muko-Orchester schön leuchten lässt. Warum also nicht mal dem Platzhirsch am Augustusplatz das Revier streitig machen?

Gut, dass auf Deutsch gesungen wird. Allerdings hätte man genauer übersetzen sollen. »Jede Fliege im Tee und New York im Schnee: Sitzt fest« oder: »Das Haar wird licht, wenn die Gattin sagt: Heute nicht!« – das kann man nur als Trash verstehen und passt so gar nicht zu der Inszenierung, die eben kein Trash ist. Ein kleiner Wermutstropfen. 

> »The Addams Family«: 17./18., 31.1. sowie alle Termine im Februar und März ausverkauft, Glück bei der Ticketbörse möglich: www.oper-leipzig.de/de/selfcare/market


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