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Kultur

Das Leichte als Protest

Eine Ausstellung in der HGB präsentiert das Konzept Leichtigkeit als bewusstes Dagegen

  Das Leichte als Protest | Eine Ausstellung in der HGB präsentiert das Konzept Leichtigkeit als bewusstes Dagegen  Foto: Eindrücke aus der Ausstellung »Notes on Lightness/ Notizen über das Leichte«/Lam Funke


In der Gegenwart Leichtigkeit zu empfinden im Anblick all der Katastrophen scheint fast aussichtslos. Die Ausstellung »Notes on Lightness/ Notizen über das Leichte« in der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst lädt ein, sich Leichtigkeit bzw. Leicht-Werden nicht als Auszeit von der Realität vorzustellen, sondern als bewusstes Dagegen. Dafür suchte Kuratorin und Galerieleiterin Ilse Lafer neun künstlerische Positionen aus, die sich einerseits in gesellschaftlichen Umbruchsmomenten entwickeln oder sich als Bewegungen oder Inszenierungen starren Mustern oder Machtstrukturen entziehen. Und das ist keine leichte Aufgabe.

Im hohen Galerieraum hängt die Raumskulptur »Vier Elemente aus der Serie DW«, die Charlotte Posenenske 1966/67 aus Wellpappe und Kunststoffschrauben schuf. Ihre Raumskulptur, im Galerieraum schwebend, wirkt auf den ersten Blick unentschieden zwischen industrieller Frischluftzufuhr und Raumwahrnehmungssensibilisierungsmaschinerie. Die Künstlerin (1930 – 1985) arbeitete als Bühnenbildnerin und ließ sich von der Minimal Art inspirieren. In der künstlerischen Produktion sollte ihrer Meinung nach nicht die künstlerische Individualität gefeiert werden, sondern die bildende Kunst Mittel und Wege finden, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. Daher liest sich ihr Statement zur Kunst aus dem Mai 1968 überhaupt nicht leicht, sondern eher schwer enttäuscht: »Obwohl die formale Entwicklung der Kunst in immer schnellerem Tempo weitergegangen ist, ist ihre gesellschaftliche Funktion verkümmert. Kunst ist eine Ware von vorübergehender Aktualität, aber der Markt ist winzig und Ansehen und Preise steigen, je weniger aktuell das Angebot ist. Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nichts zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.« Konsequenterweise beendete sie in dem Jahr ihre künstlerische Praxis und begann ein Soziologiestudium.

Unmittelbar unter der Raumskulptur tanzen Menschen im Gewitter – die Videoprojektion »Lightning Dance« von Cecilia Bengolea (1979 in Buenos Aires geboren, studierte anthropologischen Tanz, Philosophie und Kunstgeschichte) zeigt die Unbeschwertheit von Bewegung in einer Ausnahmesituation im öffentlichen Raum – einschließlich des Energieaustauschs bei Wetterkapriolen.

Gänzlich unspektakulär wirken dagegen fünf an der Wand im Galerieobergeschoss hängende Bahnfahrkarten. Sie grüßen aus dem analogen Zeitalter der frühen Neunziger. Ariane Müllers Arbeit »Illegal Travel Documents« künden von einer ganz anderen eigentlichen Leichtigkeit: die des Fälschens, um Erste-Klasse-Reisen anzutreten. Wobei für Müller feststeht: »Nach dem Durchschreiten der Kontrolle, ist die Fälschung keine Fälschung mehr.« Vielmehr stellt das Ticket nun eine Selbstermächtigung dar – mit relativ simplen Mitteln wie ein genauer Blick auf die Fahrkarten zeigt, die sich wiederum auch an ökonomischen Realitäten abarbeitet.

Bis Freitag läuft die Ausstellung noch. Am Mittwoch findet zudem eine Gesprächsrunde von 16–20 Uhr statt. Eingeladen sind die Philosophin Kathrin Busch, die Künstlerin Ariane Müller, der Kunsthistoriker Michael Klipphahn-Karge und der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl.


> »Notes of Lightness/ Notizen über das Leichte«: bis 24.1. HGB-Galerie, Di-Fr 14–18 Uhr
> Gesprächsrunde am 21.1., 16–20 Uhr in der HGB-Galerie


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